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"Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia": Mittelmaß statt Mittelerde

Die Verfilmung des Kinderbuchklassikers "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia" soll in die Fußstapfen des "Herrn der Ringe" treten. Netter Versuch.

Von Ralf Sander

Lucy geht tiefer in den Schrank hinein, immer weiter, und irgendwann steht sie in einem Wald. In einem Wald voller schneebedeckter Bäume, weißer Wege und mit einer einzelnen Laterne. Lucy denkt vermutlich: "Was für ein seltsamer, magischer Ort das ist, den ich durch den Schrank erreicht habe". Und der Zuschauer im Kino denkt vermutlich: "Was macht das Kind in der Weihnachtsdekoration eines Karstadt-Schaufensters?"

Magisch ist leider überhaupt nichts an "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia". Dabei bieten die vor allem im englischsprachigen Raum sehr bekannten und beliebten "Narnia"-Bücher von C. S. Lewis einen reichhaltigen Nährboden für phantastisches Kino: Der jetzt verfilmte "König von Narnia", 1950 als erster von sieben Bänden veröffentlicht, erzählt die Geschichte von Peter, Susan, Edmund und Lucy. Die vier Pevensie-Geschwister werden während des Zweiten Weltkrieges aus ihrer englischen Heimatstadt weggeschafft, um den Bombenangriffen der Deutschen zu entgehen. Auf dem Landsitz eines alten Professors vertreiben die Kinder sich die Zeit mit Versteckspielen und entdecken in einem alten Kleiderschrank eine Passage in ein märchenhaftes Land voller bizarrer Kreaturen, sprechender Tiere - und eisiger Kälte. Denn in Narnia, so heißt dieser geheimnisvolle Ort, herrscht ewiger Winter, hervorgerufen von der Weißen Hexe Jadis, die alles unterjocht hat, was einst warm und wohlig war. Doch ein Ende des Leids ist in Sicht, ein Erlöser kündigt sich an. Der gütige und mächtige Löwe Aslan wird kommen und die böse Hexe besiegen. Allerdings benötigt er für dieses Unterfangen die Hilfe der vier Menschenkinder. Die sind inzwischen nur noch zu dritt: Der sowieso nicht besonders freundliche Bruder Edmund fühlt sich sehr zu den Verlockungen der eisigen Schönheit hingezogen...

Fremde Welten müssen leben

Was für eine Filmreise in eine fremde Welt hätte dieser Stoff werden können! Doch Regisseur Andrew Adamson versenkt diese Disney-Produktion im Mittelmaß, scheint Fantasiereichtum und Witz, die seine "Shrek"-Animationsfilme ausmachten, beim Pförtner des Micky-Maus-Imperiums abgegeben zu haben. Adamsons erster Realfilm ist trockenes Handwerk, ohne Charme, ohne Überraschungen, ohne Atmosphäre. Ein weiteres Hauptproblem: die Optik. Pappkulissen, Kunstschnee, teilweise geschmacklose und billig wirkende Kostüme - das ist nicht akzeptabel, vor allem nicht für einen Film, der angeblich 150 Millionen Dollar verschlungen hat. Und die Spezialeffekte können ebenfalls nur zum Teil überzeugen: Während die Maskenbildner auf höchsten Niveau Faune, Zentauren, Goblins und andere Wuselwesen erschaffen haben, wirken die computeranimierten sprechenden Tiere - Biber, Wölfe, Füchse und auch der Löwe Aslan - niemals echt.

Vielleicht sehen Kinder über die technischen Mängel hinweg. Für sie zumindest ist "Narnia" besser geeignet als die "Herr der Ringe"-Filme, "Star Wars: Episode III" und das jüngste Zelluloid-Abenteuer von "Harry Potter". Gewalt und spannende Szenen sind behutsam inszeniert. Es fließt kein Tropfen Blut, obwohl es am Ende sogar eine große Schlacht zwischen Gut und Böse gibt.

Die Böse ist gut

Sehenswert ist immerhin die umwerfende Tilda Swinton als Weiße Hexe. Sie braucht nur in die Kamera zu blicken, um die Leinwand erfrieren zu lassen. Auch einige Einwohner von Narnia wachsen einem ans Herz: der Faun Herr Tumnus zum Beispiel, der mit nacktem Oberkörper durch den Schnee stapft, aber einen Schal trägt. Oder Herr Biber, der im Kettenhemd kämpft. Doch sie wirken verloren in dieser sterilen Kunstwelt.

Mehr Marketing- als Filmideen

Geht es nach dem Willen von Disney, soll der erste "Narnia"-Film - und mögliche Nachfolger - an der Kinokasse die Nachfolge des "Herrn der Ringe" antreten. Zu diesem Zweck wird in den USA sogar ein Teil der Werbekampagne auf konservative Christen ausgerichtet, denen das Fantasy-Genre bisher zu okkult war. Diese könnten schließlich in der Geschichte des Löwen Aslan Parallelen zum Leben Jesu Christi entdecken. Auch wenn das Kalkül für die Einspielergebnisse aufgehen sollte: "Der König von Narnia" kann dem "Herrn der Ringe" höchstens die Hand küssen.