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Interview

Tierpathologe Gruber: "Schenken Sie Kindern kein Meerschweinchen!" Gespräch über die dunkle Seite unserer Tierliebe

Als Pathologe hat Achim Gruber Tausende Tiere obduziert. Im Interview berichtet er über die manchmal tödliche Liebe des Menschen zu Hund, Katz und Co.

Berlin Tierpathologie: stern Interview mit Achim Gruber

Herr Professor Gruber, vor dem Gesetz gibt es keinen Mord an Tieren, wenn sie tot sind, gelten sie als Sachen. Trotzdem sieht es bei Ihnen aus wie in der Rechtsmedizin: Sektionshalle, Kacheln, Edelstahltische. Wozu obduzieren Sie Tiere?

Manchmal geht es tatsächlich um Gewalt. Auch Hunde werden erschossen oder mit Gehwegplatten um den Hals in den Fluss geworfen. Auf dem Seziertisch stochern wir in den Scherben, die beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier übrigbleiben. Am meisten leidet das Menschenbild des Tierpathologen übrigens, wenn Tiere bei sexuellen Handlungen umkommen. Die Leute reden dann von Sodomie, korrekt heißt es Zoophilie, griechisch für Tier-Liebe. Diese Liebe endet gelegentlich damit, dass Pferde aufgeschlitzt und Schafe geschändet werden. Letzteres in der Nähe von Autobahnraststätten. Da schämt man sich dann, auch ein Mensch zu sein.

Wie oft sehen Sie so etwas?

Zum Glück selten. Hier im Institut sezieren wir etwa 1000 Tiere im Jahr, aber meist aus anderen Gründen. Oft geht es um Zivilprozesse. Stirbt ein Rennpferd, ein Rassehund oder ein Fisch aufgrund von Verschulden eines Dritten, geht es um Schadensersatz. Dann müssen wir klären, ob der Käufer sein Geld zurückfordern kann, weil das Tier schon beim Kauf krank war.

Sie sezieren Fische?

Bei Koi-Karpfen geht es um zigtausend Euro. Da sezieren Sie auch mal einen Fisch.

Was kostet das?

Für Fische und Vögel berechnen wir 60 Euro, Hunde kosten 120.

Das deckt aber nie die Arbeitskosten, oder?

Der Preis ist subventioniert: Wir brauchen als Universität tote Tiere für die Ausbildung von Tierärzten und Pathologen. Bei einem Elefanten kalkulieren wir die Arbeitsstunden allerdings etwas genauer.

Tierliebe: Über die manchmal tödliche Liebe des Menschen zu Haustieren

Den Hund Hund sein lassen – auch das ist Tierliebe: Achim Gruber und Mischling Sam begrüßen sich respektvoll

Wie lange dauert ein Elefant?

Um die 40 Mannstunden. Oder Fraustunden. Tiermedizin und Pathologie sind heute überwiegend weiblich.

An der Einfahrt hinter Ihrem Institut steht ein Schild: "Tierkörperannahme". Kann hier jeder seinen toten Wellensittich vorbeibringen?

Ja, manche kommen ganz klassisch mit dem Meerschweinchen im Schuhkarton. Andere Tiere werden mit der Post verschickt. Und ab und zu fährt ein Taxi vor, und der Fahrer holt eine Mülltüte raus, mit einem Zettel vom Besitzer.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der des Rechtsmediziners für Menschen?

Das Spektrum ist viel größer, wir machen alles von der Wüstenrennmaus bis zum Elefanten. Jedes Tier hat seine eigene Schnittführung, etwa am Schädel: Die einen haben ein Geweih, die anderen ein Gehörn, beim Rind liegen die Stirnhöhlen anderswo als beim Schwein. Und bei manchen Hunden finden Sie das Gehirn quasi in der Nase. Ich hatte mal eine Gewebeprobe unterm Mikroskop, da hatte die Tierärztin angeblich einem Pekinesen Schleimhaut aus der Nase entnommen. Ich rief sie an, dass ich da leider nur Hirnzellen sehe.

Der arme Hund.

Der hat das überlebt und wohl nicht mal gemerkt. Aber deshalb müssen angehende Tierärzte viel sezieren: Damit sie wissen, wie es innen aussieht. Das ist auch beim Verdauungstrakt wichtig: Fleischfresser sind anders gebaut als Pflanzenfresser. Rinder gasen nach vorn ab, Pferde nach hinten. Eine Kuh mit ihren Vormägen schneiden sie anders auf als ein Pferd mit 150 Kilo Dickdarm. Und immer sollte man die Bauchdecke behutsam öffnen.

Warum?

In Rindern und Pferden gärt es nach dem Tod weiter. Wenn Sie da beherzt in den Bauch stechen, explodiert das Tier. Haben wir alles schon erlebt. Tiermedizin und Pathologie studieren ja wie gesagt überwiegend Frauen, und manchmal muss sich da einer der männlichen Anfänger beweisen und setzt den Schnitt besonders forsch. Das spritzt dann meterweit.

Im Moment zittert Deutschland vor der Afrikanischen Schweinepest. Haben Sie viel mit Seuchenbekämpfung zu tun?

Früher war das unser Hauptgeschäft. Da gab es Rindertuberkulose, ständig Pest bei Schweinen, Rotz bei Pferden. Diese großen Seuchen haben wir mittlerweile im Griff. Heute schreit der Markt nach Pathologen, die Meerschweinchen können und Wellensittich. In den letzten Jahren hat die Zahl der Heimtierpathologen die der Großtierkollegen deutlich überholt, unbeschadet von sämtlichen Wirtschaftskrisen. Tiere werden immer gekauft.

Die angehenden Tierärzte und Pathologen lernen an toten und lebenden Objekten

Die angehenden Tierärzte und Pathologen lernen an toten und lebenden Objekten

Und wenn sie krank sind, fahren wir sie zum Arzt, egal, was es kostet.

Genau. Das Hauptgeschäft der Pathologen sind die lebenden Tiere. Wir legen pro Jahr mehr als 10.000 Biopsien unters Mikroskop. Tierärzte schicken uns Gewebeproben und kriegen am nächsten Tag den Befund, eventuell mit Therapieempfehlung.

Ein Traum, denkt der Kassenpatient. Werden Tiere bald besser behandelt als Menschen?

Zumindest hat sich die Tiermedizin der menschlichen dramatisch angenähert, weil Menschen bereit sind, immer mehr Geld für ihre Lieblinge auszugeben. Auch Tiere werden heute älter, daher machen Tierärzte öfter künstliche Hüften, operieren grauen Star und Krebs. Tumordiagnostik ist der Hauptanteil der Biopsien: Heute wird auch bei Tieren kaum ein Krebs mehr rausgeschnitten, der nicht vorher als Biopsie unterm Mikroskop lag.

Wir lieben unsere Tiere innig, manchmal allerdings zu Tode. In Ihrem Buch "Das Kuscheltierdrama" schildern Sie, wie Tiere qualvoll gestorben sind – obwohl die Besitzer es gut meinten.

Manchmal haben Tier und Besitzer einfach Pech. Vor einigen Jahren kam ein kleines Kind, ich glaube ein Mädchen, mit seinen Eltern zu uns. Die brachten ein totes Chinchilla. Ich sah, dass das Kind Herpes an der Lippe hatte. Kaninchen und Chinchillas sind dafür extrem empfänglich. Die sterben innerhalb von Tagen an einer Hirnentzündung. Die Kleine hatte ihrem Chinchilla leider den Todeskuss gegeben. Das konnten wir ihr natürlich nicht sagen. Wir haben aber die Eltern aufgeklärt, dass bei Herpes Schmuseverbot besteht.

Was ist mit Krankheiten, vor denen eher wir Menschen uns fürchten müssen?

Wenn meine Kollegen Papageien obduzieren, dann nur mit Mundschutz und unterm Abzug. Papageien können Psittakose übertragen, die bei Menschen zu Lungenentzündung führen kann. Tierhalter wissen oft nicht, wie viele Erreger leicht auf den Menschen überspringen. Wir glauben, wir könnten mit Medikamenten, Impfungen und Desinfektionsmitteln alle Risiken kontrollieren. Leider eine Illusion. Im Umgang mit Tieren sind wir in den letzten Jahren sogar eher leichtsinniger geworden.

Achim Gruber: "Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere", Droemer, 19,99 Euro

Achim Gruber: "Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere", Droemer, 19,99 Euro

Sie meinen, man desinfiziert täglich die Klobrille, aber der Hund darf mit ins Bett?

Die Nähe ist das eine, das andere sind einfachste Hygieneregeln: Als ich Kind war, musste ich mir die Hände waschen, wenn ich ein Tier gestreichelt hatte. Heute krault man den Hund bei Tisch und isst weiter. So kann man sich hervorragend mit dem Fuchsbandwurm infizieren. Wenn ein Hund im Wald stromert und den Wurm im Körper hat, scheidet er auch die Eier aus. Die überleben im Fell monatelang und warten quasi darauf, dass der Hund gestreichelt wird.

In einer Ihrer "Kuscheltier"-Anekdoten bringt ein Ehepaar aus Mitleid einen kleinen Straßenhund aus Marokko mit. Schon bald sind sie bei allen Nachbarn unten durch ...

Ich kann mich noch erinnern, was damals in Norddeutschland los war. Der Amtstierarzt hatte einen Welpen beschlagnahmt und eingeschläfert. Das ist erlaubt, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Als wir die Hirnzellen unterm Mikroskop sahen, griff ein Kollege sofort zum Telefon. Der Hund hatte Tollwut. Die Inkubationszeit ist lang. Im Urlaub hatte er gesund gewirkt, in Deutschland fing er dann an zu beißen, erzählten die Besitzer. Und er hatte offenbar sehr viele Leute gebissen oder gekratzt: Nachbarn und Zum Glück gilt Deutschland seit 2008 offiziell als tollwutfrei.

Aber nur bei Füchsen. Es gibt immer noch Fledermaustollwut. Nur haben wir mit Fledermäusen zum Glück wenig Kontakt. Wie groß ist die Gefahr, dass durch importierte Tiere ausgerottete Krankheiten zu uns zurückkommen?

Es kommen sogar neue: Bei Hunden aus dem Mittelmeerraum oder Osteuropa sehen wir oft Leishmaniose, eine Krankheit, bei der ein einzelliger Parasit Haut, Schleimhäute oder Organe zerfrisst. Menschen stecken sich unter Umständen über Mückenstiche an. Meine größte Sorge ist, dass sich der Herzwurm des Hundes vom Mittelmeer her ausbreitet. Wir sehen, dass er langsam nach Norden vordringt. Die Larven werden von Mücken übertragen. Bei Menschen befällt der Wurm auch die Lunge, und er wird 30 Zentimeter lang.

Viele wünschen sich aber unbedingt einen Hund oder wollen helfen. Was raten Sie denen?

Wir raten davon ab, Hunde unkritisch aus Urlaubsländern mitzubringen. Man sollte lieber einen aus dem Tierheim nehmen, der nachweislich geimpft und entwurmt ist. Und auf keinen Fall sollte man Tiere leichtfertig im Internet, auf Märkten oder aus dem Kofferraum von Händlern kaufen. Wir importieren in Deutschland schätzungsweise mehrere 100.000 Hunde pro Jahr aus Süd- und Osteuropa. Nicht immer sind das "gerettete" Straßenhunde. Viele werden extra für Deutschland "produziert", ein böses Wort. Weil wir unbedingt Hunde wollen, werden sie im Ausland produziert, von Hündinnen, die unter erbärmlichen Bedingungen leben.

Welsh Corgi Pino ist ein Meister im meistern von Labyrinthen.

Macht Sie das nicht wütend?

Ich will niemandem die Schuld zuweisen, sondern aufklären, vor allem die Käufer. Viele mögen Tiere gern, aber es fehlt das Wissen, wo man sie kaufen soll oder wie man damit umgeht. Wir leben heute in großer Entfremdung von Tier und Natur. Die Leute wohnen in Städten und haben keinen Kontakt mehr zu Wildtieren oder landwirtschaftlichen Nutztieren. Das kompensieren viele durch ein übertrieben enges Verhältnis zu ihren Heimtieren.

Denen es aber sicher besser geht als einem Mastschwein.

Da bin ich mir nicht sicher. Wir sind heute weniger bereit, die Leiden von Schweinen oder Labormäusen in Kauf zu nehmen. Aber auch unser Wohnzimmer ist nicht immer die heile Welt, in der wir uns vormachen können, wir seien gut zu Tieren.

Was machen Tierbesitzer falsch?

Tiere werden immer mehr vermenschlicht und nicht ihrer Natur entsprechend behandelt. Hunde werden vegan ernährt, mit Kartoffeln und Karotten. Man überträgt das eigene Weltbild aufs Tier und mag sich nicht mehr vorstellen, dass ein Tier ein anderes frisst. Katzen bekommen Pralinen, weil die Besitzer ihnen Gutes tun wollen.

Verhätscheln Leute ihre Tiere nicht einfach, weil sie einsam sind?

Das ist der Punkt. Es gibt immer mehr Alleinstehende, Berlin ist ja angeblich die Hauptstadt der Singles. Da werden Tiere öfter in den Stand des Sozialpartners oder Familienmitglieds erhoben. Und wenn ich mir so einen Sozialpartner wünsche, vielleicht sogar einen Kinderersatz, dann funktioniert das am besten, wenn der möglichst menschlich aussieht und dem Kindchenschema entspricht.

So wie Loriots Mops auf dem Sofa?

Möpse und Bulldoggen sind das Paradebeispiel für ein beinahe menschliches Gesicht: hohe Stirn, nach vorn gerichtete Kulleraugen und keine Schnauze, sondern eine Stupsnase. Die haben wir letzten Sommer öfter auf dem Tisch gehabt. Solche Tiere können Hitze kaum ausgleichen. Hunde müssen hecheln, um sich über Zunge und Nasenschleimhaut abzukühlen. Das ist mit extrem kurz gezüchteter Nase sehr eingeschränkt. Die Tiere sterben am Hitzschlag, oder sie ersticken, weil ihre Luftröhre kollabiert. Es gibt bereits spezialisierte Tierärzte, die kaputt gezüchtete Möpse rekonstruieren, Nasenlöcher weiten oder Spiralen in die Luftröhre einsetzen.

Süße Szene: Mini-Hundewelpe tanzt seinem Herrchen alles nach

Sollte man die Zucht bestimmter Rassen verbieten?

Ich bin kein Kritiker von Hundezucht. Ich liebe Hunde und habe Freude an den verschiedenen Rassen. Aber seit Jahrzehnten beobachten wir, dass Zuchtziele immer extremer verfolgt werden: Große Hunde werden größer, kleine werden kleiner, kurze Nasen werden kürzer. Man experimentiert mit extravaganten Farbschlägen. Bei Collies, Australian Shepherds und immer mehr Rassen gibt es helle Merle-Schecken mit blauen Augen. Verpaart man zwei davon miteinander, wird ein Teil der Welpen blind oder taub geboren. Das ist Qualzucht und verstößt gegen Paragraf 11 b des Tierschutzgesetzes. Es wird aber gemacht. So einen Hund habe ich selbst schon obduziert. Er war blind und taub und vermutlich deshalb vor ein Auto gelaufen.

Auf dem Markt ist ein ganzes Gruselkabinett der Kreaturen zu haben: Nacktkatzen, torkelnde Dobermänner, aufgeblähte Ballonfische. Ist das Tierschutzgesetz da zu stumpf?

Wir haben kein Gesetzgebungsproblem, sondern eins mit der Umsetzung. Es geht um die Opfer, die wir Tieren abverlangen. Von Rindern, Pelztieren und Labormäusen verlangen wir Opfer, und das Maß bestimmen wir. Aber wir müssen endlich mehr Licht auf unsere Heimtiere werfen. Da ist unsere Weste auch nicht weiß.

Wollen Sie bei all dem Elend überhaupt noch selber Tiere halten?

Ich war immer Tierfan, deswegen bin ich in die Tiermedizin gegangen. Zu Hause haben wir einen Mischling aus dem Tierheim. Und ich bin leidenschaftlicher Aquarianer. Im Wohnzimmer steht mein Aquarium mit ostafrikanischen Buntbarschen. Es entspannt mich, wenn ich da reingucke.

Sollten Kinder ein Tier bekommen?

Auf jeden Fall. Aber kein Meerschweinchen. Meerschweinchen hassen es normalerweise, angefasst zu werden, die wollen nicht kuscheln und schütten dann ständig Stresshormone aus. Die kriegen Nebennieren wie Apfelsinen, bildlich gesprochen. Unsere Kinder haben mit Wüstenrennmäusen und Kaninchen angefangen.

Was sollte man Kindern dabei mitgeben?

Dass lebende Tiere keine Kuscheltiere sind und man die Natur eines Tieres respektieren sollte. Ich sage den Kindern auch mal: Das Tier will jetzt seine Ruhe.

Was war Ihr erstes Tier?

Eine Tanzmaus. Die gab es früher in jedem Zoogeschäft, für zwei Mark mehr, weil sie sich den ganzen Tag im Kreis drehte. Man fand das nett. Der Grund ist ein angezüchteter Innenohrdefekt. Die Maus hat ein Gleichgewichtsproblem und kann nicht geradeaus laufen.

Ausgerechnet Sie hatten so ein Tier.

Ja, ganz tragisch. Aus heutiger Sicht ist das eindeutig Qualzucht, die finden Sie nicht mehr im Handel. Zumindest bei den Tanzmäusen hat sich was bewegt.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Mini-Hund rastet völlig aus: Unerwünschte Streicheleinheit


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