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"Der Fluch der Karibik 2": Die One-Man-Show des Johnny Depp

Es ist die Komödie des Sommers. Von Kritikern zerrissen, vom Publikum geliebt bricht "Fluch der Karibik 2" in den USA Besucherrekorde. Johnny Depp ist auch diesmal wieder hinreißend als ewig betrunkener Piratenkapitän.

Von Kathrin Buchner

Es gibt Filme, deren Faszination sich schlecht erklären lässt. So wie "Die nackte Kanone" oder Mel Brooks "Spaceballs". Ein Kalauer wird an den anderen gereiht, mehr Schenkelklopfer als subtiler Humor, sie sind gefüllt mit Platituden und Klischees, und doch bringen sie einen unglaublich zum Lachen, ja mehr noch, diese Slapstick-Komödien erreichen Kultcharakter. Und wer sie nicht gesehen hat, ist beim Party-Smalltalk außen vor.

Genau so funktioniert "Fluch der Karibik" auch. Und es ist kein Wunder, dass diese Filme nicht nur ein einziges Mal produziert werden, nein, es gibt sie meist im Zweier- oder sogar im Dreierpack. Von Kritikern, die rationale Maßstäbe an Filmkunst anlegen, werden diese Werke mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit verrissen. Was dem Publikum völlig schnuppe ist, es strömt trotzdem ins Kino. Auch wenn es mitten im Sommer ist, und der Film zweieinhalb Stunden läuft. Egal, im Kino ist es wenigstens kühl. In nur 17 Tagen hat "Fluch der Karibik 2" die amerikanischen Kinocharter geentert und 300 Millionen Dollar eingespielt - in dieser Geschwindigkeit hat das noch kein anderer Film geschafft.

Seemannsgarn auf 150 Minuten

Sprechende Papageien, untote Affen, grell geschminkte Kannibalen mit aufgespießten Totenköpfen, eine schwarze Voodoo-Hexe, die mit Schlangen und Echsen im Sumpf lebt, verfluchte Geisterschiffe mit Krakenmenschen, versoffene und abgerissene Seeräuber und natürlich verborgene Schätze - jedes nur erdenkliche Seemannsgarn und Piratenklischee wurde in "Fluch der Karibik 2" untergebracht. Dazu kommt noch eine ordentlich Portion Action: gefesselte Kannibalen-Opfer, die beim Fluchtversuch an ihrem Marterpfahl Ananas und Kokosnüsse sammeln bis der Pfahl aussieht wie ein gigantischer Fruchtspieß, beherzte Kavaliere, die mit Schildkröten unter den Füßen auf dem Meer hüpfen, wagemutige Piraten, die sich um Schatztruhen und Frauenherzen duellieren, Seeschlachten mit zerberstenden Planken. Das alles ist in großartige Bilder gebettet: das kristallklare, türkis glitzernde Wasser der Karibik, der blendend weiße Sand der Palmenstrände, das satte Grün der Eingeborenen-Insel, das düstere Tarnfarbengrau des Geisterschiffs. Bombastischer Hollywood-Klamauk, mit - man ahnt es schon - so gut wie keiner Handlung.

Slapstick und Selbstironie in Bombast-Produktion

Ein bisschen Liebe, ein bisschen Eifersucht und ganz viel Abenteuer: Der legendäre Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) muss den Fluch des noch legendäreren Kapitäns des "Fliegenden Holländers", Davy Jones (Bill Nighy), brechen, um nicht zu einem höllischen Leben in ewiger Finsternis verdammt zu sein. Blöd nur, dass der arg verliebte Will (Orlando Bloom) wiederum den magischen Kompass braucht, mit dem Sparrow unterwegs ist, um seine inhaftierte Verlobte Elizabeth (Keira Knightley) zu retten. Und schon geht die schräge Verfolgungsjagd los. Auch Elizabeth erweist sich als beherzte Seemannsbraut, die durchaus den Herausforderungen der See zu trotzen weiß.

Komik hat einen Namen: Johnny Depp

Klingt alles unglaublich platt? Ist es auch. Aber zum Totlachen komisch. Selten wurde bei einer Hollywood-Produktion so viel Selbstironie, so viel Augenzwinkern, so viel Sarkasmus gezeigt. Die Dialoge sind pfiffig, die Abenteuer durch und durch skurril und die schrägen Vögel absurd. Aber der Meister des schelmischen Humors, der diesen Film zusammenhält, heißt Johnny Depp. Wie er als aufgepuderter, schlitzohriger, androgyner, ewig vom Rum besäuselter Opportunist durch diesen Film torkelt, ist großartig anzusehen. Wie es ihm gerade passt, schlägt er sich von einer Seite auf die andere, immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht, abgezockt und skrupellos mit einem seligen Pokerface und herrlich tuntigen Bewegungen. Ein durchtriebener Anti-Held, der mit einer Überportion Charme völlig unbeschadet von einem Chaos ins nächste gerät, ohne auch nur eine Schramme davon zu tragen. Und wie schon Leslie Nielsen mit wagemutigem Wahnsinn "Die nackte Kanone" in Fahrt gebracht hat, wird wie im zweiten auch dem demnächst folgenden dritten Teil dieses Piraten-Epos nur durch Johnny Depps dandyhafte Zirkusperformance Lebenssaft eingeflößt, wenn auch aus einem ganz dicken Blut. Trotz riesiger Crew und Staffage - die meisten Kultfilme sind doch eine One-Man-Show.