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TV-Kritik

"Maischberger": Erdogan-Anhänger greift Klöckner an: "Steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes"

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über Toleranz gegenüber dem Islam. Die Antworten enden stets in Wertekonflikten zwischen der Religionsfreiheit und anderen Verfassungsgrundsätzen.

Von Jan Zier

Sandra Maischberger

Sandra Maischberger (3.v.l.) diskutiert mit Jan Fleischhauer ("Spiegel"-Autor), Bettina Gauss (Journalistin), Julia Klöckner, CDU (stellvertretende Bundesvorsitzende), Haluk Yildiz (Vorsitzender der BIG-Partei) und Necla Kelek (Publizistin) (v.l.n.r.).
 

Wenn die ARD die "Unterwerfung" zeigt, dann will sie natürlich auch über die vermeintliche oder tatsächliche Islamisierung hierzulande reden. Der Roman des französischen Bestsellerautors Michel Houellebecq spielt 2022 in Frankreich und zeichnet das Bild einer nach und nach islamisierten westlichen Gesellschaft. Seine Verfilmung basiert im wesentlichen auf einer Theaterinszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, garniert mit ein paar Spielfilmszenen. "Wo endet die Toleranz?" also ist die Frage von , deren Regie erkennbar um Sachlichkeit bemüht ist. Die Debatte endet freilich in ständigen Wertekonflikten zwischen der Religionsfreiheit und anderen Verfassungsgrundsätzen, die hierzulande so gelten. Immerhin aber sind sich die meisten in der Runde einig, dass ihre Angst vor einer Islamisierung des Landes eher gering ist. Nur die ausgewiesene Islamkritikerin hält mit Blick auf Afrika und Indonesien "alles für möglich", weil sie sich "mit der sozialen Realität befasst". Von der AfD ist glücklicherweise nur am Rande die Rede, präsent ist sie nicht.         

Wer hat diskutiert?

Julia Klöckner, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU und Bundeslandwirtschaftsministerin
Bettina Gaus, politische Korrespondentin der Tageszeitung taz
Necla Kelek, Soziologin, Publizistin, Islamkritikerin und ehemals Mitglied der von der Bundesregierung berufenen -Konferenz
Haluk Yildiz, Bundesvorsitzender der Kleinpartei "Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit" (BIG), die von Kritikern als Ableger der türkischen Regierungspartei AKP von Recep Tayyip Erdoğans eingestuft wird
Jan Fleischhauer, Kolumnist des Spiegel

Wie lief die Diskussion?

Die Rollen sind klar verteilt: Da ist der Vorsitzende einer zurecht unbedeutenden Kleinpartei, der rasch in die Rolle des Stellvertreters aller Muslime in Deutschland gedrängt wird und da ist die Islamkritikerin, die in dieser Religion fast stets das Böse wittert und den Islam als politische Bewegung gern auch pauschalisierend, jedenfalls aber leidenschaftlich bekämpft. Und da ist eine CDU-Spitzenpolitikerin mit Theologiestudium, die irgendwie zugleich "das Christliche" und "die Politik" repräsentiert. Dazwischen: zwei JournalistInnen, die sich erstaunlich nahe sind und als Stimme von Vernunft, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit dienen, ohne allzu unangenehm als Welterklärer aufzufallen. Ihre Debatte hastet absehbar von einem Thema zum nächsten, das irgendwie mit Islam zu tun haben könnte, ohne irgendwas auch nur halbwegs erschöpfend zu bereden.

Vielmehr eilt die Diskussion in 75 Minuten von den Flüchtlingen zum Schweinefleisch in Mensen, vom Sankt-Martins-Zug, der zum Lichterfest umbenannt wird hinein in Schulklassen, die überwiegend aus MigrantInnen bestehen, von dem Handschlag, der einer Frau verweigert wird zu den Schwulen und Polygamen, vom Schwimmunterricht zu den Zwangsehen, von der Beschneidung zu 9/11 und vor dort zurück zu Markus Söders Kreuzerlass in Bayern.     

Der besondere Moment

Als BIG-Chef Haluk Yildiz der CDU-Politikerin Julia Klöckner unterstellt, sie stünde "nicht auf dem Boden des Grundgesetzes" und sie antwortet, dass dass Grundgesetz "über der Religion stehe" droht die Debatte kurz in oberflächlich-populistische Peinlichkeiten abzurutschen.

Die Erkenntnisse in Thesen

  • Vor dem 11. September 2001 hat sich hierzulande kaum einer für den Islam interessiert. 
  • Das allgemeine Unbehagen gegenüber den Muslimen rührt nicht zuletzt daher, dass die "noch an etwas glauben", wie Jan Fleischhauer sagt, während hierzulande mittlerweile meist eher "homöopathisch" gelebt wird.
  • Vielen Problemen bei der Integration könnte besser begegnet werden, wenn deutlich mehr Geld in das Bildungssystem investiert würde.
  • Wer den Muslimen das Kopftuch verbieten will, muss es zum verfassungsfeindlichen Symbol erklären, zumindest solange der Turban der Sikhs allen als unproblematisch gilt.
  • ist der Kreuzerlass der CSU irgendwie egal:  Sei hätte das "nicht erlassen", sagt sie, aber die Bayern "können das machen".           

Fazit

Wann immer es um den Islam und Muslime geht, ist die Debatte symbolisch stark aufgeladen. Da entsteht schnell Misstrauen. Dabei könnten eher pragmatische und sozialverträgliche Lösungen vielfach helfen. Und etwas mehr Vertrauen in den Rechtsstaat.

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