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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Der Club der lebenden Dichter – endlich wieder Kultur live

Schriftsteller Steffen Kopetzky
Schriftsteller Steffen Kopetzky
© Ulrich Baumgarten / Picture Alliance
Lange mussten wir auf Kunst- und Kulturveranstaltungen verzichten. Umso schöner, dass jetzt wieder Vieles möglich ist. Anlässlich unseres runden Hochzeitstages gönnten meine Frau und ich uns eine Dichterlesung. Es war wunderbar. 

Wenn meine beiden Geschwister und ich an unsere Jugendjahre zurückdenken, gehörte es in unserer Familie als Teil eines breit angelegten Bildungsprogramms unserer Eltern dazu, dass wir regelmäßig zu Lesungen mitgenommen wurden. Natürlich war das auch damals nicht unbedingt der Typus Event, bei dem wir als zottelige Teenager in unserer Sturm- und Drangzeit "Hurra" schrien. Gerade an Abenden, wo die Alternative "Janssens Tanzpalast" im Örtchen Lüdingworth mit lauter Musik, smarten Mitschülerinnen auf dem Dancefloor und ein paar Cola-Rum am Tresen lockte. "Kultur ist wichtig, Halligalli kann warten", beendete mein Vater mit energischer Stimme die Diskussionen.

Also trotteten wir maulend mit in die Stadtbibliothek oder die große Buchhandlung in Cuxhaven. Dort lauschten wir dann in frisch gebügelten Hemden und Schlaghosen den Granden der damaligen Literaturszene: Martin Walser, Christa Wolf, Peter Handke oder Thomas Bernhard. Erst Jahre später wurde uns so richtig klar, welchen herausragenden Persönlichkeiten wir da auf unseren Klappstühlen gegenübergesessen hatten. 

Die Abende waren dann doch immer besser, als wir anfangs gedacht hatten, denn die Vortragenden lasen nicht nur aus ihren Werken vor. Es gab auch jeweils eine Einführung durch die belesene Bibliothekarin oder extrem literarisch versierte MitarbeiterInnen der gut sortierten Buchhandlung. Am Ende durften die Gäste den AutorInnen Fragen stellen. Oft ergab sich eine lebhafte Diskussion.

Mein Vater, der als Deutschlehrer natürlich tief in der Materie steckte,  war immer vorne mit dabei. Ich kann mich an keinen einzigen Abend erinnern, den er nicht mit einer interessanten Frage bereichert hatte. Ich habe das immer bewundert und wer mich kennt weiß, dass ich es heute ebenso handhabe. "Wir haben einen Mund zum Sprechen und zum Fragen stellen", war eine der vielen Weisheiten meines alten Herrn, die ich allesamt auf der Festplatte der Erinnerungen abgespeichert habe, weil sie einfach aber wahr sind. 

Literatur live mit Steffen Kopetzky

Gemeinsam mit meiner Frau bin ich seit wir uns kennen immer gerne zu Konzerten, in Ausstellungen, ins Kino oder Theater gegangen. Auch zu Dichterlesungen. Diese Abende haben wir in der Zeit des Lockdowns und der massiven Einschränkungen extrem vermisst. Daher war es für uns keine Frage, dass wir anlässlich unseres Hochzeitstages am Abend eine Kulturveranstaltung besuchen würden. Ohne Kinder wieder mal Inspiration tanken, zuhören, genießen.

Es wurde eine Lesung im Rahmen des Kölner Festivals "Literatur in den Häusern der Stadt". Die Idee ist einfach, aber gut: Kulturförderer und Wortbegeisterte laden in private Räume, Büros, Lofts, Gärten und auf Dachterrassen ein. Die Gastgeber begrüßen Autoren, Schauspieler und Publikum und bieten der modernen Literatur eine außergewöhnliche Plattform. Die persönliche Atmosphäre, köstliche Weine und der enge Kontakt zwischen Auftretenden und Publikum machen die Veranstaltungen zu einem besonderen Erlebnis.

Meine Frau und ich hörten Bestseller-Autor Steffen Kopetzky zu. Ich kannte ihn bislang nur in der Audio-Version, denn sein Werk "Risiko" hatte mich mal während einer langen Autofahrt als Hörbuch durch die Nacht begleitet. Vor kurzem war ich dann gemeinsam mit ihm im Podcast "Books&Sports" von TV-Coach und Fußball-Reporter Christian Sprenger zu Gast. Nun also live. Wir waren pünktlich im Kölner Rheinauhafen, blickten aus dem Fenster, genossen die herrliche Abendstimmung. Da saß er, auf einer Bank, vor der Silhouette der gigantischen Kranhäuser, die regelmäßig den Hauptkommissaren Ballauf und Schenk im Kölner Tatort als bildgewaltige Kulisse dienen. 

Sind wir zu ideologisch, wenn wir über die Energie-Wende sprechen, Herr Lesch?

Karneval und die Seuche

Autor Kopetzky blickte den vorbeifahrenden Schiffen auf dem Rhein nach, machte sich Notizen, neben ihm ein Glas Weißwein. Schriftsteller-Idylle par Excellence. Und dann legte er los. Der Mann mit dem grauen Lagerfeld-liken Pferdeschwanz las aus seinem kürzlich erschienenen Werk "Monschau". Es geht um eine Liebe im Ausnahmezustand in der gleichnamigen Stadt. Dort brachen in den Karnevalstagen die Pocken aus. Eingeschleppt von einem Monteur, der in Indien tätig war. Fast ein Déjà-vu des Corona-Ausbruchs bei uns.

Kopetzkys Geschichte basiert auf wahren Gegebenheiten, er hat aufwendig recherchiert, das rasante Wirtschaftswachstum der jungen Bundesrepublik wird in seinem Buch extrem lebendig. Zwischendurch erzählte er kurzweilig auf der Bühne, wie er auf den Stoff dieses kaum bekannten Kapitels deutscher Geschichte gestoßen ist, mit Zeitzeugen sprach, sich die Puzzleteile zum Buch zusammenfügten. Das Publikum hing an seinen Lippen. Als er ein Kapitel vortrug, in dem der aus Griechenland stammende Arzt erstmals an einer rheinischen Karnevalsveranstaltung teilnahm, brach kollektive Heiterkeit im Salon des Deutschen Sport- und Olympiamuseums aus. Der vortragende Autor hatte sichtlich Freude, dass er mit seiner Darbietung so viel Anklang fand. Auch den minutenlangen Applaus genoss er sichtlich und verbeugte sich am Ende stilvoll.

Weil wir an Literatur live wieder so viel Freude hatten, haben meine Frau und ich direkt die nächste Lesung gebucht: Ende Oktober lauschen wir Frank Schätzing anlässlich der kommenden lit.Cologne. Er liest dann aus seinem aktuellen Buch zur Klima-Thematik: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" Da sind wir gerne dabei – in jeder Hinsicht.


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