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"Der fliegende Händler": Der Tante-Emma-Junge

Hunderttausende Franzosen machten "Der fliegende Händler" zum Überraschungserfolg des vergangenen Jahres. Jetzt ist der Film auch in Deutschland zu sehen: eine Landliebeskomödie über die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln zwischen Erbsenbüchsen im knatternden Lebensmittelladen.

Von Johannes Gernert

Antoine wollte eigentlich nie wieder zurück. Er ist aus einem entlegenen südfranzösischen Dorf in die Stadt gezogen, hat seine Mutter mit ihrem Tante-Emma-Laden und den Vater, diesen mürrischen fahrenden Händler, hinter sich gelassen und kellnert jetzt in einem Restaurant. Auch wenn ihm dieser Job überhaupt keinen Spaß macht, er ist wesentlich erträglicher als die üblen Launen des väterlichen Haustyrannen. Neben Antoines unordentlicher, großstädtischer Einzimmerwohnung lebt die schöne Claire, die über den Abiturlehrbüchern sitzt und von einem Bildungsausweg aus ihrem ansonsten etwas stumpfen Alltag träumt. Er bewundert sie wie ein wandelndes Gemälde - aus der Distanz. Das ländliche Südfrankreich, die Heimat, ist weit weg. Eine Erinnerung, die manchmal für einen Moment in einer lauten U-Bahnstation aufblitzt.

Doch als das Herz seines Vaters eines Tages nicht mehr pumpt wie bisher, verlangsamt sich auch Antoines Leben plötzlich. Er steht mit seiner Mutter vor dem Krankenhauszimmer. Den maladen Mann dort drinnen unter der blauen Wolldecke möchte er gar nicht sehen. Anfangs hat er auch nicht das geringste Interesse daran, dessen fahrenden Lebensmittelladen zu übernehmen. Dann bringt ihn ein Freund aber auf eine Idee: Er könnte Claire doch zu einer Art Urlaub einladen, nach Südfrankreich, ins Haus seiner Eltern.

Schließlich sitzt er im Zug und betrachtet die Sonnenschattenspiele auf Claires schlafendem Gemäldegesicht: Die gemeinsame Reise aufs Land beginnt. Es ist eine Reise in ein Universum mit völlig anderen Gesetzen und gänzlich anderer Zeitrechnung. Natürlich erlebt Antoine zunächst eine Art Jetlag, bevor seine Resozialisation zwischen satten, weiten Feldern, kühlen Steinhäusern, gewundenen Dorfgassen und engen Feldwegen beginnt. Er wird zum "fliegenden Händler", so heißt Éric Guirados seidenleichte Sommerkomödie.

Tiefe Furchen und noch tieferes Misstrauen

Der französische Regisseur kennt sein Terrain. Vor fünf Jahren hat er den Weg eines jungen Bauern in die Großstadt beschrieben. Die umgekehrte Route also. Später drehte er eine Fernsehdokumentation über die fahrenden Händler in verschiedenen Teilen Frankreichs. Es sind diese Leute mit ihren knatternden Kleinlastern voller Gemüsebüchsen, Dauerwürsten und Käse, die es den Alten der Region ermöglichen, in den Häusern ihrer Eltern und Großeltern noch älter zu werden. Wie Antoine sind die Kinder oft in die Stadt gezogen.

Und so trifft der junge Mann auf den Touren mit dem gefüllten Wagen seines Vaters vor allem auf gelegenheitstaube Sturköpfe am Stock und Dauerwellendamen mit gebeugtem Rücken. Sonnengegerbte Gesichter mit tiefen Furchen und noch tieferem Misstrauen diesem jungen Städter gegenüber.

"Was wollen Sie denn", fragen die Dorfbewohner. "Ich bin der Lebensmittelhändler", antwortet Antoine. "Nein", sagen die dann, "Du bist der Sohn des Lebensmittelhändlers." Das ist auch der französische Filmtitel: "Le fils de l'épicier". So wie diese Zurechtweisung klingen viele der knappen Dialogzeilen - schroff, aber trotzdem irgendwie charmant. Je länger Antoine über die Dörfer tingelt, desto mehr wirkt dieser Charme auf ihn. Eine vorsichtige Annäherung beginnt - an das Land, dessen Leute, an die eigene Familie. Und als sie gemeinsam ein bisschen viel Bier getrunken haben und dabei den sonst dreckig-beigen Händlerwagen sehr bunt bemalen - auch an Claire, der Clotilde Hesme etwas Entschlossen-Burschikoses verleiht.

Düstere Wolken über Gesichtslandschaften

Mit Nicolas Cazalé ist dieser Antoine treffend besetzt, weil er glaubhaft still ist, stur und kantig wie die Gegend. Regisseur Guirado versteht es, dieses Land und seine kauzigen Gesichter in Szene zu setzen. Manchmal sind die Porträt-Aufnahmen so ruhig und intensiv als stammten sie aus einem Fotografieband. Es liegen ähnlich düstere Wolken über Antoines Gesichtslandschaft wie bei seinem Vater, den Daniel Duval als Brachialcholeriker spielt. Und als der aus dem Krankenhaus zurückkehrt, gewittert es somit zunächst auch gehörig. Wie kommt der Junior-Trottel auf die Idee, den Wagen farbig anzustreichen!

Man merkt es dem Film an, dass Guirado sich mit seinem Sujet ausführlich beschäftigt hat. Er trifft den richtigen Ton und fertigt von manchen Rand-Charakteren vielschichtige Mini-Skizzen an, die dieser Fiktion einen dokumentarischen Anstrich geben. Selbst die Slapstick-Einlagen wirken nur selten überzogen. Wenn etwa die Klappe des Händlerlasters einer Kundin auf den Kopf knallt und sie beim nächsten Mal mit Schutzhelm anrückt. Der Kamerablick ist präzise, nur manchmal vielleicht etwas verklärend. Am Ende könnte man den Eindruck bekommen, Guirado habe sich an dem südfranzösischen Panorama so sehr berauscht, dass ihm, der auch das Drehbuch verfasst hat, die Geschichte ins allzu Herrlich-Heitere hinein entgleitet. So gut, so zutiefst versöhnlich geht alles aus. Aber im lau-erfrischenden Sommerkomödienwind, zwischen all den bewegten Urlaubspostkartenbildern, vergisst man das fast. Vielleicht ist es dort draußen einfach wirklich so schön. Man würde es Guirado gerne glauben.

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