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Bücherherbst: Jungautoren sagen Altmeistern den Kampf an

Die kommenden Monate werden spannend: Die gestandenen Literaten Martin Walser und Peter Handke kämpfen mit jungen Talenten wie Juli Zeh, Thomas Brussig und Sven Regener um die Gunst der Leser.

Der bevorstehende Bücherherbst ist - was die deutschsprachige Literatur betrifft - vor allem die Zeit der Nachwuchsautoren wie Juli Zeh und Thomas Brussig, die zuletzt überaus erfolgreich waren. Martin Walsers neuer Roman "Der Augenblick der Liebe" ist bereits im Juli erschienen, unter den großen Namen bleibt sonst nur noch Peter Handke. Dieser lässt in seinem "Don Juan" den Helden selbst von sich erzählen. Dabei zeigt sich der Verführer nicht wie üblich als Eroberer, sondern als jemand, dem seine Begegnungen mit Frauen auf magische Weise gelingen.

An ihren stark beachteten Romandebüts werden sich Juli Zeh und Malin Schwerdtfeger in diesem Herbst messen lassen müssen. Nach ihrem Erstling "Adler und Engel", der inzwischen in 20 Sprachen übersetzt ist, beschreibt Zeh in ihrem neuen Roman "Spieltrieb", wie durch eine obsessive Leidenschaft zwischen zwei Pubertierenden das moralische Gefüge in einem Bonner Gymnasium erschüttert wird. Schwerdtfeger, die vor drei Jahren mit "Café Saratoga" Aufsehen erregt hatte, erzählt in "Delphi" eine Familiengeschichte aus der Perspektive eines noch ungeborenen Kindes. Dieses blickt auf seine zwei älteren Schwestern, die gerade dabei sind, sich selbst, die Welt und die erste Liebe zu entdecken.

Brussig beschäftigt sich mit der Wendezeit

Eine Familiensaga legt auch John von Düffel mit "Houwelandt" vor: Drei Generationen kämpfen vor dem 80. Geburtstag des starrsinnigen und bigotten Großvaters um ihre Sicht auf die verwickelte Vergangenheit. Rechtzeitig zum 15. Jahrestag des Mauerfalls erscheint Thomas Brussigs ("Helden wie wir", "Am kürzeren Ende der Sonnenallee") neuer Roman "Wie es leuchtet". In gewohnt skurriler Weise widmet sich der Autor noch einmal dem einzigartigen Lebensgefühl zur Zeit der Wende.

Frank Lehmanns Jugend

Neues gibt es auch von Sven Regener, dem Autor des verfilmten Bestsellers "Herr Lehmann". In seinem neuen Buch "Neue Vahr Süd" zeigt Regener seinen Antihelden Frank Lehmann Anfang der 80er Jahre in seiner Heimatstadt Bremen. Nicht die Kreuzberger Kneipen bilden hier das Szenario, sondern ein Neubauviertel im Osten der Hansestadt, in dem Lehmann bei seinen Eltern lebt und auf seine Einberufung zur Bundeswehr wartet.

Bodo Kirchhoff lotet die Grenzen des Begehrens aus

Neben diesen Vertretern der jüngeren Generation werden in diesem Herbst aber auch einige ältere Autoren das Interesse auf sich ziehen - so zum Beispiel Bodo Kirchhoff, der in "Wo das Meer beginnt" die Grenzen des Begehrens auslotet. Um den aufkeimenden Eros geht es in "Junges Licht" von Ralf Rothmann, der mit leisen Tönen vom Erwachsenwerden erzählt. Ebenfalls ein erotisches Thema schlägt Brigitte Kronauer in "Verlangen nach Musik und Gebirge" an. Die Autorin, die spätestens mit ihrem Roman "Teufelsbrück" in die erste Garde der deutschsprachigen Literatur aufgerückt ist, zeigt eine kleine Urlaubsgesellschaft europäischen Zuschnitts, die in Oostende in die Fänge des unberechenbaren Liebesgottes gerät.

Zwei Altmeisterinnen melden sich zurück

Die internationale Autorenriege führen in diesem Herbst mit Doris Lessing und der amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison zwei Altmeisterinnen an: Lessing, die im Oktober ihren 85. Geburtstag feiert, legt den Erzählband "Ein Kind der Liebe" vor, in dem sie in knapper Prosa über den alltäglichen Rassismus in London oder die Sehnsucht eines Vaters, der sein Kind nicht mehr sehen kann, schreibt. Morrison porträtiert in ihrem neuen Roman "Liebe" fünf Frauen, die in ihrem Leben alle demselben Mann verfallen sind. So entsteht ein vielfältiges Panorama der Leidenschaft und der Emanzipation, das sechs Jahrzehnte der amerikanischen Gesellschaft beleuchtet.

Updike und Eco mit neuen Büchern

Neues gibt es auch von Umberto Eco: Der Meister des historischen Romans widmet sich in "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" dem 20. Jahrhundert: Ein älterer Mann, der nach einem Koma sein Gedächtnis verloren hat, kehrt zurück in das Haus seiner Kindheit und findet anhand von Büchern, Fotos und alten Pastadosen seine mit dem italienischen Faschismus beginnende Geschichte wieder.

Die Geschichte der amerikanischen Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg führt der zweimalige Pulitzerpreisträger John Updike in seinem Roman "Sucht mein Angesicht" vor Augen. Im Zentrum steht eine berühmte alte Malerin, die einer jungen Kunsthistorikerin von ihrem Leben und dabei verschlüsselt auch von Jackson Pollock und Andy Warhol erzählt.

Antunes' Debütroman jetzt auch auf Deutsch

Erstmals auf Deutsch erscheint das Romandebüt von António Lobo Antunes, "Elefantengedächtnis". Vor 25 Jahren hat der inzwischen weltweit geschätzte Schriftsteller damit seinen Ruhm in Portugal begründet. In dem autobiografischen Werk zeichnet Antunes seinen Weg vom Psychiater zum Schriftsteller nach. Sein spanischer Kollege Javier Marías taucht mit "Dein Gesicht morgen" in die britische Geheimdienstszene ein. Dabei ist kein Thriller herausgekommen, vielmehr erkundet der Autor psychologisch und philosophisch das Wesen des Menschen unter extremen Bedingungen.

Große Aufmerksamkeit dürfte auch die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev auf sich ziehen, die in den vergangenen Jahren mit "Liebesleben" und "Mann und Frau" international Furore machte. In ihrem neuen Roman "Späte Familie" knüpft sie thematisch an ihre beiden Bestseller an: Wieder geht es um ein vielfach verschlungenes Verhältnis zwischen Frau und Mann, das in der Ehe keine Erfüllung findet.

Thomas Oser, DPA / DPA