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Peter Handke: "Don Juan" als erotischer Vagabund

Peter Handkes neuer Roman befasst sich mit dem berühmten Verführer Don Juan. Entstanden ist kein opulenter historischer Roman, sondern die Beschwörung eines großen Außenseiters.

Er geistert schon seit Jahrhunderten durch die Kulturgeschichte, der große Verführer Don Juan. Eine Figur der Bedrohung und Lockung zugleich. Unzählige Adaptionen und Bearbeitungen hat die alte kastilianische Volkssage vom lüsternen Frauenheld bis heute hervorgebracht, am bekanntesten immer noch Mozarts Oper "Don Giovanni" nach dem Libretto von Lorenzo da Ponte.

Nun hat sich Peter Handke des maßlosen Erotomanen angenommen. Entstanden ist kein opulenter historischer Roman, keine süffig-anzügliche Lebensbeichte, sondern die fragmentarische Beschwörung eines großen Außenseiters.

Ein Held unserer Zeit

Don Juan erscheint in Handkes Roman nicht als sexueller Kraftprotz, sondern als heimatloser Vagabund, der mit melancholischem Gestus durch die Länder streift. Heute hier, morgen dort. Ein Held unserer Zeit? Wie aus heiterem Himmel stolpert eines Nachmittags im Mai der große Verführer mitten hinein in den Garten des Erzählers. Don Juan ist ein "Verwaister", ein trauriger Verführer ohne Ambitionen: "Nichts als seine Untröstlichkeit und seine Trauer trieben ihn".

Ewige Wanderschaft

Der Flüchtling findet Asyl hinter uralten Klostermauern und berichtet über die letzten sieben Tagen seiner Reise. Von den Rändern Europas kommt er, der Getriebene, seine Fahrt begann im georgischen Tiflis, am nächsten Tag war er in Damaskus, weitere Stationen sind Nordafrika, Norwegen, die holländische Küste, bis der rastlose Don Juan und sein Diener in einem Niemandsland stranden. Immer trifft er Frauen, er hat noch Macht über sie, egal ob alt oder jung, Braut oder Prostituierte. Aber er nützt seine magische Anziehungskraft nicht mehr aus - folglich steht am Ende nicht die Höllenstrafe, sondern ewige Wanderschaft.

Apart arrangierte Erzählung

Handkes "Don Juan" funktioniert wie eine sanft surrende Erzählmaschine, in der die Figuren ganz nach Belieben durch Raum und Zeit hin und her geschoben werden wie Schachfiguren - eine apart arrangierte, aber in ihrer Künstlichkeit bisweilen sehr prekäre Inszenierung. Dabei gelingen Handke aber immer wieder auch prägnante Eindrücke, Naturbilder, topographisch exakt entworfene Schilderungen.

Die Schauplätze wechseln wie Kulissen in einem Traumstück, das keiner Handlungslogik folgt und letztlich unabschließbar bleibt: "Don Juans Geschichte kann kein Ende haben, und das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans." So der letzte Satz dieses wundergläubigen, fast wundersüchtigen Romans.

Johannes von der Gathen, DPA

Peter Handke: Don Juan (erzählt von ihm selbst)
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
156 Seiten, 16,80 Euro

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