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Tim Renner: "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!"

Kann man Popmusik und Kapital miteinander versöhnen? Tim Renner erzählt von seinem gescheiterten Versuch - angereichert mit einer Prise Glamour, Insiderwissen und Musikgeschichte. Oder wussten Sie, warum eine CD maximal 78 Minuten lang ist?

Von Karin Spitra

Eigentlich müsste das Buch ja den Untertitel tragen "Von einem der auszog, die Bosse das Fürchten zu lehren". Denn Tim Renner, der schlussendlich Anfang 2004 beim Musikmulti Universal die Brocken hinschmiss, gelang der unaufhaltsame Aufstieg vom Musik-Azubi zum mächtigen Plattenboss. Es ist die Geschichte vom Zauberlehrling, der die gerufenen Geister nicht mehr los wird und der der Versuchung nicht widerstehen konnte - zumindest eine Zeit lang.

Das Paradies

Denn Musikmanager wurde Tim Renner eher aus Versehen: Im Grunde wollte der damals 25-Jährige nur eine Aufdecker-Story à la Wallraff über den wahren Zustand der Musikindustrie schreiben - und bewarb sich bei Polydor. Sofort hing er am Haken: Denn der Job war spannend, die Branche war spannend und die Zeit auch. Es waren die goldenen Jahre, als Plattenmanager noch erster Klasse zu Meetings in Nobelhotels auf anderen Kontinenten jetteten. Als es noch genug nationale Künstler gab - und Leute in den Plattenfirmen, die sich für sie den Arsch aufrissen. Weil sie die Musik liebten, nicht weil sie diesem Buchstaben als Betreuer zugewiesen waren.

Doch die Zeit bleibt nicht stehen und im Musicbiz drehte sich das Karussell immer schneller: Die Firmen schluckten sich gegenseitig, Expansion verkam immer mehr zum Selbstzweck und Marketing wurde wichtiger als Inhalte. Jetzt war Renner nicht mehr nur ein kleiner A&R-Manager bei Polydor. Er gründete sogar innerhalb des Konzerns eine neue Plattenfirma: Motor Music. Durch diverse Zusammenschlüsse war er mittlerweile mit seinem Label bei Universal gelandet - und bekam 1998 den deutschen Chefposten. Tim Renner war im Big Business angekommen und spielte das Spiel der Mächtigen.

Die Versuchung

Aber er konnte seine Anfänge nicht verleugnen: Er war in diesem Job, weil er Musik liebte, weil er sich mit den Künstlern identifizierte - nicht weil er immer mehr Geld und Prestigeprotz wollte. Als seine gesamte Branche von Internationalisierungs-Hype erfasst wurde, verlor er nie das Interesse an den lokalen Künstlern. Unter seiner Ägide wurden Rammstein entdeckt und zu einer der wenigen deutschen Bands, die auch im Ausland satte Plattenverkäufe melden konnten. Nicht zuletzt fühlte er sich für die ständig wachsende Belegschaft verantwortlich. Als sich dann Anfang 2004 der mittlerweile krisengeschüttelte Musikriese Universal von immer mehr lokalen Künstlern trennen wollte und die Unternehmensstrukturen einschneidend ändern wollte, stimmte der Leidensdruck offenbar nicht mehr: Renner legte sein Amt nieder und verließ Universal.

Neben der sehr flüssig erzählten Biografie gibt es aber noch eine zweite Ebene, die das Buch auch für jene lesenswert macht, die nicht unbedingt am moralischen Werdegang von Herrn Renner interessiert sind. Dabei geht es um den Niedergang der Musikkultur, wie wir sie kennen: Es geht um Charts, Marketing, Profitmaximierung und das Elend der Casting-Shows. Und es geht um die CD - Segen und Fluch einer immer einfallsloser agierenden Musikindustrie.

Der Sündenfall

Die CD an sich war ja nicht das Problem. Erst das Aufkommen von erschwinglichen Computern, der Verbreitung des World Wide Web und dem Siegeszug des MP3-Formates bedeutete den Todesstoß für diesen Vertriebsweg. Dummerweise des einzigen Vertriebsweges, auf den sich die Industrie lange Zeit festgelegt hatte. Und hier kann Renner aus dem Vollen schöpfen: Launig erzählt er die Geschichte der Musicbiz-Lemminge auf dem Weg in den Untergang, unterfüttert mit Insiderwissen von seinem Marsch durch die Institution. Renner analysiert aber nicht nur Vergangenes, sondern versucht auch einen Blick in die Zukunft.

Er untersucht die verschiedenen Segmente der Medienwirtschaft und versucht für TV, Radio, Printmagazine und das World Wide Web Zukunftskonzepte zu entwickeln. Am Beispiel des Sportartikelherstellers Puma erläutert er, sogar für Wirtschaftslaien nachvollziehbar, wie Nischenkonzepte auch weltweit funktionieren können. In seiner Zukunftsvision fallen fast schon ketzerische Worte wie "Inhalt", "Eigenverantwortung" oder "Überschaubarkeit". Aber sie machen auch Hoffnung. Darauf, dass in den Vorstandsetagen der Plattenfirmen die Controller mit ihren Quoten irgendwann zum Teufel gejagt werden und Musik wieder von denen gemacht wird, die Spaß daran haben.

Die Sache mit der CD

Und wenn Sie sich immer noch fragen warum denn nun eigentlich die CD 78 Minuten lang ist, hier die Antwort: Ursprünglich war der Disc-Durchmesser von Philips auf 115 Millimeter festgelegt worden - was einer Spielzeit von 66 Minuten entsprach. Auf Betreiben von Sony wurde es auf 120 Millimeter und 78 Minuten Maximalspielzeit korrigiert. Sony-Präsident Norio Ahga, ein Ex-Opernsänger und Klassikfan verlangte nämlich, dass seine Lieblingssymphonie, Beethovens Neunte, in der Einspielung von Karajan auf einer CD Platz finden musste. Und die war nun einmal 72 Minuten lang...

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