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"Abenteuer Mittelalter": Strohbetten und Lindenblätter-Klopapier

In einer mittelalterlichen Festung leben - aber nicht als edles Burgfräulein, sondern als einfache Magd: Im stern.de-Interview erzählt die 21-jährige Studentin Swaantje Klee über ihre entbehrungsreiche Zeitreise für eine MDR-Sendung.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich bei der TV-Reihe "Abenteuer Mittelalter" des MDRs teilzunehmen?

Meine Schwester hat im Internet gelesen, dass der MDR Zeitreisende sucht. Und weil ich sehr gerne Fragebögen ausfülle, habe ich mir den zuschicken lassen. Der war auch ziemlich lang. Für das Mittelalter hatte ich eigentlich gar kein Faible, nicht so wie andere Jugendliche, die sich als Ritter verkleiden und Rollenspiele machen.

Nach mehreren Castings wurden Sie dann ausgewählt. Was war Ihre erste Reaktion?

Als ich den Anruf bekam, habe ich erst keinen Luftsprung gemacht, sehr zum Erstaunen der Produktionsfirma. Denn da wurde greifbar, dass ich sechs Wochen lang ganz schön viel entbehren muss. Ich habe mich auch nicht vorbereitet, wollte mich lieber überraschen lassen. Wir haben ein Handbuch in altertümlicher Schrift bekommen, darin habe ich ein bisschen gestöbert. Im Internet-Forum wird uns Leuten vom Gesinde ja vorgeworfen, dass sei diese Null-Bock-Haltung der Jugend, dass wir uns nicht vorbereitet haben, was sich auf das Ziegenmelken bezog. Aber ich bin eben keine gelernte Ziegenmelkerin, das habe ich erst auf der Burg geübt.

Was haben Sie während Ihrer Zeitreise am meisten vermisst?

Die mangelnde Hygiene. Ich dusche gerne jeden Morgen und wasche mir die Haare. Sich sechs Wochen nicht die Beine zu rasieren war schon gewöhnungsbedürftig - so Kleinigkeiten eben. Aber eigentlich ging es. Ich hatte nicht das Gefühl zu stinken, und auch die anderen nicht. Als meine Eltern mich abgeholt haben, meinten sie, ich hätte schon einen exquisiten Geruch, aber nicht so miefig, sondern natürlich, nach Kaminfeuer und geräuchertem Fleisch. Erstaunlicherweise hatte ich wahnsinnig gute Haut, vielleicht lag es daran, dass man nicht so viel Chemie in sich hineinstopft wie sonst.

Das Toilettenpapier bestand aus Lindenblättern...

Das war die Lieblingsbeschäftigung von Knecht Kay, Lindenblätter zu sammeln. Das ging. Auch die Toilette, ein Plumpsklo, war nicht so eklig wie man es sich vorstellt. Man hatte einen schönen Ausblick, konnte ein paar Minuten am Fenster stehen, auf die Saale runterschauen und dem strengen Regiment des Küchenchefs zu entgehen.

Welcher Moment ist Ihnen am stärksten in Erinnerung?

Von den Männern angestachelt, die uns zu verstehen gaben, dass wir Frauen nichts wert sind, haben Bianca, die andere Magd, und ich uns auf eine Wette eingelassen und sind durch die eiskalte Saale geschwommen. Nach der Hälfte waren wir so eingefroren, wir hatten Glück, dass wir nicht ertrunken sind. Als wir dann das andere Ufer erreichten, barfuss und in unseren Kleidchen, die wir nicht ausziehen durften, haben wir erlebt, was ein wahrer Ritter ist: Der Burgvogt teilte mit seinem Schwert das Brennessel-Meer für uns. Er war ganz stolz auf seine Super-Mägde - so wurden wir von da ab genannt. Wenn wir es schaffen würden, sollten wir eine Woche lang keine Hähnchen mehr rupfen, was wir ungern getan haben. Diese Aufgabe hat der Küchenmeister ganz erlassen, weil er so beeindruckt war.

Ein großes Problem war ja die Ernährung. Mangelerscheinungen beim Gesinde waren früher normal. Wie sind Sie damit klar gekommen?

Wenn es kein Brot gab, war das schon dramatisch. Ich konnte auch kein Fleisch essen, wenn ich die Tiere, Hühnchen oder Fische, vorher lebend in der Hand hatte. Aber wir hatten einen Gemüsegarten. Ich fand es toll, dass man durch den Garten geht und sich nimmt, was reif ist. Die Breie waren auch lecker. Hin und wieder hatte ich einen Rappel und richtig Lust auf Schokolade. Wir haben uns dann mit Honig beholfen um den Zuckerschub zu bekommen.

Was haben Sie aus diesem Experiment mitgenommen?

Ich bin ja ein Stadtkind, aber dort habe eine Leidenschaft für die Natur entwickelt. So absurd es klingen mag, danach hatte ich oft das Bedürfnis, in Parks spazieren zu gehen. Ich könnte mir auch vorstellen, auf einem Bauernhof zu wohnen. Es war ein kleiner Mikrokosmos, nichts kam an uns heran. Man hat nicht so viele Gedanken, die einen belästigen, keine Rechnungen, die man zahlen muss, keine Weihnachtsgeschenke, die besorgt werden müssen. Man lebt für den Tag und fällt abends zufrieden in sein Strohbett. Obwohl ich als Magd die ganze Zeit vom Burgvogt untergebuttert wurde, habe ich das Gefühl, dass mich diese sechs Wochen selbstbewusster gemacht haben. Weil ich eben erlebt habe, wie es ist, keine Rechte zu haben. Und es sind Freundschaften entstanden. Mit Bianca, der anderen Magd, habe ich sehr viel Kontakt, und auch mit dem Knappen Christoph. Es war eine tolle Gemeinschaft, wir haben uns gegenseitig aufgebaut, es gab nie einen Moment, wo ich raus wollte.

Würden Sie so etwas noch einmal machen?

Ich wäre sofort für eine zweite Staffel. Im Winter, das wäre richtig hart. Wir haben ja schon im Sommer geschlottert hinter den dicken Burgmauern. Außerdem hatten wir Schwierigkeiten, das Essen zu lagern, das wäre im Winter noch schwieriger. Und was wäre mit den Tieren, die bräuchten ja auch etwas zu fressen... Ich glaube, dann würden wir verhungern.

Kathrin Buchner
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