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Nachruf von Ingrid Noll: Ein letzter Gruß an Urs Widmer

Bestsellerautorin Ingrid Noll spricht über den von ihr hochgeschätzten sprachgewaltigen Schweizer Schriftsteller Urs Widmer, der vergangene Woche mit 75 Jahren in Zürich starb.

Von Ingrid Noll

Jetzt ist es zu spät. Seit langem habe ich es Urs Widmer persönlich sagen wollen: Mit welcher Freude ich seine Bücher gelesen habe, wie sehr ich die Originalität, Sprachgewalt und Warmherzigkeit - ganz besonders in seinem kunstvollen letzten Werk, der Autobiographie, - bewundert habe. Immer wieder sind wir uns über den Weg gelaufen, auf Buchmessen, beim Diogenes-Verlag in Zürich, beim SWR in Baden-Baden, wo wir uns beide über Zwerge ausließen.

Einmal kam es sogar zu einer ebenso kurzen wie unerwarteten Begegnung auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Nach einer blitzschnellen Umarmung (wir gehörten ja beide zu diesem seltsamen Wanderzirkus, der im Herbst auf Lesereisen geht) stieg jeder in seinen Zug, er nach Süden, ich nach Norden. Früher war es sein clownesker Strubbelkopf, der unübersehbar irgendwo auftauchte, später war es ein gelichtetes Haupt, ein langer, weiter Mantel und ein ungleiches Paar wissende Augen, die das Skurrile und Surreale, das Traurige und Schöne hinter der Banalität des Alltags entdeckten.

Ein rätselhaftes, wunderbares Universum

Als ich vor einigen Monaten sein letztes Buch "Reise an den Rand des Universums" las, ahnte ich nicht, dass es sich um ein Abschiedsgeschenk für seine Leser handelte. Wir dürfen Zeuge werden, wie es zu seiner ersten und schließlich zur zweiten Geburt als Schriftsteller gekommen ist. Auch Urs Widmer hat ein Leben lang über die eigenen Eltern nachgedacht, über ihr Verhältnis zueinander und über die geheimnisvolle Genmixtur, die sie ihrem Kind mit auf den Weg gaben. Kritisch, aber auch liebevoll, mit Ironie, Humor und heiterem Abstand fabuliert Urs Widmer am Ende seines Lebens über Familie und Weggefährten.

Zwar erschaffen sich alle Menschen ihre subjektive Biographie, aber bei einem ebenso leidenschaftlichen wie phantasiebegabten Erzähler geschieht das mit hinreißendem Esprit, mit Vergnügen, ja mit Lust. Es ist eine tröstliche Vorstellung, dass Urs Widmer sein Leben als reich und gelungen empfand, weil er die schmerzlichen oder depressiven Zeiten tapfer besiegen und viele dankbare Leser in sein rätselhaftes, wunderbares Universum mitnehmen konnte.

"Der Tod bleibt der Skandal allen Lebens. Nichts, nichts, nichts ist unverstehbarer als der Tod". - Urs Widmer in "Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück"

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