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Neues Buch von Axel Petermann Dem Bösen auf der Spur


Seine Bücher landen in den Bestsellerlisten und dienen "Tatort"-Verfilmungen als Vorlage. Nun hat Profiler Axel Petermann mit "Im Angesicht des Bösen" ein neues Buch geschrieben - und bringt Licht in einen längst vergessenen Mordfall.
Von Kerstin Herrnkind

Der Mörder war intelligent. Er war Anwalt. Er befolgte Regeln, die er nach dem Studium echter Kriminalfälle entwickelt hatte: Niemals jemanden ermorden, den man kennt. Niemals ein Tatmotiv haben. Niemals nach erkennbarem Schema handeln. Niemals eine Waffe nach Gebrauch bei sich tragen. Niemals riskieren, zufällig entdeckt zu werden. Niemals Beweismaterial zurücklassen." Aus John Sandfords "Die Schule des Todes".

Fünf von den sechs Regeln, die der fiktive Frauenmörder Louis Vullion, genannt "der Werwolf", in dem Thriller des US-Autors John Sandford "Die Schule des Todes" aufstellt, hatte auch der ehemalige Jurastudent befolgt, der im Sommer 1999 den Mord an der 27-jährigen Marketing-Assistentin Michelle Reuter* in Bremen beging. Am Tatort, einer Tiefgarage, ließ der Mörder - die sechste Regel brechend - eine Plastiktüte zurück. Inhalt: eine blassgrüne Gasmaske, ein Paar gelbe Gummihandschuhe, zwei Rollen Klebeband, Müllbeutel. Im Bücherregal stellten die Beamten die "Schule des Todes" von John Sandford sicher.

Verbrechen, wie es im Buche steht

Als der stern im Sommer 2000 über den Prozess berichtete und auf die unheimlichen Parallelen zwischen dem sichergestellten Thriller und dem Mord hinwies (ein Mord, wie er im Buche steht, Stern 34/2000), winkte der Leitende Oberstaatsanwalt offenbar tatsächlich von Sandfords Roman inspirieren ließ, enthüllt das jetzt erschienene Buch des Bremer Profilers Axel Petermann "Im Angesicht des Bösen". Darin erzählt der frühere Chef der Bremer Mordkommission vier spektakuläre Mordfälle, die er während seiner Zeit als Chef der Mordkommission bearbeitet hat, darunter das "Verbrechen, wie es im Buche steht", der Mord an Michelle Reuter.

Der 11. August 1999 war der Tag der Sonnenfinsternis. Michelle Reuter*, hübsch, sportlich und frisch verliebt, fährt nach der Arbeit gegen 19 Uhr zu ihren Eltern. Für eine geplante Fuerteventura-Reise mit ihrem Freund will sie sich einen Koffer und eine Reisetasche ausleihen. Gegen 20 Uhr verabschiedet sie sich von Vater und Mutter. Gut gelaunt steigt sie in ihr schwarzes BMW-Cabrio.

Gegen 20.15 Uhr parkt Michelle Reuter ihren Wagen in der Tiefgarage eines Wohnblocks in Bremen-Findorff. Sie ist erst vor vier Monaten in die Neubausiedlung gezogen. Viele Wohnungen stehen noch leer. Eigentlich fühle sie sich sehr wohl, hatte Michelle Reuter einmal zu einer Freundin gesagt. Nur manchmal sei ihr ein bisschen unheimlich zumute, weil es so einsam sei.

"Der Werwolf bereitete sich sorgfältig vor, während seine Erregung wuchs, aber weiter unter Kontrolle blieb. Die Erregung eines Jägers, die Vorfreude eines Jägers",hieß es im stern im Jahr 2000.

Als Michelle Reuter durch die Tiefgarage geht, ist sie schwer bepackt. Sie trägt den geliehenen Koffer, die Reisetasche, ihren Rucksack und einen Stapel Firmenprospekte. Von ihrem Parkplatz bis hin zu einem kleinen Vorraum, aus dem ein Gang zum Treppenhaus führt, sind es nur wenige Meter. Die Tiefgarage ist nach neuesten bautechnischen Erkenntnissen gestaltet. Eine Fensterfront oberhalb der weiß getünchten Wände lässt Tageslicht in den Keller, sodass es um diese Zeit auch ohne die Neonbeleuchtung an der Decke noch taghell ist. Vom gegenüberliegenden Häuserblock kann man das Untergeschoss einsehen. Eine Tiefgarage, wie nach Anweisung von Frauenrechtlerinnen gebaut.

Schreie aus der Tiefgarage

"Er konnte hören, wie er atmete. Spürte, wie Schweiß aus den Hautporen unter seinen Achseln trat. Witterte den Duft der Auserwählten. Nie fühlte er sich so lebendig wie in den letzten Augenblicken einer langen Pirsch", schrieb der stern.

Etwa um 20.30 Uhr hören Nachbarn plötzlich Schreie aus der Tiefgarage. "Hau ab, lass mich in Ruhe", etwas in der Art. Michelle Reuter. Vier Zeugen werden sich später daran erinnern. Keiner kam ihr zur Hilfe. Ein Nachbar alarmiert schließlich die Polizei. Um 20.33 Uhr wird sein Notruf registriert. "Wir schicken einen Wagen", sagt man ihm. Nichts geschieht. Der Nachbar wartet 20 Minuten. Dann ruft noch mal an.

Und dann, hinter der Tür, überall Blut

Gegen 21.10 Uhr endlich trifft ein Streifenwagen ein. Man habe, wird die Polizei später einräumen, "die Brisanz der Situation falsch eingeschätzt". Die beiden jungen Polizisten sind auf einen Routineeinsatz vorbereitet. In der Tiefgarage entdecken sie rote Sohlenabdrücke, die quer durch die Halle führen. Vor einer Stahltür schimmert eine Blutlache auf dem Beton. Und dann, hinter der Tür, überall Blut.

"Seine Hand griff unter ihren Büstenhalter, sprengte ihn auf und riss mit einem Ruck die Träger auf", so der stern.

Die Beamten folgen den roten Schleifspuren - bis zu einem Belüftungsschacht. Dort liegt Michelle Reuter. Tot. Ihr T-Shirt ist hochgeschoben, die Brust entblößt, ihre Hose zerrissen. Vom rechten Ohr klafft eine 15 Zentimeter lange Wunde bis über die Kehle. Bücher, in denen Mordfälle nacherzählt werden, laufen Gefahr, die schiere Sensationslust ihrer Leser zu bedienen. Negatives Beispiel: "Abgründe, wenn aus Menschen Mörder werden" von Josef Wilfing, Chef der Münchener Mordkommission. Wilfing interessiert sich nicht dafür, warum Menschen zu Mördern werden. Er sei nun mal kein Psychologe redet sich der Autor raus und wälzt lieber grausige Details. Wie in dem Fall der jungen Frau, die einem Rentner einen Besenstil in den Rachen rammt. Nur aus Andeutungen ahnt der Leser, dass es sich um den Racheakt einer sexuell ausgebeuteten Frau handeln könnte. Der Rentner hatte sie von der Straße aufgelesen und ihr Unterschlupf gewährt. Dafür musste sie ihm zu Willen sein. Ein holprig geschriebenes Buch, ohne rechten Nährwert. Ein Bestseller wurde es trotzdem.

Petermanns Buch setzt nicht – oder zumindest nicht allein – auf die Sensationsgier seiner Leser. Das ist dem Autor zu billig. Zwar geht auch der Bremer Profiler mit seinen Lesern auf Mörderjagd. Doch er beschränkt sich nicht darauf, die Mordfälle nur zu rekonstruieren, um dem Leser einen Schauer über den Rücken zu jagen. Petermann will mehr. Er will den Alltag eines Profilers sichtbar machen. Auch er schwingt sich nicht auf zum Psychologen. Trotzdem lernt der interessierte Laie eine Menge. Wie sich die Polizei die Presse bei der Mörderjagd zu Nutze macht, zum Beispiel. "In der Fallanalyse sprechen wir von einer proaktiven Strategie. Gerade unerfahrene und unsichere Täter neigen zu unüberlegten Reaktionen, wenn sie sich in der öffentlichen Berichterstattung wiedererkennen. Sie machen Fehler, die uns auf ihre Spur bringen", schreibt Petermann und erzählt, wie die Kripo mit dieser Strategie den Mörder von Michelle Reuter fing.

Der interessierte Laie lernt eine Menge

Der Student las nach einer Pressekonferenz in der Zeitung von seiner Tat. In der Hansestadt hingen überall Fahndungsplakate. "Drei Tage nach der Pressekonferenz geschieht die Wende. Unsere proaktive Strategie zeigt Erfolg. Es ist noch früher Abend, als zwei Männer das Polizeirevier in der Innenstadt betreten und einer der beiden sich als Rechtsanwalt vorstellt. Er zeigt auf seinen Begleiter und sagt: "Er möchte ein Geständnis ablegen. Es geht um den Mord Reuter." Bei der Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei wenig später das Buch von Sandfort. Ein Kripobeamter fertigte einen Vermerk über die unheimlichen Parallelen zwischen dem Buch und dem Verbrechen. Der Mörder von Michelle Reuter sitzt noch immer in Haft.

Schon mit seinem ersten Buch "Auf der Spur des Bösen" stand der Profiler Axel Petermann 20 Wochen auf der Spiegel Bestsellerliste. Drei Episoden dienten als Vorlage für Tatort-Verfilmungen. "Faszinierende Einblicke in den Alltag eines Profis. Absolut lesenswert!", schwärmen die Schauspieler Joachim Król und Nina Kunzendorf über Petermanns neustes Buch. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Axel Petermann: "Im Angesicht des Bösen - ungewöhnliche Fallberichte eines Profilers"


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