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Orhan Pamuk: Eine Kindheit in Istanbul

Auch wer sich nicht für die Stadt interessiert, wird von Orhan Pamuks neuem Buch "Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt" gefesselt sein. Auf über 400 Seiten verwebt der Nobelpreisträger raffinierte Betrachtungen seiner Heimatstadt mit Jugenderinnerungen.

Als "Stadtschilderung" haben die Nobeljuroren von der Schwedischen Akademie das nicht leicht zu fassende Genre des Buches etwas fantasie- und lieblos eingestuft, dem Autor aber dann den berühmtesten Preis der Welt mit einer etwas anspruchsvoller klingenden Begründung zuerteilt: "Pamuk hat auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden." Gut, dass der Geehrte viel locker und leserfreundlicher formulieren kann.

Nach der Lektüre des Buches ist man sich auch nicht ganz sicher, wie genau die schwedischen Juroren neben den bisher fünf Romanen des vor allem im Westen erfolgreichen Pamuk auch die zuletzt erschienene "Stadtschilderung" ihres Preisträgers genau gelesen haben. Denn Istanbul wird von Pamuk nicht gerade eine im Kern immer schon "melancholische Seele" bescheinigt, sondern die Entwicklung von Melancholie als kollektiver Grundstimmung aus vielfältigen historischen Entwicklungen herausgearbeitet. Der Untergang des Osmanischen Reiches ist hier der Schlüssel zum Schlüsselbegriff "Hüzün", dem türkischen Wort für kollektive Melancholie.

Nicht nur melancholisch ist es im Elternhaus Pamuks daheim zugegangen, in Sichtweite des Bosporus. Die Schilderung der eigenen Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Mann, der Schriftsteller werden will, gehört zu den Glanzpunkten dieses Buches. Der bei der Abfassung 50 Jahre alte Autor hat vielleicht mehr noch als "die melancholische Seele seiner Heimatstadt" den Schlüssel zu eigenen seelische Entwicklungen gesucht. Erinnerungsarbeit nennt man das gerne, und die Suche nach der Stadtseele als Rahmen scheint ihm bestens zu Diensten gewesen zu sein.

Keine nostalgische Verklärung, sondern oft harte Analyse

Aus der Verknüpfung beider Elemente erwachsen eindrückliche Passagen, in denen Pamuk raffiniert seine Befunde zu Istanbul als niedergehender, von Passivität befallener Metropole mit persönlichen Entwicklungsstadien als unsicher Suchender zusammenfügt. Das müsste jedem Leser, egal ob man aus einer Millionen-Stadt am Bosporus kommt oder aus einem kleinen Kaff in Ostwestfalen-Lippe, Lust auf eigene Erinnerungsarbeit vor Ort machen. Pamuk urteilt oft hart und mitunter seltsam pauschal über das, was er als Niedergang von Istanbul empfindet: "Das seit 150 Jahren auf der Stadt lastende Gefühl des fortwährenden Scheiterns manifestiert sich in zahllosen Schwarzweißperspektiven, und eben auch in der Kleidung." Oder: "Istanbul verkam zu einem langsam vor sich hin altenden, verödenden, schwarz-weißen, monotonen und einsprachigen Ort."

Und doch ist man sich am Ende völlig sicher, dass dieser bienenfleißige "Stadtschreiber" Istanbul viel mehr mag als verabscheut. Schließlich wohnt er, bis auf drei Monate pro Jahr als Gastprofessor in den USA, nach wie vor hier. Und da ist ja auch die Verknüpfung mit der Erforschung der eigenen Seele. "Der geneigte Leser" habe ja gemerkt, dass er sich bemühe "durch mich über Istanbul und durch Istanbul über mich zu berichten", heißt es im Buch.

Nobelpreiswürdig? Man würde gern die Meinung von klugen nicht-westlichen Lesern mit genauester Kenntnis Istanbuls und türkischer Geschichte einholen. Vor der Nobelpreisverleihung am 10. Dezember hat Pamuk immer und immer wieder erklärt, er wolle sich dabei nur als Literat und nicht politisch äußern. Aber das Istanbul-Buch ist nicht zuletzt wegen der enormen Popularität des Autoren bei westlichen Lesern auch durch und durch politisch.

Thomas Borchert/DPA / DPA
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