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Walser-Roman "Das dreizehnte Kapitel": ...doch das Wasser war viel zu tief

Der Autor Basil Schlupp und die Theologin Maja Schneilin sind glücklich verheiratet. Sagen sie. Doch ihr Schöpfer, der Buchautor Martin Walser, weiß es besser.

Kann eine von vornherein aussichtslose Liebe trotzdem erfüllend sein? Schafft vielleicht gerade die Tatsache, dass ihr Ausleben unmöglich ist, die Chance zu schonungsloser Offenheit und Ehrlichkeit und damit zu einem Vertrauen, dass man sonst nie erfahren würde? Martin Walser geht dieser Spur in seinem neuen Buch "Das dreizehnte Kapitel" nach, das am 7. September im Rowohlt Verlag erschienen ist - gewohnt hartnäckig, wortversessen und schonungslos.

Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt: Autor Basil Schlupp sitzt bei einem Empfang am Tisch mit der Theologin Maja Schneilin. Er kann die Augen nicht von ihr lassen und schreibt ihr später einen Brief - auf eine Art und Weise, dass sie ihm antworten muss. Erst zögerlich, dann immer intensiver entwickelt sich zwischen den beiden ein Briefwechsel, in dem sie beim anderen abladen, was sie seit Jahren nicht mehr mit ihren jeweiligen Ehepartnern besprechen können.

Geheimnisse werden ausgeplaudert - mal Harmloses, mal eindeutig zu Intimes - und bewusst wird Verrat an den Ehepartnern geübt. "Liebe Theologin, wie finden Sie das, dass es mir gut tut, Iris an Sie verraten zu haben", schreibt Schlupp, nachdem er ihr geschrieben hat, dass seine Frau Iris ebenfalls an einem Buch sitzt. Es ist deren innigstes Geheimnis und dennoch schreibt der Autor ihre herumliegenden Notizen ab und leitet sie - mit einer fast kindlichen, hemmungslosen Aufregung - an seine Brieffreundin weiter. "Dieser Verrat ist unser Gemeinsames."

Beziehung auf dem Briefpapier

Es gebe so viel, was man seinem Nächsten nicht sagen kann - einfach, weil es zu viel wäre, sagte Martin Walser im Frühjahr der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Wir existieren da auf einer Frequenz, die im Alltag nicht anzubringen ist, da braucht man eine Ausdruckswelt dafür, und das habe ich ausgebeutet." Das Paar in seinem Buch könne nur moralisch existieren, wenn die Beziehung unmöglich bleibe. "Denn die sind beide glücklichst gebunden und schreiben sich trotzdem aufeinander zu - weil sie feststellen, dass sie einander etwas sagen können, was sie sonst nirgends sagen können."

Kaum ein Titel sei so lange in seinen Tagebüchern herumgegeistert wie dieser - seit 1994 habe ihn das Thema heimgesucht, sagte Walser im Vorfeld der Veröffentlichung. "Im Laufe der Jahre habe ich dauernd etwas notiert, was dazu passen könnte - aber dann war da sehr deutlich ein Weg, und der ernährt sich hauptsächlich selber und braucht keine Lieferungen mehr von früher."

"Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit"

Auch Karl Barth hat seinen Weg in diesen Roman gefunden - jener von Walser vielzitierte Schweizer Theologe, für den Gott der unbekannte Gott ist, an den man nur ohne Hoffnung glauben könne. Die Beziehung, die sich zwischen Basil Schlupp und Maja Schneilin entwickelt, kann man ebenso mit diesen Worten beschreiben. Sie bleiben bei ihrem Wortwechsel bis zum Schluss in einem Raum des Unmöglichen, ihre Briefe sind ein Leiden mit Gewinn oder "Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit", wie der Autor sie nennt.

Das passiert nicht ohne Zweifel und Ängste. "So unsicher wie Ihnen gegenüber war ich noch nie", schreibt Basil. Was dagegen hilft, ist nur das gegenseitige Vergewissern, dass die Zuneigung, das Wortewechseln untereinander eine Berechtigung, etwas beinahe zwanghaft Notwendiges hat. "Aber, bitte, sagen Sie mir etwas, was wir, Sie und ich, unseren Ehehälften wegnehmen? Was wir einander geben, können nur wir einander geben. Was ich Ihnen schreiben muss, habe ich noch keinem Menschen schreiben können."

Kathrin Streckenbach, DPA / DPA
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