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Veronika Peters: Ein Geschenk des Himmels

In ihrem Buch "Was in zwei Koffer passt" schreibt Veronika Peters über ihre zwölf Jahre als Benediktinernonne - und wie sie am Ende den Mann fürs Leben fand. In der Klosterbuchhandlung.

Von Irmgard Hochreither und Ute Mahler (Fotos)

Die Geschichte klingt ganz schön durchgeknallt. Da kündigt eine 21-Jährige ihren Job, löst die Wohnung auf, packt ihre Siebensachen und geht ins Kloster, wo sie nach vielen Jahren nicht etwa göttliche Erleuchtung findet - sondern den Mann fürs Leben. In der Klosterbuchhandlung. Heute ist sie mit ihrer großen Liebe, dem Schriftsteller Christoph Peters, verheiratet, hat eine kleine Tochter und lebt in Berlin. Halleluja! Manchmal sind die Wege des Herrn in der Tat mehr als unergründlich.

Aber Sinnsuche hat Konjunktur. Nicht erst seit sich Hape Kerkeling auf dem Jacobsweg die Füße wund lief und am Ende mit einem Bestseller belohnt wurde. Auch Veronika Peters war "einfach mal weg" und hat nun die Beweggründe für ihr spirituelles Langzeitexperiment niedergeschrieben. In ihrem Buch "Was in zwei Koffer passt - Klosterjahre" bekommen die Leser eine Ahnung davon, was es bedeutet, als Benediktinernonne nach den strengen Regeln der Klausur zu leben. Die Autorin, die zwölfeinhalb Jahre als "Schwester Veronika" den Alltag der "Bräute Christi" teilte, gewährt Einblicke in eine sonst hermetisch abgeschirmte Welt.

Nonnen im "kleinen Schwarzen"

Spannend ist das, überraschend und mitunter komisch. Wer wusste schon, dass Ordensfrauen bei befreundeten Klosterbrüdern Urlaub machen, und dann ihre Tracht durch ein Ferien-Outfit, eine Art "kleines Schwarzes" ersetzen, das sie Kabriolet nennen. Oder dass unter Schwestern durchaus nicht nur das göttliche Gute gedeiht. "Auch hinter Klostermauern", verrät die Autorin, "existieren Eitelkeiten, Neid, Missgunst und Konkurrenzkampf." Wird eine neue Klosterchefin gewählt, geht es zu wie bei der Abstimmung über die Gesundheitsreform, da bilden sich Grüppchen, da wird gekungelt und gestritten, dass die Kukulle qualmt. Und doch ist das Werk keine boshafte Abrechnung, sondern erzählt mit viel Respekt, sanfter Ironie und ausreichend Selbstkritik von einem Mikrokosmos ohne Heiligenschein. Nur den Namen des Klosters nennt die Autorin nicht. Das hatte sie ihren ehemaligen Mitschwestern hoch und heilig versprochen.

Bleibt die Frage: Warum all das? Früher wurden junge Dinger ins Kloster gesteckt, um sie zu disziplinieren. Alleinstehende Frauen wählten die Ordensgemeinschaft, damit sie einen Beruf erlernen konnten und der Familie nicht auf der Tasche lagen. Aber welcher Teufel reitet eine moderne junge Frau, ihr selbstbestimmtes Leben aufzugeben und sich freiwillig in Gehorsam, Demut und Verzicht zu üben? "Ich war damals sehr intensiv auf der Suche nach einer Art ganzheitlichem Lebensentwurf, hatte den starken Wunsch, irgendwo dazuzugehören", versucht Veronika Peters heute zu erklären. "Ich hoffte, ein Mittel zu finden gegen meinen geistigen und emotionalen Dauerhunger. Dafür hätte ich zu dem Zeitpunkt jeden Preis bezahlt."

Flucht aus der Familie

Doch vor allem war es wohl die Sehnsucht nach Geborgenheit. "Mit 15 bin ich von zu Hause abgehauen und nie wieder zurückgegangen." Spröde Sätze über ihre Flucht aus der Familie. Weg vom Vater, einem alkoholkranken Lehrer, der im Suff auf alles einschlägt. Weg von der Mutter, die zu schwach ist, ihre Kinder und sich selbst vor den cholerischen Übergriffen zu schützen. Die Pilgerfahrt ins Kloster war ihr Versuch, endlich irgendwo Wurzeln zu schlagen. Allen Zweifeln zum Trotz. Denn sie war nie das, was man tiefgläubig nennt, kam nicht aus einer religiösen Familie, war evangelisch getauft und erst mit 19 zum katholischen Glauben konvertiert.

Dass ihre fiebrige Suche nach Antworten sie so viele Jahre in Bann gehalten hat, kann Veronika Peters heute selbst kaum mehr begreifen. "Zwölf Jahre", murmelt sie, "so was Absurdes." Die attraktive 40-Jährige, die da selbstbewusst und fröhlich in hautengen Hosen und knapper Lederjacke ins Berliner Bistro spaziert, entspricht so gar nicht dem Klischee der frommen Ordensfrau. Aber sie hat sich gewöhnt an die Reaktion auf ihre Biografie, an diese Mischung aus Interesse, Neugier und Staunen. Es amüsiert sie, wenn sie hört "ausgerechnet du? Das hattest du doch gar nicht nötig, deinen Luxuskörper unter schwarz-weißen XL-Klamotten zu verstecken!" Manchmal keilt sie zurück: "Muss man denn unbedingt scheiße aussehen, um ins Kloster zu gehen?"

Immer wieder versucht sie, ihr Handeln verständlich zu machen: "Diese vielen Frühschäden waren vielleicht der Grund, warum ich so lange brauchte, um innerlich gesund zu werden." In der klösterlichen Abgeschiedenheit hatte sie endlich Zeit zum Nachdenken, "und ich war umgeben von vielen tollen alten Frauen mit ganz viel Lebenserfahrung, die bereit waren, mich auf meinem Weg zu begleiten. Meine Äbtissin war so eine liebevolle Mutterfigur, der ich ganz viel zu verdanken habe".

"Meine beste Freundin", das war Schwester Paula. Kauzig, komisch - und klug. Veronika Peters beschreibt sie bewundernd als "die originellste alte Frau, die mir je begegnet ist". Eine, die sich nicht scheute, die Dinge beim Namen zu nennen. "Klosterwanzen", so schimpfte Paula jene frömmelnden älteren Sponsorinnen der Abtei, die zu allen klösterlichen Feierlichkeiten anrückten in dem Glauben, sich Erlösung kaufen zu können. Ein Bild ist für alle Ewigkeit in Veronikas Erinnerungsspeicher abgelegt: Wie die krummbeinige kleine Person auf dem Traktor über die Obstwiesen brettert und brüllt: Scheiße! Wer hat denn schon wieder das Scheunentor offen gelassen? Gekleidet in Arbeitshose und Kittelhemd, die Füße in riesigen grünen Gummistiefeln, über dem blauen Kopftuch einen aus Stroh geflochtenen Tropenhelm.

Klosterfrauen haben Distanz zu wahren

Und immer einen guten Rat für das Klosterküken auf den Lippen: Lass dich bloß nicht unterkriegen, Schätzchen! Dabei gehört die innige Beziehung zu Paula auf die schwarze Liste der Regelverletzungen. Klosterfrauen haben Distanz zu wahren. "So soll man die nötige Freiheit behalten", erklärt Veronika Peters, "das Kloster wieder verlassen zu können, ohne dass emotionale Bindungen diesen Schritt erschweren." Leichter gesagt als getan. Wie so vieles.

Und so wird der Abschied von Paula zu dem wohl schmerzhaftesten Erlebnis ihrer Klosterjahre. Die alte Nonne stirbt in der Klinik, Veronika schafft es nicht mehr rechtzeitig ans Sterbebett. "Normalerweise werden die Sterbenden bis in den Tod hinein von allen begleitet, niemand wird abgeschoben. Aber wir kamen einfach zu spät." Bis zur Beerdigung auf dem Klosterfriedhof wird die Verstorbene aufgebahrt, rund um die Uhr halten die Schwestern Totenwache. "Bei aller Trauer", meint Veronika Peters, "gehören diese Rituale und der Umgang mit den Alten, Kranken und Sterbenden zu meinen intensivsten, kostbarsten Erfahrungen."

Verzicht auf Sexualität

Sie selbst liegt mit den Regeln des heiligen Benedikt von Nursia aus dem 6. Jahrhundert im Dauerclinch. Was helfen stabilitas (Beständigkeit), oboedientia (Gehorsam), conversatio morum (monastischer Lebenswandel/Ehelosigkeit), wenn sie Sehnsucht hat nach Streicheleinheiten, nach einem Mann, nach Sex. "Der Verzicht auf Sexualität war überhaupt der größte Haken an der Sache", meint die Ex-Ordensfrau, "obwohl einem das asexuelle Umfeld bei der Verdrängung hilft, finde ich diese Art zu leben auf Dauer einfach nicht gesund. Merkwürdigerweise haben aber die meisten meiner Mitschwestern auch nach jahrzehntelanger Enthaltsamkeit weder verklemmt noch verbittert gewirkt." Doch die Tugendhaftigkeit einer Ordensfrau ist offenbar ein Gottesgeschenk, das nicht jeder zuteil wird.

"Viele Nonnen hatten es schwer mit mir", gibt Veronika heute zu, "und ich mit ihnen." Als Erstes hängt die Neue den Gekreuzigten ab und sperrt ihn in den Schrank. Keinen Bock auf einen "auf Holz genagelten Leichnam" über ihrem Bett. Sie redet, wenn Schweigen angesagt ist, gibt Widerworte, hinterfragt zu viel und hält den Klosterrekord im Verschlafen der Frühmesse. Die endgültige Aufnahme in die Ordensgemeinschaft ist abhängig von einer demokratischen Zweitdrittelmehrheit aller Konventschwestern. "Die Entscheidung für mich war damals sehr knapp."

Eine der Konventschwestern habe sie immer gemustert, "als hätte ich gerade ihren Lieblingspudel überfahren". Vielen schien sie zu jung. Oder zu verschlossen. Oder zu aufsässig. Oder alles zusammen. Ständig gab es Stress mit der Magistra, der Lehrkraft, die ihr "in diesem unerträglichen Gouvernantenton" die Regeln einer monastischen Lebensführung nahezubringen versuchte. "Ich war wirklich eine Zumutung für sie", sagt Veronika einsichtig, "und für mich war sie ein wesentlicher Grund, warum ich eigentlich die ganze Zeit auf gepackten Koffern saß."

Aber Aufgeben? Obwohl sie beinahe täglich mit dem Gedanken spielt zu gehen, erscheint ihr ein Rauswurf als die schlimmste aller Katastrophen. "Ich wollte nicht weg. Wenn überhaupt, wollte ich selbst entscheiden, wann ich gehe. Ich fühlte mich so wie ein Reisender, der durch eine fremde Stadt läuft und denkt: Hinter der nächsten Ecke, da ist noch was Aufregendes zu entdecken."

Und tatsächlich, jedes Mal wenn sie glaubt, jetzt kenne ich den Laden, warten die Dienerinnen Gottes mit einer neuen Überraschung auf. Zum Beispiel am Rosenmontag, wenn das Kloster zum Narrenschiff wird. Wenn sich die ehrwürdigen Damen als Kätzchen, Clowns und Piraten verkleiden, wenn sie kokett wedeln mit den Enden pinkfarbener Federboas und zu einer ausgelassenen Spaßgesellschaft mutieren. Comedy-Show im Refektorium inklusive. Dann darf Novizin Veronika die gottesfürchtige Radegundis mit etwas Schminke in einen Hardrocker verwandeln. Das Gesicht weiß, die Lippen schwarz, um jedes Auge ein schwarzer Stern - fertig ist Kiss-Frontmann Gene Simmons. Um ausgiebig feiern, tanzen und trinken zu können, wird - der Herr möge ihnen verzeihen - sogar die Vesper vorverlegt.

Abschied vom spirituellen Leben

Die Jahre verstreichen - und die Zweifel wachsen. Nur widerwillig fügt sich Schwester Veronika, als ihr die Äbtissin die Leitung und Neugestaltung der Klosterbuchhandlung überträgt. Instinktiv spürt sie: Dies ist der Abschied vom spirituellen Leben. Aber der Ehrgeiz hat sie gepackt, sie ist überaus erfolgreich als Geschäftsfrau im Nonnengewand, reist zu Messen, trifft sich mit Verlegern, organisiert Lesungen. Der Laden spült zum ersten Mal ordentlich Geld in die Gemeinschaftskasse. Doch sie muss sich von Kunden die Frage gefallen lassen: Sind Sie echt? Als die Ordensfrau erklären muss, dass ihr Gewand nicht aus dem Kostümfundus kommt, weiß sie: Ich bin längst weg und muss mich dringend wieder einholen.

Dabei hat ihr dann die ganz irdische Liebe assistiert. Christoph Peters ist Schriftsteller, ein Büchermensch wie sie. Ihre Zwillingsseele. Als sie sich im Klosterbuchladen kennenlernen, sind beide fest gebunden. Sie an den Orden, er an eine Ehefrau. Ganz langsam, über zwei Jahre, wächst diese platonische Amour fou, bis die Entscheidung fällt, gemeinsam zu gehen. Nie wolle sie heiraten, nie Kinder haben, warnt sie den Mann. Doch der Mensch denkt, Gott lenkt. Im Jahr 2000 fährt das Paar mit dem Nachtzug nach Berlin, 2001 feiern sie Hochzeit, zwei Jahre später die Geburt ihrer Tochter.

Menschen, die von ihr nun religiöse Antworten erwarten, muss sie enttäuschen. "Ich bin eher ratlos", sagt sie, "trotzdem würde ich mich als religiösen Menschen bezeichnen, aber meine spirituelle Heimat ist - bei allem Respekt - nicht die katholische Kirche, weil ich Pathos in jeder Erscheinungsform instinktiv misstraue." Man kann nicht sagen, dass die Klosterjahre ihren Glauben gefestigt haben, wohl aber ihre Hoffnung, "dass alles, was wir leben und lieben und leiden, irgendwo aufgehoben ist". Veronika Peters zeigt auf den tätowierten Ehering und meint lächelnd: "Den kann ich nie mehr verlieren." Sie ist ganz offenbar am Ziel ihrer langen Pilgerfahrt angekommen.

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