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Romanautor Kunkel: "Das Dritte Reich war mehr als Stalingrad und Auschwitz"

Umstrittener Romanautor Kunkel: "Das Dritte Reich war mehr als Stalingrad und Auschwitz"

Hamburg - Thor Kunkel, der Autor des umstrittenen Romans "Endstufe", hat sich im stern entschieden gegen im "Spiegel" erhobene Vorwürfe gewehrt, er unterstütze mit seinem bislang unveröffentlichten Buch revisionistische und rechtsradikale Einstellungen. "Das ist eine Rufmordkampagne", sagte der 40 Jahre alte Schriftsteller in einem Interview mit dem stern. Er werde "zu einem Anwalt gehen". "Ich sitze nicht mit braunen Kameraden am Stammtisch. Ich würde mich eher in der Anarcho-Ecke sehen." Der Roman, den der Rowohlt Verlag kurz vor dem Veröffentlichungstermin zurückgezogen hat und der nun bei Eichborn Berlin erscheinen soll, erzählt unter anderem über die NS-Pornoszene.

Der "Spiegel" hatte über ein Gespräch berichtet, das Kunkel mit der Lektorin Ulrike Schieder vom Rowohlt Verlag geführt habe. Darin soll der Autor gesagt haben, "der Tod in der Gaskammer sei der Vergewaltigung durch Russen vorzuziehen". Diese ihm zugeschriebene Passage empfinde Kunkel als "schlimmste Diffamierung", er habe sie nie gegenüber Schieder geäußert und sie sei "frei erfunden". Kunkel zum stern: "Man muss psychisch krank sein, um das anzunehmen." Er vertrete mit dem Roman "keine politische Richtung und verharmlose oder relativiere auch nicht den Holocaust".

Allerdings nehme Kunkel die Freiheit für sich in Anspruch, aus eigener Sicht über das Dritte Reich zu schreiben. "Ich glaube nicht, dass die Bilder, die wir bisher kannten, ausreichen, um das Phänomen Drittes Reich mit all seinen Schrecken nachfühlbar zu machen." Man müsse es auch "aus dem Blickwinkel der Verführung und Verblendung" sehen. Wenn es um die NS-Zeit gehe, würden "bestimmte Pawlowsche Verbalreflexe" abverlangt. "Mehr Bezug zum Grauen, Betroffenheitsgebärden, explizite Darstellungen der Nazibrutalität. Doch diese Sorte Ablasszettel schreibe ich nicht."

Es sei wichtig, so Kunkel zum stern, "dass sich jemand traut, eigene Gedanken zum Weltgeschehen zu formulieren, und zwar jemand, der einen deutschen Pass hat und Sätze formuliert, die nicht hundertprozentig konform sind". Wir müssten in der Lage sein zu sagen: "Das Dritte Reich war mehr als Stalingrad und Auschwitz." Die Pornografie benutze Kunkel in seinem Roman als "poetische Metapher", um den "Intimitätsverlust und die Perversion" im Faschismus zu zeigen. Er glaube, dass er es auf seine Art besser mache als etwa der ZDF-Filmemacher Guido Knopp, der "einfach nur den Militarismus abfeiert. Mich befremden diese Bilder, ich schaue sie mir an und denke: Die marschieren an mir vorbei."

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