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Spekulationen um Literaturnobelpreis: Amos Oz, Adonis oder Pynchon?

Die Spekulationen um den Literaturnobelpreis sind in vollem Gang: Wenn die Stockholmer Juroren Anfang Oktober nach Proporz entscheiden, wären die Lyriker oder die US-Literatur dran. Vielleicht gibt es aber wieder eine Überraschung wie 2009 mit Herta Müller.

Günter Grass wünscht sich den Israeli Amos Oz, die Zocker glauben an den syrisch-libanesischen Lyriker Adonis: Vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreises dreht sich das alljährliche Spekulations-Karussell wieder. Die Schwedische Akademie in Stockholm macht wie immer sogar aus dem Datum der Bekanntgabe ein großes Geheimnis.

Erst am Montag will sie kurzfristig mitteilen, ob der berühmteste Literaturpreis der Welt am kommenden Donnerstag oder erst in der darauffolgenden Woche vergeben wird. Die Einsatzlisten beim Wettbüro Ladbrokes, derzeit mit den Lyrikern Adonis (81) und dem Schweden Tomas Tranströmer (80) an der Spitze, tut der schwedische Jurychef Peter Englund geringschätzig ab: "Das läuft nach einem starren Schema. Es hat aber mit unserer Entscheidung nicht das Geringste zu tun."

Genre-Proporz und geografische Spekulationen

Vorerst können die Wettfreunde nur im Nebel herumstochern und Wahrscheinlichkeitsrechnungen anstellen: Seit der Polin Wislawa Szymborska 1996 hat es keine Auszeichnung für ein lyrisches Werk mehr gegeben. Also sind die Lyrikerinnen und Lyriker wohl mal wieder dran, meinen viele.

Neben dem vermuteten Nobel-Proporz nach Genre wird vor allem geografisch spekuliert: Seit Toni Morrison 1993 ist der Literaturnobelpreis nie mehr in die USA gegangen. Wohl vor allem deshalb hat es der Romancier Thomas Pynchon (74) bei Ladbrokes auf den dritten Platz geschafft. Überraschenderweise noch deutlich vor seinen Landsleuten Philip Roth (78) und Cormac McCarthy (78).

Aber die Juroren folgen der Proporz-Logik nur manchmal. "Die Beschlüsse der Stockholmer Akademie sind ein Thema für sich", sagte Günter Grass am Donnerstagabend beim Eifel-Literatur-Festival der Nachrichtenagentur dpa. Grass hatte den Preis 1999 nach vielen Jahren Warten als Dauerfavorit bekommen. Jetzt wünscht er einem anderen Dauerfavoriten die mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierte Auszeichnung: Der Israeli Amos Oz (72) habe den Preis allein für sein Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" verdient, so Grass.

Möglicherweise auch wieder eine Überraschung

Aber vielleicht ist es am kommenden oder übernächsten Donnerstag mal wieder Zeit für eine Überraschung. War doch im letzten Jahr mit dem Peruaner Mario Vargas Llosa auch ein "Dauerbrenner" gekürt worden. Während 2009 die in Rumänien geborene Berlinerin Herta Müller vor allem außerhalb von Europa als Nobelpreisträgerin ziemlich überraschte.

"Herta who?" soll in etlichen US-Redaktionen gefragt worden sein, als die Nachricht aus Stockholm einlief. So wie in Europa und auch sonst kaum jemand den Chinesen Gao Xingjian kannte, der den Preis im Jahr nach Grass bekam.

Thomas Borchert/DPA / DPA