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Porträt Aravind Adiga: Der Debütroman brachte den Booker-Preis

Der indische Schriftsteller und Journalist Aravind Adiga hat gleich mit seinem Debütroman ins Schwarze getroffen: Er erhielt den renommierten englischen Booker-Preis für seinen Bestseller "Der weiße Tiger". Ein Porträt des Autors.

Von Tanja Beuthien

Ein schmutziger kleiner Betrüger, ein Hochstapler und Mörder schreibt seinen Werdegang an den chinesischen Ministerpräsidenten. In einem Brief, in sieben Nächten. Muss uns das interessieren? Oh ja! Denn Aravind Adiga, 34, indischer Journalist, Korrespondent der Time, der Financial Times und des Time Magazin, hat in seinem Debütroman "Der weiße Tiger" nicht nur einen klassischen Entwicklungsroman (der freilich unmoralischen Sorte), sondern auch ein unerhörtes Porträt seiner Heimat gezeichnet.

Lebensgeschichte, in die Haut geritzt

Er kriecht in die Hütten der Armen, wo sich die Frauen abwechselnd Streiten und Entlausen und ansonsten die Büffelkuh mästen, die fett und glänzend den ganzen Reichtum der Familie symbolisiert. Er fotografiert das glitzernde Delhi, die blinkenden Fassaden der Internet-Start-Ups und Call-Center. Und er beschreibt wie die Grausamkeit der Großgrundbesitzer Spuren auf den Körpern ihrer Leibeigenen hinterlässt, Schnitte, Risse Narben, ein Rückgrat "wie ein knotiges Seil": "Die Lebensgeschichte eines Armen ist ihm mit scharfer Feder auf den Körper geschrieben".

"Wir wissen, wo deine Familie lebt"

Adigas zeigt das Indien fernab von Bollywood. Er klagt nicht an. Er berichtet, was er auf den Straßen sieht und hört. Er gibt das tausendfache Murmeln und Flüstern der Menschen wieder, die keine Stimme haben. Die Idee zu seinem Buch ist ihm gekommen, als ihm ein ausgezehrter Rikscha-Fahrer auf seinem Fahrrad ein Möbelstück lieferte. Adiga zögerte, ihm den noch offenen Betrag auszuhändigen, denn die Summe war ein Vielfaches des Monatslohnes des Mannes. Doch als Adiga nachforschte, bescheinigte ihm der Verkäufer, er müsse sich darum keine Sorgen machen, der Rikscha-Fahrer sei ganz unter Kontrolle. "Ansonsten wissen wir ja, wo seine Familie lebt."

Nach oben morden

So ist Adigas Protagonist, der Emporkömmling Balram Halwai, also auch Sohn eines Rikschafahrers, der sich als Chauffeur der Reichen und Mächtigen nach oben arbeitet oder besser gesagt, mordet: "Der indische Unternehmer muss gleichzeitig ehrlich und hintertrieben, zynisch und gläubig, gerissen und aufrichtig sein", schreibt Halwai dem chinesischen Ministerpräsident, denn er möchte dem "großen Sozialisten" die "ganze Wahrheit über Bangalore" berichten: Die Erfolgsgeschichte eines indischen Unternehmers, von ihm selbst erzählt.

Und die ist nahezu märchenhaft, denn Halwai kommt aus der "Finsternis", wie er die Gegend um den "Schwarzen Fluss" Ganges nennt, wo sich all die Knochen und Leichen, der Schlamm und der Müll der großen Städte sammelt. Er schafft es durch einen gezielten Mord zur rechten Zeit, durch Bestechung und Betrug, sich ein eigenes kleines Fahrerimperium aufzubauen.

Halbgares Indien

Seine Geschichte ist "die Autobiografie eines halb garen Inders":

"Wie ich sind Tausende in diesem Land halb gar, weil wir die Schule nicht abschließen durften. Wenn man uns den Schädel öffnen und mit der Taschenlampe hineinleuchten könnte, würde man eine eigenartige Sammlung finden: (...) ein paar Sätze zur Politik aus einer Zeitung, beim Warten auf einen Beamten vor dessen Büro gelesen, Dreiecke und Pyramiden von den Seiten alter Geometriebücher, in die jede Garküche des Landes ihre Imbisse wickelt, ein paar Schnipsel Nachrichten aus dem All India Radio, Gedanken, die einem in der halben Stunde vorm Einschlafen ins Hirn fallen wie die Eidechsen von der Zimmerdecke...."

Halwais Leben ist zutiefst unmoralisch, doch Adiga lässt ihn erzählen im Plauderton, mal naiv, mal ironisch und mit einer kindlichen Freude am grausamen Spiel. Er nimmt alles in Kauf, das Fressen und Gefressenwerden, um wenigstens "eine Minute lang zu wissen, was es heißt, kein Diener mehr zu sein". Nicht unbedingt ein Spaß für Halwai. Aber ein einziges großes Vergnügen für den Leser!

Das sah offenbar die Jury des renommierten Booker Prize ähnlich: Sie verlieh die mit 50.000 Pfund dotierte Literaturauszeichnung in London an den Debütanten Adiga. Der Jury-Vorsitzende Michael Portillo sagte bei der Verleihung, der Roman zeige die "dunkle Seite Indiens" und schockiere und unterhalte gleichzeitig. Viel mehr kann man von Literatur nicht erwarten.