Was zeichnet einen Mann aus und was heißt es, männlich zu sein? Influencer Harrison Sullivan, auch bekannt als "HSTikkyTokky", meint, eine einfache Antwort auf diese komplexe Frage zu kennen, schließlich erschließt sich daraus sein Geschäftsmodell: "Ich bringe Jungs bei, richtige Männer zu sein", prahlt der sichtlich aufgepumpte Brite in seiner Villa in der spanischen Küstenstadt Marbella, "und nicht diese kleinen Weicheier, diese kleinen Schwächlinge, die heutzutage herumlaufen".
Aussagen wie diese - und meist noch deutlich plumpere - sind in der neuen Netflix-Dokumentation "Louis Theroux: Inside the Manosphere" (seit 11.3.) zuhauf zu hören.
Darin taucht der britische TV-Journalist Louis Theroux in die Welt der Manosphere ein - eine Online-Realität mit frauenverachtenden Kerlen, die zerstörerische Männerbilder in die Köpfe ihrer oft sehr jungen Follower pflanzen. Als bekanntester Vertreter der Szene gilt der Influencer Andrew Tate.
Es ist die erste Netflix-Produktion des 55 Jahre alten Theroux - und sie hat es in sich. In dem 90-minütigen Film reist Theroux nach Miami, New York und Marbella, um sich mit Figuren der Szene zu treffen. Der allgemeine Tenor, der sie alle vereint: Viele Männer sind heutzutage keine richtigen Kerle mehr und Frauen müssen zurechtgewiesen werden. "Sie behaupten, jungen Männern die "cheat codes" zu geben, um im Leben zu gewinnen", erklärt Theroux. Und gewinnen heißt in dem Fall: Frauen, Autos, Geld - und bloß kein "Weichei" sein.
Zwischen Frauenhass und Fitness
Louis Theroux ist bekannt dafür, in komplexe und kontroverse Welten einzutauchen und dabei mit gespielter Naivität sein Gegenüber herauszufordern. Das ist auch in "Inside the Manosphere" der Fall. Er stürzt sich auf die Frage: Wer sind diese Männer, die Zigarre rauchend in ihren millionenfach geklickten Streams Frauen beschimpfen und schnellen Reichtum versprechen? Und vor allem: Warum sind sie so, wie sie sind?
Die Antwort darauf ist keine simple. Im Laufe des Films porträtiert Theroux die Manosphere als eine Art Konglomerat aus Frauenverachtung, Fitness, Pornografie, Kryptowährungen, Homofeindlichkeit und Verschwörungsideologien. "Mainstream-Medien" werden wegen ihrer "Gender-Propaganda" verachtet, US-Präsident Donald Trump wird gefeiert und für möglichst viele Klicks - und damit möglichst viel Geld - ist jede noch so grenzwertige Aussage recht.
"Wenn deine Schlampe gegen deinen Willen in einen Club geht, zerstöre ihr verdammtes Leben", heißt es etwa. Oder: "Ein Mann, der nicht gefährlich ist, wird niemals angesehen werden."
Gerade wegen solcher Aussagen sucht Theroux immer wieder die Konfrontation. Als er etwa bei einem Podcast des Manosphere-Influencers Myron Gaines sitzt und dieser die Behauptung eines vermeintlichen Wissenschaftlers aufgreift, nach der Frauen Sex mit mehreren Männern körperlich schadet, sagt Theroux: "Wenn von Fehlinformationen im Internet die Rede ist, ist genau das gemeint."
Gen Z: Frau sollte Mann gehorchen
Gefährlich, das ist die Manosphere allemal. Denn gerade bei heranwachsenden Jungs findet die Ideologie Anklang. In einer aktuellen Umfrage vertritt dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos zufolge fast jeder dritte Mann der Generation Z die Ansicht, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte. Zur Gen Z wurden zwischen 1997 und 2012 geborene Menschen gezählt.
In Großbritannien wird der Einfluss der Manosphere auf die Sozialisierung von Teenagern spätestens seit der Erfolgsserie "Adolescence" diskutiert. Darin geht es um den 13-jährigen Jamie Miller (Owen Cooper), der eine Mitschülerin mit einem Messer ersticht, weil er sich von ihr zurückgewiesen und in seiner Männlichkeit verletzt fühlte.
Die Miniserie löste eine Debatte darüber aus, wie junge Männer heutzutage erzogen werden. Auch vor diesem Hintergrund kündigte die britische Regierung Ende 2025 an, die kritische Auseinandersetzung mit frauenfeindlichen Ideen zum Pflichtstoff an Schulen zu machen.
Auf seine große Frage, wer denn diese Männer sind, findet Theroux zumindest teilweise Antworten - vor allem, wenn er in deren oft schwierige Kindheit eintaucht, in der männliche Vorbilder oft gefehlt haben dürften.
Immer wieder wird deutlich: Es braucht nur wenige kritische Anmerkungen in Richtung der Influencer, und es offenbaren sich unsichere Charaktere, die mit ihrem Gehabe ihre Schwächen überspielen und die Fassade des starken Mannes aufrechterhalten wollen. Eine Fassade, die in der Manosphere alles bedeutet.