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Thomas Pynchon Die Magie der Dunkelmänner


Rätsel, Mythen, Vermutungen: Niemand weiß genau, wo sich der große amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon derzeit aufhält - und wer er ist.

Und wenn er doch Recht hätte? Die Welt beherrscht würde von Geheimbünden, Dunkelmännern und anonymen Mächten? Wir nichts anderes wären als gutmütige Schafe, die jene Zeichen und Codes der heimlichen Herrscher nur nicht erkennen? Weil wir sie vielleicht gar nicht sehen wollen? Eingelullt und ruhig gestellt von Wohlstand, Demokratie und der Aussicht auf Zahnersatz.

Die Verschwörungstheorien des Thomas Pynchon sind verführerisch. Und vielleicht ist ja was dran an dem Hinweis aus seinem Buch »Die Enden der Parabel«, in dem er andeutet, die USA würden in Wahrheit von den Illuminaten kontrolliert. Er schreibt: »Es fällt schwer, den Blick in das rätselhafte, einsame Auge auf der Spitze der Pyramide auszuhalten, das auf jeder Dollarnote zu sehen ist, ohne zu beginnen, dieser Geschichte zumindest ein wenig Glauben zu schenken.« Dann kramt man einen Dollar hervor, und ja: Da ist es, das Auge auf der Pyramide. Verdammt, das Zeichen der Illuminaten.

Und so hat Pynchon vielleicht gut daran getan, sich von dieser Welt abzuwenden, sich zu verstecken und das Leben eines Phantoms zu führen, extremer noch als J. D. Salinger und Don DeLillo, die beiden anderen großen mysteriösen US-Autoren. Doch während man bei denen wenigstens erfolglos an die Tür klopfen kann, weiß man bei Pynchon nicht mal, wo er wohnt. Man vermutet: New York. Niemand weiß, wie er aussieht. Es ist wahrscheinlich, dass er noch lebt, immerhin hat er 1997 das Buch »Mason & Dixon« veröffentlicht. Es gibt keine Fotos vom ihm - er geht auf Mitte 60 zu - außer einigen Schwarzweißbildern aus der Jugendzeit, wo ein hasenzähniger, linkisch wirkender junger Mann leicht belustigt in die Welt schaut.

Klar, dass sie ihn suchen, ihn jagen wollen. Jetzt kommt die Dokumentation »Thomas Pynchon, A journey into the mind of P.« ins Kino, die versucht, sich dem Rätsel zu nähern. Die Filmemacher Fosco und Donatello Dubini haben in den USA Menschen aufgespürt, die Pynchon begegnet sind und den Mann beschreiben, um den sich so viele Mythen ranken. Der Film ist eine gute Gelegenheit, sich dem Werk Pynchons zu nähern und diesen großen Autor für sich zu entdecken - auch wenn er es einem nicht leicht macht. Denn seine Bücher sind sperrig und kompliziert, die Handlung ist schwierig und verwinkelt. Am lesbarsten für den Anfang ist »Vineland«, eine Liebeserklärung an kalifornische Hippies.

Natürlich ist der Nobelpreis überfällig, doch das erlauchte schwedische Komitee wird nicht riskieren wollen, was 1974 bei der Verleihung des »National Book Award« passierte: Der Geehrte ließ den Preis von einem Komiker entgegennehmen, der als Pynchon auftrat und eine groteske Dankesrede hielt, die Pynchon wohl selbst geschrieben hatte. Wohl! Wahrscheinlich! Man wird ihm nie auf die Schliche kommen. Vermutlich.

Oliver Link


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