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"Der Lebensversicherer": Einsam auf der Autobahn

Um seiner Familie ein besseres Leben zu bieten, rast Versicherungsvertreter Burkhart Wagner über Deutschlands Autobahnen. Doch alle vordergründige Geschwätzigkeit kann nicht verdecken, dass Wagner ein zutiefst einsamer Mensch ist.

Ein Mann sitzt im Auto, es ist dunkel, Wasser prasselt auf die beschlagenen Scheiben. Eine unheimliche Situation. Ganz klaustrophobisch in der Waschanlage beginnt Bülent Akincis melancholisches Roadmovie "Der Lebensversicherer". In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm schickt der 1968 in Ankara geborene, seit 1970 in Berlin lebende Regisseur seinen traurigen Helden auf eine zumeist nächtliche Odyssee durch ein furchtbar ödes Terrain - Deutschland kann sehr kalt sein.

Hauptdarsteller Jens Harzer brilliert gleich in seiner ersten Film-Hauptrolle: Das feste Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel hatte zuvor bereits in Hans-Christian Schmids "Requiem" eine Nebenrolle als Teufel-austreibender Geistlicher gespielt. Hier gibt er als Mann auf verlorenem Posten eine überzeugende Vorstellung ab. Sein Versicherungsvertreter Burkhard Wagner ist nun wahrlich kein Sympathieträger.

Das Auto als Wohnung

Mit gnadenloser Penetranz schwatzt der leicht schmierige Typ wehrlosen Leuten seine windigen Verträge auf. Dabei ist diese hyperaktive Nervensäge dauernd auf Achse, ein rastloser Egomane, der in seinem Auto schläft, sich morgens neben der Autobahn umzieht und seine Kunden bis auf die Toilette verfolgt. Nachts ruft er dann seine Frau an, ein irres Lächeln umspielt seine Lippen, aber er spricht immer nur auf den Anrufbeantworter. Dieser Vertreter ist ein zutiefst einsamer Mensch.

Eine gepflegte Tristesse, die an die kauzigen Außenseiter-Dramen des Finnen Aki Kaurismäki erinnert, zieht sich durch dieses düstere, bereits mehrfach preisgekrönte Roadmovie. In jeder Sequenz spürt man hier einen Stilwillen, der diese durchaus ansprechende Geschichte mühelos trägt.

Liebe auf der Autobahnraststätte

Es sind die eher beiläufigen Szenen und Schauplätze, die in Erinnerung bleiben: der Lebensversicherer philosophiert mit einem Lastwagenfahrer über Selbstmord, oder er trifft einen Blumenhändler. Und er lernt in einer Autobahnraststätte Caroline (Marina Galic) kennen, die eine verlassene Pension in der Nähe betreibt. Hier schläft er drei Tage, singt französische Chansons, und kommt der Frau näher. Oder kennt er sie bereits? Die beiden scheinen seltsam vertraut. Zum Ende wartet der Film noch mit einer Überraschung auf - dadurch bekommt das ganze vermurkste Leben auf deutschen Autobahnen noch eine ganz neue Wendung.

che/DPA