Kolumne Ganz Naher Osten Die AfD auf dem Dorfe: Wo Juli Zeh irrt

Hier ist die stärkste Partei die AfD: ein Dorf im Thüringer Wald
Auch hier wird inzwischen am häufigsten AfD gewählt: ein Dorf im Thüringer Wald
© Martin Debes / stern
Warum die Unterscheidung zwischen AfD-Wählern und ihren Funktionären wichtig ist – und trotzdem den Blick verstellen kann. Eine Replik auf die Schriftstellerin Juli Zeh.

Als meine Familie aus der Stadt in ein Dorf im Thüringer Wald zog, war ich zehn Jahre alt. Eigentlich war es ein kleines Tal am äußersten Rande des Dorfes, umgeben von vielen Fichten und ein paar Tannen, aus denen, ein paar hundert Meter den Berg hinauf, der Felsen ragte, der auf halber Höhe eine kleine, pittoreske Höhle vorhielt. Dorthin hatte einst der junge Goethe seine Charlotte (die zweite) geführt. "Wenn ich so denke, dass sie mit in meiner Höhle war, dass ich ihre Hand hielt, indes sie sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb …"

In den Wintern, wenn der Schnee alles verhüllte, oder in den Sommern, wenn am Abend der dunkle Wald langsam ausatmete, war unser Tal ein magischer Ort. Und es war ein Ort, der bis heute in mir nachhallt, im Guten, aber auch im Schlechten. 

Ich erfuhr, welch Nähe ein Dorf bedeuten kann, aber auch welch Enge. Es war schwer, den Dämonen zu entfliehen, den eigenen – und jenen der anderen.

Bevor ich zum Studium ging, leistete ich meinen Zivildienst im örtlichen Bauhof ab, gemeinsam mit einigen Männern, die gerade ihre Jobs verloren hatten. Es war 1990 und die Brigade nannte sich offiziell Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die einstige realsozialistische Gesellschaft teilte sich in Gewinner und Verlierer auf, und oft entschieden Alter oder Zufall, zu welcher Seite man gehörte.

Anfang 1991 kamen aus der siechenden Sowjetunion die ersten Flüchtlinge ins Dorf; "die Juden", wie es zumeist hieß. Sie wurden in der "KIM" untergebracht, dem verwaisten Ferienheim des gerade implodierenden Kombinats Industrielle Mastproduktion. Auf der Einwohnerversammlung, die von der Gemeinde abgehalten wurde, war die Stimmung kalt, teils feindlich. 

Ich fühlte mich davon abgestoßen, genauso wie von einigen Witzen auf der Baustelle und den Sprüchen in der Kneipe. Aber ich glaubte, die Menschen zu kennen, ihre Urteile und ihre Vorurteile, ihre Stärken und ihre Schwächen. Sie waren die Eltern meiner Schulkameraden, die Leute aus dem Skiverein oder dem Angelverein. Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit hatten einander noch nie ausgeschlossen. Außerdem waren die Zeiten kompliziert. 

Es würde besser werden. Ganz bestimmt würde es das.

stern-Autor Martin Debes
© Sascha Fromm

Ganz Naher Osten

stern-Autor Martin Debes berichtet vorrangig aus den fünf östlichen Bundesländern. In seiner Kolumne schreibt der gebürtige Thüringer auf, was im Ganz Nahen Osten vorgeht – und in ihm selbst

Im Sommer 2024, kurz nach der Europawahl, besuchte eine Journalistin der "Taz" mein altes Dorf. Sie schrieb danach dies: "Die mit Schiefer beschlagenen Häuser sind in gutem Zustand, die Gärten mit Liebe begrünt. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und Lavendel." Aber dann, wie konnte es anders sein: "Die Idylle endet an den Laternenmasten entlang der Dorfstraße. Ein blauer Schilderwald zieht sich hier den Berg hoch."

Deshalb war sie ja eigens angereist. 40,9 Prozent im Dorf hatten für die AfD gestimmt, bei einer Wahlbeteiligung von 45,3 Prozent. 

Dennoch verharrte die Kollegin nicht im Klischee, sondern suchte die Annäherung und fand: den Mann, den ich 1990 bei meiner ersten Wahl mit zum Bürgermeister gewählt hatte. Er attestierte seinen Mitmenschen "Jammern auf hohem Niveau" und warnte vor einer Wiederholung von 1933, um dann über "die kleine Frau an der Kasse zu sprechen", die "unwesentlich mehr verdient als Leute", die in den Flüchtlingsheimen "den ganzen Tag rumlungern, außerdem noch die Wohnung eingerichtet bekommen und die dann wieder runterwirtschaften". Und nein, das sei nicht AfD. Das sei "gesunder Menschenverstand".

Die AfD im Ausschuss

Genauso redete er schon damals, als er meine Baubrigade mit Strenge dirigierte, die Gemeindehäuser durchsanierte und die Juden in die "KIM" holte. Nur so, sagte er auf der Einwohnerversammlung, könnten der Kindergarten und die Grundschule überleben.

Was die Journalistin noch im Dorf fand: Eine Frau, die an die Deindustrialisierung der frühen 1990er-Jahre erinnerte und das "Ungerechtigkeitsgefühl bei den Alten" beschrieb. Und die Tochter eines kubanischen Gastarbeiters, die aus der Bahnhofskneipe einen Ort der Begegnung machen wollte. 

Das Resümee der Ost-Visite: "Einfache Antworten auf den Rechtsruck sucht man hier vergebens." 

Tja. Der Text erinnerte mich daran, wie ich im Sommer 2019 für die "Zeit" ins freundliche Städtchen Geisa fuhr, an die thüringisch-hessische Grenze. Eine AfD-Kandidatin war in den Hauptausschuss des Stadtrats gewählt worden, und eine Landtagsabgeordnete der Linken hatte dies derart laut skandalisiert, dass es von der Agentur vermeldet und in der Folge auch in den Hauptstadtredaktionen gehört worden war. 

Die AfD erzielte damals in Thüringen ungefähr die Ergebnisse wie heute in Baden-Württemberg. Aber das konnte damals – wie auch! – niemand ahnen, und ich wurde in unregelmäßigen Abständen nach der Deutung des gefährlichen Ostens gefragt. Natürlich scheiterte ich in Geisa genauso wie die Kollegin von der "Taz" an der komplexen Wirklichkeit.

Der Höcke, der ist "viel zu krass"

Ich wurde von der AfD-Stadträtin, die sich als überaus sympathische Kosmetikerin erwies, in die Küche eingeladen. Sie habe immer CDU gewählt, sagte sie, aber sei enttäuscht worden. Jetzt vertraue sie "den Altparteien" nicht mehr, auch wegen der "unkontrollierten Einwanderung der Asylanten". Ja, es stimme, in Geisa sei die Welt noch in Ordnung, sagte sie. "Aber ich fürchte, dass es nicht so bleiben wird."

Zu Björn Höcke, der schon damals in Thüringen die AfD führte, wollte sie nichts sagen, sie wisse nichts von ihm. Was sie aber wisse: "Ich bin ganz sicher nicht völkisch oder rassistisch, wie es einige Linke sagen." Es sei schlimm, dass sie sich das anhören müsse, nur weil sie ihre Meinung sage.

Später kam noch ihr Mann hinzu und sagte, dass auch er die AfD wähle. Der Höcke sei ihm "viel zu krass, zu weit rechts". Aber "die in Berlin und Erfurt müssen endlich den Schuss hören". 

Ich habe unzählige dieser Gespräche geführt, auch in meinem alten Dorf, in dem ich noch zuweilen bin. Das Haus wurde verkauft, aber mein Vater ist auf dem örtlichen Friedhof begraben, und außerdem gibt es alle paar Jahre Klassentreffen, bei denen am späten Abend, wenn das fünfte Bier erreicht ist, trotz aller gegenteiligen Vorsätze über "die Politik" gestritten wird.

Auf dem Brandenburger Land

Nicht immer gestalteten sich diese Begegnungen angenehm, dennoch hatte ich nie den Eindruck, mit Extremisten zu reden. Mir ging es wie Juli Zeh, die seit einigen Jahren auf dem Brandenburger Land lebt und von der zwischen den Jahren ein langes Interview in der "Taz" erschien. "Ich glaube, wir haben momentan niemanden im Dorf, der mit seinen Meinungen außerhalb der Verfassung stünde", sagte sie. "Anders, als immer mal wieder berichtet wird, ist der durchschnittliche AfD-Wähler glücklicherweise ja kein Rechtsradikaler."

"Stimmt!", möchte ich da kraft meiner eigenen anekdotischen Evidenz rufen. Doch ich schweige lieber. Denn genau das ist es eben: anekdotische Evidenz. 

Ich jedenfalls bilde mir nicht ein, dass die Menschen, mit denen ich rede, mir stets ihre ungefilterte Meinung sagen. Und ich weiß, dass das, was ich privat höre, nicht unbedingt repräsentativ ist. Ich kenne ja die wissenschaftlichen Studien und Umfragen, die belegen, dass ein großer und steigender Anteil der AfD-Wähler die Forderungen der Partei unterstützt. 

Denn sie wissen, was sie wollen

Außerdem, so ist das nun mal mit der parlamentarischen Demokratie, machen nicht die Wähler die Gesetze und erlassen die Verordnungen. Es sind die Abgeordneten und Regierenden, deren Wirken durch den Wählerwillen legitimiert wird. Und hier sage ich aus der Erfahrung, die ich mit Mitgliedern und Funktionären der AfD sammeln durfte: Falls sie an die Macht gelangen, werden sie genau das durchziehen, was sie auf den Parteitagen, Versammlungen und in ihren internen Chats propagieren. Und so lehrt es auch die Geschichte.

Trotzdem wiederholt Juli Zeh ein Argument, das ich teile. Es war schon immer falsch, Menschen wegen ihrer Meinungsäußerungen freihändig zu stigmatisieren, insbesondere dann, wenn diese Meinungen von der Verfassung gedeckt sind. 

Wer sich nicht impfen lässt, ignoriert oft die Wissenschaft, ist aber längst kein sogenannter "Corona-Leugner". Wer gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ist, macht es sich etwas einfach, ist aber nicht automatisch ein angeblicher "Putin-Knecht". Und wer die AfD wählt, riskiert mindestens fahrlässig die liberale Demokratie, ist aber in aller Regel kein "Nazi".

Das wäre also mein Wunsch für 2026: Meinungen aushalten, Pauschalurteile meiden, Differenzierung zulassen. Dann schaffen wir es auch durch dieses Jahr, irgendwie. Sogar in Sachsen-Anhalt.

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