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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Gern wieder 25 sein? Warum früher nicht alles besser war

Das Leben war Mitte zwanzig besser? Von wegen. stern-Autorin Laura Karasek beschreibt ein ganz normales Wochenende aus jungen Jahren. Was blieb: ewige Leere.

Von Laura Karasek

Getty Images

Du wärst gern wieder 25? Früher war alles besser, spannender, leichter?

Was hättest Du alles versäumt, wenn Du nicht getrunken hättest! Und was wäre Dir erspart geblieben, wenn Du nicht getrunken hättest!

Du lerntest, dass man Fotos nicht verschicken sollte, die man nach Mitternacht gemacht hat. Vor allem nicht, wenn es Selfies sind. Aber auch Sprachnachrichten gilt es, zu vermeiden.

Du lerntest, dass man Handtaschen nicht im Fahrradkorb aufbewahren darf, weil die Menschen auch um 3h nachts noch gemein sind – sogar gemeiner als tagsüber – und Dein und Deine Schlüssel mehr wert sind als Anstand. Sie klauen Dir alles. Sogar Deine Medikamente. Sie feiern mit Dir und dann bestehlen sie Dich. Sie stoßen mit Dir an und dann stoßen sie Dich ab.

Du lerntest, dass ein Vodkashot wacher macht als Espresso. Du wurdest schöner und schöner. Dein Gegenüber auch. Die Zigaretten schmeckten immer besser. Eine Ungesundheit jagt die nächste. Die Sünden befeuern sich immer alle gegenseitig. Plötzlich war Dir egal, dass sein Parfum zu sehr nach Deo und Proteinshake-Mann roch. Plötzlich war Dir egal, dass Du Dir die Beine nicht rasiert hattest (eigentlich als eine Art Verhütungsmittel). Plötzlich brachte er Dich zum Lachen. Und dann brachte er Dich nach Hause.

Wieder umsonst vergiftet. Es ist bereits hell draußen und auch keiner macht in Deinem Kopf das Licht aus. Am Ende hast Du nur noch eine "versiffte Pfütze im Kopf, die vom Meer erzählt, während Du eigentlich längst auf dem Trockenen sitzt." (danke, Kathrin Wessling)

Dann schläfst Du endlich. Lang, zu lang. Der Sonntag ist verpfuscht. Aber wen schert es, denn: "Die Angebote des Vormittags sind ohnehin zumeist sehr unerfreulich."

Du schaffst es nicht, Deine Eltern anzurufen. Du schaffst es aber immerhin, zu duschen!

Die Leere nimmt er trotzdem nicht mit

Abends bist Du allein. Einsamer, als die Samstagnacht es Dir vielleicht versprochen hatte. Am Samstag hat man viele Freunde. Betrunken sowieso. Sie waren doch gestern alle noch da. Wo sind sie plötzlich hin? Die haben doch mit Dir getanzt und Dir in den Armen gelegen. Ihr habt gemeinsam gesungen, Euch alles verraten – außer vielleicht Eure Telefonnummern.

Du gehst all Deine whatsapp Kontakte durch und schreibst denen, die für Ablenkung und Zerstreuung in Frage kommen. Allen dieselbe Nachricht, denselben Spitznamen. Copy-paste. Kachelmann hats vorgemacht. Mal im Ernst: who's hard to get on a sunday?

Einer kommt vorbei (meist der, der am schnellsten antwortet). Aber die Leere nimmt er trotzdem nicht mit, als er wieder geht. Obwohl Du ihn gebeten hattest, den Müll runterzubringen.

Du lerntest, dass Du ohne Alkohol auch nicht besser schläfst. Ohne Rausch liegst Du lange wach. Und es ist nicht dieses gute, schöne, vorfreudige Wachliegen wie früher vor einem Kindergeburtstag oder Weihnachten. Das Wachliegen ist ein Kampf: Du gegen Deinen Kopf. Gegen Deine Phantasie. Die Nacht der langen Messer. Alle gewetzt zur Selbstzerfleischung.


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