Nahost-Konflikt "Irgendwie sind wir alle gleich"


Was auf dem politischen Parkett noch nicht gelingt, klappt auf der Bühne bereits ganz gut. Israelische und palästinensische Künstler engagieren sich gemeinsam für einen endgültigen Waffenstillstand in der krisengebeutelten Region. Darunter: Noa und Mira Awad, die als erstes arabisch-jüdisches Duo beim Eurovision Song Contest antreten.
Von Ariane von Dewitz

Drei Wochen dauerte die Militäraktion "Gegossenes Blei" im Gazastreifen. Mit großem Zuspruch in der Bevölkerung: Rund neunzig Prozent der israelischen Juden unterstützten die Angriffe - als gerechtfertigte Reaktion auf jahrelangen Raketen-Terror der Hamas. Selbst intellektuelle Kriegsgegner wie der Schriftsteller Amos Oz, befürworteten den Armee-Feldzug in den ersten Tagen. Ein Zeichen dafür, dass die Friedensbewegung ins Stocken geraten ist? Vielleicht. Denn viele Israelis haben zwar realisiert: Nur Kompromisse können die Lage noch retten, die Besatzung muss ein Ende haben, Jerusalem muss geteilt werden. Aber gleichzeitig glaubt kaum noch jemand daran, dass die palästinensischen Regierungen einer solchen Lösung zustimmen würden. Umso größer der Pessimismus der einen, desto vehementer verlangen andere das Ende des Krieges. Vor allem junge, engagierte Künstler fordern den endgültigen Waffenstillstand in der krisengebeutelten Region. In Filmen und Songs drücken Sänger und Regisseure ihre Trauer über Hass und Zerstörung aus.

Manche setzen dabei auf israelisch-palästinensische Zusammenarbeit. So wie die jüdisch-israelische Sängerin Noa und die christliche Araberin Mira Awad. Als erstes arabisch-jüdisches Duo wollen die jungen Frauen am 16. Mai beim Eurovision Song Contest in Moskau auftreten. Mit der unmissverständlichen Botschaft: Wir, Israelis und Palästinenser, können miteinander leben - wenn wir nur wollen. Welches Lied sie für den Frieden singen werden, dürfen die israelischen Fernsehzuschauer mitbestimmen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die beiden an Friedensprojekten beteiligen. Schon 2002 haben sie gemeinsam "We can work it out" von den Beatles aufgenommen - passend zur Region mit orientalischen Klängen unterlegt. Im Musikvideo blicken sie sich vor dem Mikrofon demonstrativ lächelnd in die Augen. "Wir müssen einander verzeihen, unsere jeweiligen Wunden anerkennen und die Ressourcen unseres Landes miteinander teilen", sagt Noa. Die international bekannte israelische Sängerin liebt es, mit Stereotypen zu brechen. Und so ist es ihr nur recht, dass die hübsche Mira mit ihren grünen Augen und der hellen Haut oft für "die Jüdin" gehalten wird. Und sie selber häufig als "die Araberin" durchgeht. "Das zeigt es doch am besten: Nichts ist, wie es scheint und irgendwie sind wir alle gleich", lacht sie.

Die Menschen sollen sich bewegen

Der Wunsch nach Frieden und Waffenruhe prägt auch die Musik von Sänger Shaanan Streett und seiner populären HipHop-Gruppe Hadag Nahash. Oft tritt die Band gemeinsam mit Palästinensern auf. In ihren Liedern thematisieren sie politische Fragen und bezeichnen dies als "wichtigen Teil" ihrer Musik. "Mit unserem Song Shalom, Salam, Peace, ist klar, welche Message wir vermitteln wollen: Die Menschen sollen sich bewegen - und nicht nur mit Armen, Beinen und Hintern, auch in ihren Köpfen soll sich etwas tun", fordert Streett.

Ähnlich hätte dies auch Aviv Geffen, das 'Enfant terrible' der israelischen Musik formulieren können. Der engagierte Friedensaktivist, ein in seiner Heimat längst mit Goldplatten und Preisen überhäufter Superstar, spricht sich immer wieder massiv für die Aussöhnung zwischen Israel und seinen Nachbarn aus. "Unsere Regierung muss den Krieg endlich beenden", fordert er. "Denn unsere Bomben töten Unschuldige und kommen als Bumerang wieder zurück: Per Sprengstoffgürtel nach Jerusalem, Tel Aviv, Sderot."

Schon Geffens erster Song "Cloudy Now" sorgte 1993 für Aufregung. Textzeilen wie "We are a fucked-up generation" und der Vorwurf, in Israel lebe eine verlogene Gesellschaft, veranlasste das israelische Radio, Geffens Lied aus dem Programm zu verbannen. "Auch heute dürfen einige Lieder von mir nicht im Radio gespielt werden - das fühlt sich schon ein wenig so an, wie die Bücherverbrennung", sagt Geffen, der mittlerweile auf Konzerten vor über 50.000 Menschen singt.

Mit schrillem Outfit und androgynem Körper ist der unbequeme Künstler ein Außenseiter in der israelischen Gesellschaft, die er selber als "machohaft" bezeichnet. Vom Militärkult in seiner Heimat will Geffen nichts wissen. Als einer von wenigen Israelis hat er den Wehrdienst verweigert. Für viele ein Skandal. Denn sein Großonkel ist Moshe Dajan, ein Held des Sechstagekriegs.

Geffens immanente Hoffnung auf einen baldigen Frieden wurde am 4. November 1995 schwer erschüttert: Kurz nachdem er auf einer Bühne in Tel Aviv für den Frieden gesungen hatte, umarmte ihn Premierminister Yitzhak Rabin - wenige Minuten später wurde der Politiker von einem extremistischen jüdischen Studenten erschossen. Dieser hatte sich mit der Behauptung, er sei Geffens Fahrer, Zutritt verschafft. Ein entsetzlicher Schock für den Sänger. Doch den Kampf gegen Terror und Gewalt hat er nie aufgegeben. Konkret fordert Geffen einen israelisch-palästinensischen Gipfel in Jerusalem - unter der Vermittlung von Russland, USA, China. "Ich glaube nicht an intelligente Bomben, ich glaube an intelligente Leute", sagt er und ist überzeugt davon, dass viele junge Menschen in Israel das gleiche wollen wie er: "Den Palästinensern geben, was ihnen gehört und endlich Frieden schließen."

Auch Regisseur Dror Zahavi, dessen Film "Alles für meinen Vater" gerade in den deutschen Kinos startete, ist verzweifelt angesichts der Situation. Er will verhindern, dass die zerrüttete Friedensbewegung völlig verstummt: "Hätte man nur ein Zehntel der Fantasie, die man jetzt in die militärische Strategie steckt, auf eine friedliche Lösung verwandt, dann hätten wir schon längst Frieden".

Auch er setzt wieder auf die Zusammenarbeit mit Palästinensern. In seinem israelisch-palästinensischen Gemeinschaftswerk bedient sich Zahavi dem wohl filmisch kraftvollsten Werkzeug gegen den Hass: Er bringt die Liebe mit ins Spiel. Es ist die Geschichte des jungen Palästinensers Tarek, der sich mitten auf dem Markt von Tel Aviv in die Luft sprengen will, um die Ehre seines gedemütigten Vaters zu retten. Nachdem die Selbstzündung misslingt, bleiben ihm zwei Tage Lebenszeit, in denen Tarek erst die selbstmordgefährdete Frau des dickköpfigen Elektrohändlers Katz rettet und sich - wie kann es anders sein - ausgerechnet in eine schöne Jüdin verliebt. "Ich wollte eine moderne Version von Romeo und Julia kreieren", sagt der Regisseur. "Mit zwei Liebenden, deren Völker bis aufs Blut verfeindet sind und die letztlich nicht verstehen, wozu der ganze Hass gelebt werden muss".

Nie wieder Krieg - dieser Traum eint alle Künstler

Zahavis Botschaft ist einfach: Er will der Gesellschaft vermitteln, dass es sich bei allen Beteiligten des Konflikts um nichts als Menschen handelt. "Darum haben wir für den Film bewusst den Extremfall eines Selbstmordattentäters gewählt", erklärt er. Denn: Es werde oft vergessen, dass hinter solchen Personen Familien, Freunde und eine ganze Biographie steckten. "Wenn wir alle mehr die humanen und humanitären Seiten in den Blick nehmen würden", sagt er, "dann würde das Töten aufhören".

Nie wieder Krieg - diesen Traum hat auch Filmautor Ari Folman, der sich mit seinem mehrmals preisgekrönten Dokumentarfilm "Waltz with Bashir" an den ersten Libanonkrieg (1982) erinnert. In dem verstörend apokalyptischen Werk, einer Mischung aus 3D, Flash und klassischer Animation, stellt sich Folman, der selber als Soldat gekämpft hat, seinen verdrängten Erinnerungen.

Verdrängt deshalb, da die nach dem Krieg heimkehrenden Soldaten mit ihrem Schrecken völlig allein blieben. Folman erklärt: "Damals war die Option: Ich bin hier, mein einziges Ziel ist, niemanden zu erschießen und selbst nicht verletzt zu werden, nach Hause gehen und vergessen." Und so rutschten die Soldaten von damals schnell zurück in ihren Alltag. Einfach so. Ausbildung, Karriere, Ehen. Erst sehr viel später: Alpträume und die Frage, was während des Krieges eigentlich passiert ist.

Heute will Folman genau hingucken und nichts mehr verdrängen. Auch keiner der Zuschauer soll vergessen, dass es sich bei seinem Werk nicht nur um einen "coolen Animationsfilm" handelt. Sondern dass in diesem Massaker tausende von Menschen ermordet und abgeschlachtet wurden. Zu diesem Zweck setzte er ans Ende seines Werkes 50 Sekunden Originalaufnahmen der Gräueltaten: "Ich dachte, dies würde den Film ins richtige Verhältnis setzen und denke, das ist gelungen". Folman hat einen Kriegsfilm für den Frieden gedreht. Für kommende Generationen, die, so hofft er, irgendwann ohne Terror und Angst leben können. "Und vielleicht auch speziell für meine Söhne, die während der Entstehungszeit geboren wurden", sagt er - als Warnung, damit sie niemals an einem Krieg teilnehmen werden.


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