HOME

Sabine Kuegler: Mission Dschungel

Sie hat im Urwald gelebt und darüber einen Bestseller geschrieben. Jetzt ist Sabine Kuegler wieder unterwegs, mit neuem Buch und neuer Aufgabe: helfen. Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau.

Von Andrea Ritter

Im Dschungel plant man nichts, sagt Sabine Kuegler, und sie sagt es oft. Morgens um 6.15 Uhr in die Kamera von Sat 1, dreißig Minuten später in die von N24. Nachmittags in die Schreibblöcke der Journalisten und abends bei ihrem Vortrag sagt sie es wieder. Sie ist auf Promotiontour durch Deutschland, drei bis vier Lesungen pro Woche, jeden Abend in einer anderen Stadt, immer vor rund 300 Leuten. Im Dschungel plant man nichts. Sabine Kuegler plant alles.

Bereits im vergangenen Jahr konnte man sie in nahezu jeder Talk-Show sehen: eine hübsche junge Frau, die erzählte, wie sie als Kind bei den Ureinwohnern von West-Papua Käfer aß und Pfeile verschoss. Igitt, aber auch aufregend. Das Buch, in dem sie von ihrer Kindheit als Missionarstochter beim Stamm der Fayu in West-Papua erzählt, stand monatelang ganz oben in den Bestsellerlisten, meterhoch gestapelt in jeder Buchhandlung, und sie selbst blickte einem vom Cover entgegen. Nun gibt es mit "Ruf des Dschungels" ein zweites Buch - und Sabine Kuegler ist schon wieder überall. In Dresden gerät der Geschäftsführer ins Schwärmen, weil sein "Haus des Buches" komplett ausverkauft ist, nur damals bei Helmut Kohl, da sei die Schlange noch viel länger gewesen - ein Satz, den Sabine Kuegler souverän mit "Aber nur bei mir haben die Leute Tränen in den Augen" kommentiert.

Wieviel Dschungel steckt in Kuegler?

In ihrem neuen Buch erzählt sie, wie sie nach 15 Jahren - inzwischen ist sie 33 und vierfache Mutter - für vier Wochen nach West-Papua zurückkehrte und sich damit auseinandersetzen musste, wie sehr dort die Menschen und ihr Lebensraum bedroht sind. Und sie spart wahrlich nicht an Pathos, wenn es um ihren "Stamm" und ihren "Dschungel" geht. Sabine Kuegler würde nie "Regenwald" sagen oder gar weltmännisch von "den Tropen" sprechen. Sie beschwört eine Welt voller Abenteuer, so wie die von Tarzan oder Mogli. Und wenn ihre großen Augen vor den Fernsehkameras todtraurig werden und sie mit erstickender Stimme sagt, dass sie den Dschungel - ihre Heimat! - immer noch sehr vermisse, dann sieht man vor seinem geistigen Auge, wie in der Marketingabteilung ihres Verlags Droemer/Knaur die Sektkorken knallen, ob dieser genialen Vermarktung. Und man fragt sich: Wie viel Dschungel steckt wirklich in diesem Kind?

Mutter, Autorin, Geschäftsfrau

"Schau mal, da ist mein Gesicht", sagt sie vor einer Bahnhofsbuchhandlung, die mit quadratmetergroßen Sabine-Kuegler-Porträts für das neue Sabine-Kuegler-Buch wirbt. "Mein Gesicht", sagt sie, nicht "ich". Und überprüft mit einem kurzen Blick Anzahl und Positionierung ihrer Bücher. Das ist die Geschäftsfrau Sabine Kuegler, die Autorin und Inhaberin der Produktionsfirma "Earth of Dreams", die sich bereits um nachfolgende Projekte kümmert. Die im Fernsehen das hinreißende Medien-Dschungelkind gibt, das von den Sendern gern mit dem Zusatz "Lebte früher unter Kannibalen" versehen wird. Dann ist da noch die Mutter Sabine Kuegler, die sich am Handy nach ihren "Babys", ihren zwei jüngsten Kindern, erkundigt, die bei ihr leben und während ihrer Abwesenheit von der Cousine betreut werden (ihre größeren Kinder wohnen bei ihrem ersten Mann). So weit mag alles zusammenpassen - doch da ist noch etwas anderes. Die Art, wie sie trotz damenhafter Schuhe mit viel zu großen Schritten losmarschiert. Wie sie Sätze nicht mit "Ich denke" anfängt, sondern mit "Ich fühle". Wie sie nachts an der menschenleeren Straße einer Kleinstadt nach einer Ampel Ausschau hält, weil sie sich nicht traut, über die Straße zu gehen. Wie sie manchmal losredet, ohne nachzudenken, auf eine Art, die so gar nicht zu der medienerfahrenen Frau passt. Vielleicht ist das der Teil ihrer Dschungelkind-Vergangenheit, der nicht inszeniert ist.

Tarnung für den Erfolg

Der Erfolg ihrer Bücher hat mit ihrem Aussehen und ihrem Auftreten zu tun, das weiß sie sehr gut. Die Popularität, die ihr das gebracht habe, setze sie nun gezielt ein. "Wann würde man sonst in einer Sendung wie 'Beckmann'" über West-Papua reden?" Die westliche Welt funktioniere nun mal über Äußerlichkeiten, das habe sie gelernt, wie sie so vieles lernen musste, als sie mit 17 Jahren "aus der Steinzeit", wie sie sagt, in ein Schweizer Internat in Montreux wechselte. Wer ist Michael Jackson, welche Turnschuhe darf man anziehen? Wenn sie davon erzählt, klingt es wie die Szene aus "Terminator", in der Arnold Schwarzenegger Gebrauchsanweisungen scannt und sich in Sekundenschnelle alles über das Leben im Jahr 1984 aneignet. Sabine Kuegler spricht von "Mimikry", Tarnung. In ungewohnter Umgebung überlebt man am besten durch Anpassung. Hat sie im Dschungel gelernt.

"Von einem Extrem ins andere"

Zur Anpassung gehörte es für sie auch, Wirtschaft zu studieren und das Potenzial ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte auszuschöpfen. Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker hatte ihr erstes Buch als eine "unsägliche romantische Verklärung von Ureinwohnern" kritisiert. Sie glorifiziere die Arbeit ihres Vaters als freikirchlicher Missionar, der im Auftrag der nicht unumstrittenen Wycliff-Bibelgesellschaft zum Stamm der Fayu gekommen sei, und schüre den Mythos vom "edlen Wilden" - mit den realen Lebensverhältnissen in West-Papua habe das nicht viel zu tun. Das zweite Buch liest sich ganz anders. Sie berichtet nun von Menschenrechtsverletzungen, thematisiert die Ausbeutung des Landes und sympathisiert mit der Unabhängigkeitsbewegung West-Papuas, die die Trennung von Indonesienen propagiert. Für Delius ein Schritt "von einem Extrem ins andere".

Zwischen welchen Extremen sie sich tatsächlich bewegt, ahnt man, wenn man ihre ganze Geschichte kennt. Seit ihrer Rückkehr aus Papua hat sie in der Schweiz, in Japan, in Kanada und in Deutschland gelebt, zweimal geheiratet und vier Kinder bekommen. Die älteste Tochter ist 14, der jüngste Sohn vier. Sie spricht Französisch, Englisch und Deutsch und manchmal alles gemischt. Ihre Geschwister leben in den USA, ihr Vater pendelte bis vor kurzem zwischen Asien, Europa und Amerika, ihre Mutter lebt in Norddeutschland, sie selbst zieht gerade mal wieder um - von der Münchner Innenstadt aufs Land. "Nicht ungewöhnlich für ein Missionarskind", sagt sie. Entweder man bleibt später immer am selben Ort oder man wird nirgendwo richtig sesshaft. Gegensätze haben ihr Leben geprägt. Und ihre Persönlichkeit.

Kein kritisches Wort zur Missionsarbeit

Wie steht sie zu der Missionarsarbeit ihres Vaters? Was hat Jesus im Urwald zu suchen? Und findet sie es aus heutiger Sicht nicht fragwürdig, dass ihre Eltern damals mit drei kleinen Kindern in den Dschungel gezogen sind, um einem Stamm das Evangelium nahezubringen? Fragen, die sie nur zögernd beantwortet. Nicht, weil sie sich vor Kritik fürchtet, sondern weil sie nicht ihrer Denkweise entsprechen. Aus Sicht der Fayu, sagt sie, sei es genauso unverantwortlich, seine Kinder in einer Stadt aufwachsen zu lassen. Und was die Missionarsarbeit angehe - das, was sie davon mitbekommen habe, sei nichts Schlechtes gewesen. Sie selbst hat mit christlichen Lehren nicht viel am Hut, außer "dass es doch gut ist, sich nicht die Köpfe einzuschlagen", und Entwicklungshilfe findet sie richtig, wenn es sich um "stammeserhaltende Maßnahmen" handelt.

Die Heimat: Bayern und Sansibar

An jedem Abend, in jeder Stadt, endet ihre Veranstaltung mit einem Exkurs über die politische Situation West-Papuas. Sie arbeitet inzwischen mit den "Freunden der Naturvölker" zusammen und zeigt neben idyllischen Urwaldbildern auch die Morgenstern-Flagge West-Papuas - ein Symbol für die Unabhängigkeit des Landes.

Eines Tages würde sie gern zu den Fayu zurück- gehen, sagt Sabine Kuegler. Einerseits. Andererseits hat sie gerade mit ihren Kindern ein Haus auf dem Land bezogen. Und ein Grundstück gekauft. Das liegt nicht bei den Fayu und auch nicht in Bayern. Es liegt auf Sansibar.

print
Themen in diesem Artikel