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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Ja, Kinder sind Freiheitsberaubung - zum Glück!

Kinder rauben uns Zeit und die Träume, die wir einst hatten. Sie stehen unserer Freizeit und der Selbstoptimierung im Weg. Sie lassen uns müde und derangiert aus dem Haus gehen. Welch ein Glück, findet stern-Stimme Laura Karasek.

Kinder: Fluch und Segen zugleich

Kinder: Fluch und Segen zugleich

Es gibt ihn nicht, diesen einen Moment – in dem Du plötzlich erwachsen bist. Es gibt ihn nicht, diesen einen Moment, in dem Du auf einmal genau weißt, was Du willst.

Jetzt will ich den wechseln, morgen ein Kind, übermorgen doch lieber saufen und Erdbeereis essen – oder gar ein anderes Leben? Auswandern, schreiben, musizieren. Man hat immer ein zweites Leben, das man nicht gelebt hat.

Ich war stets der Meinung "Die Dinge regeln sich von allein" – ich muss nichts entscheiden oder festlegen. Ich lasse geschehen.

Die größte Entscheidung ist oft eine ganz nebenbei gefällte. Aber , das wusste ich, die will ich mal haben. Irgendwann. Wenn ich groß bin.

Und wann genau ist das? Wie groß ist groß genug? Gottseidank habe ich diese Entscheidung einfach getroffen, ohne lang nachzudenken, ohne abzuwägen. Denn Kinder, so die Kinderlosen (und auch die Eltern, wenn sie jammern, obwohl sie ja "eigentlich soo gern Eltern sind, aber die Martha zahnt gerade und der Lucas schläft so schlecht"), halten uns doch ab von der Verwirklichung unseres Selbst, unserer Träume, von unserer Freiheit und Freizeit und vom Selbstoptimieren. Wir verwechseln die Person, die wir darstellen, mit der Person, die wir sind.

Wie soll das denn gehen, wo ich doch jetzt schon kaum Zeit für mich finde? Ich brauche das alles auch so dringend: meinen spannenden Beruf, meinen übergepflegten Body, meinen crazy Freundeskreis, die abgefahrenen Reisen, die wilden Abenteuer, viel healthy food, ein fancy Hobby, dauernd Training und Shaping – und viel Futter für Tinder und social media. Aber ein Kind- das bedeutet die Abkehr von Konsum, Karriere, Effizienz, Ego. Das Kind krabbelt und sabbert, frisst und scheisst. Da ist nichts sexy.

Und Erschöpfung kommt nicht gut an.

"Kinder sind die letzte Verpflichtung in einer Welt voller Auswahl", schreibt Rudi Novotny in der ZEIT.

Familien arbeiteten in der Nachkriegszeit 48 Stunden pro Woche – heute sind es fast doppelt so viel: 72! Gleichwohl hat sich die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, seit den 60er Jahren fast verdoppelt. Gespart wird an Schlaf, an Freizeit, am Ich.

Das wirkt auf Nichteltern abschreckend. "Schau mal, wie die sich gehen lässt..." zischen sie dann, bloß weil ihrer Freundin der Nagellack abgeblättert ist oder der Kollege es mal wieder nicht geschafft hat, sich die Haare zu waschen. Blass, übermüdet, unrasiert.

Kinder versprechen in vielerlei Hinsicht vielleicht nicht die schnelle Anerkennung, die auf dem uns wohlbekannten Arbeits- und Datingmarkt so generös verteilt wird. Und wir wollen doch alle so likeable sein, so begehrenswert. Wir sind Feedback-Junkies, die ihre Herzchen und Follower täglich zählen, wie ein Botaniker, der seine wachsende Pflanze bewacht. Neid muss man sich verdienen, Mitleid gibt’s umsonst. Es geht um Sichtbarkeit. "Begehren wir Dinge um ihretwillen, oder dadurch, dass sie uns von anderen als begehrenswert vorgeführt werden?" so Philosoph Rene Girard.

Ja, Kinder sind Freiheitsberaubung! Aber nur, weil DU selbst innerlich nie wieder frei sein kannst. Weil DU Sehnsucht hast. Weil man Du da sein WILLST! Sie sind das schlechte Gewissen, die Verantwortung, die Verpflichtung, das – auweia: commitment!

Aber vielleicht ist es gerade das, das : das Hingeben, das Entschleunigen – besser als ein gut lackierter Fingernagel oder ein optimal trainierter Body – Liebe. Ohne Austauschbarkeit.

Kind in der Festivalmenge