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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Frauen sollen als Frauen mächtig sein - und nicht nur im Tarnanzug

Die Frau sollte sich im Leben und in der Arbeitswelt nicht anpassen müssen, sondern genauso sein wie sie mag, findet stern-Autorin Laura Karasek: Auch in Stöckelschuhen, Rock und Lippenstift.

Von Laura Karasek

Frauen, seid wie ihr seid!

Frauen, seid wie ihr seid!

Getty Images

"Was Bernd über Anna sagt, sagt mehr über Bernd als über Anna."

Ich bin ein Freund von Toleranz. Von Andersseindürfen.

Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass auch Frauen in der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft hohe Schuhe tragen dürfen, wenn sie wollen. Und – wenn sie ganz wild und waghalsig sind - sogar noch Röcke und Lippenstift. Es wird Zeit, dass Frauen als Frauen mächtig sein können und nicht nur im Tarnanzug. Nicht als Männer verkleidet. Indem sie ihr Geschlecht verschleiern, räumen sie ein, dass sie leider "als Frau" nix werden konnten. Sie sollen einen Teil ihrer weiblichen Identität verleugnen und sich anpassen, um dem Bild von männlicher Dominanz zu entsprechen. Nur als Mann – oder jedenfalls wenn Du wenigstens so aussiehst wie einer – kannst Du erfolgreich sein. Nur als Mann wirst Du gehört und ernstgenommen. 

Immer soll es die Frau sein, die sich anpassen muss. Aber Emanzipation heißt nicht Gleichheit, sondern Freiheit der Wahl.

 Wir werden im Lokal angequatscht – steh doch auf und geh. Wir werden in der Bahn belagert – setz Dich um. Wir werden in der Bar bedrängt – geh halt nicht allein aus. Wir werden im Club befummelt – zieh Dir halt was Anständiges an. "Sei nicht so lasziv! Sei nicht laut! Hungrig. Gierig." Dieses "Männer sind halt so, die können nicht anders" darf nicht zur Standardausrede werden – weder als Rechtfertigung für garstige Typen noch für uns selbst. "Ich hab es ja so gewollt…" Und ja, es stimmt: von einigen Typen möchte ich gern angesprochen und befummelt werden! Sehr gern. Aber ich möchte immer noch selbst entscheiden, WER diese Typen sind. Weh tuts dann richtig, wenn uns auch noch andere Frauen in den Rücken fallen: "Was hat die denn an? Selbst schuld, warum hat die so viel gesoffen? Hat sie nicht selbst so offen über Sex gesprochen? Dann muss sie sich nicht wundern…" Frauen sind so lange drauf konditioniert worden, Männern zu gefallen, ihr Ego zu streicheln, sie zu bewundern, dass sie um ihr Ansehen bei den Männern fürchten müssen, wenn sie sich auf die Seite der aggressiven Feministin schlagen. "Die hat doch bloß keinen abgekriegt." 

Ja, und dann wird sich damit geschmückt, dass man selbst ja nicht "zu denen", zu den Jungfern, den Wuchtbrummen, den Hysterischen gehöre. Nein, wir wollen zu denen gehören, die die Kontrolle haben und die Macht. Denn Macht bedeutet, so handeln zu können und zu dürfen, wie man will. Macht garantiert eine gewisse Immunität, eine Unantastbarkeit, Dominanz ohne Kontrollinstanz. Und die kriegen wir nur, wenn wir ganz toll bei den Mächtigen ankommen.

Aber warum dieser Kampf? Kann ich nicht Männer gut finden und Frauen auch?

"Man erwartet von uns, dass wir selbstbewusst auftreten und sexuell allzeit verfügbar wirken, aber wir sollen und schämen und werden geächtet, wenn wir Arroganz, Ehrgeiz oder erotisches Verlangen zeigen. Überall, in jedem Bereich des Lebens von Frauen, sind körperliche Kontrolle, Selbstdisziplin und ein steriles Zurschaustellen von Sexualität die Parole einer neuen Geschlechterkonformität, die uns direkt ins Fleisch gebrannt wird." Laurie Penny

"Aber ihr Weiber müsst Euch auch mal entscheiden, was ihr wollt!" Männer sagen: "Hey, einerseits erwartet ihr doch, dass wir Euch die Tür aufhalten! Andererseits möchtet ihr selbstbestimmt sein…" "Ja, Tür aufhalten gern. Komplimente sind auch geil. Außerdem wollt ihr Typen doch auch, dass ich Lippenstift trage!" Aber das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Das eine betrifft das Gesellschaftliche, das Aufbrezeln und Herumgockeln, das, was Spaß macht und Flirt ist. Ich würde auch immer einem älteren Mann ODER einer älteren Frau die Tür aufhalten. Hier reden wir von Manieren, Anstand, Charme. Aber dass Frauen immer noch 21 Prozent weniger verdienen, dass Frauen sich immer noch für ihren Ehrgeiz/ihre Lautstärke/ihr Auftreten rechtfertigen müssen, dass Frauen weniger zugehört wird – woran liegt das? Ist das der Preis, den wir zahlen, damit uns die Tür aufgehalten wird?

Und wer sagt überhaupt, ich brauche keinen Mann? Ich brauche dringend einen! Nämlich einen Computernerd, der meine Nacktfotos aus dem Netz holt…


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