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"Ein ganz gewöhnlicher Jude": Wie Spitzmaulnashörner in Afrika

90 Minuten lang Ben Becker, der über das Judensein monologisiert - wird das nicht langweilig?, fragt man sich zunächst. Schnell wird klar: Es funktioniert. Denn Becker ist ein exzellenter Schauspieler, die Materie unglaublich spannend.

Von Kathrin Buchner

Die Geschichte ist schnell erzählt: Deutschland im Hier und Jetzt - der Journalist Emanuel Goldfarb bekommt über seine jüdische Gemeinde einen Brief. Darin möchte ein gewisser Herr Gebhardt, Lehrer des Kurt-Tucholsky-Gymnasiums, einen jüdischen Mitbürger einladen, an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen und Fragen der Schüler zu beantworten.

Goldfarb ist empört, lehnt ab, will nicht als "ausgestorbene Tierart" vorgeführt werden, schließlich sei er noch nicht "reif fürs Museum". Er wütet, wettert, schnaubt. Mit Verve und Pathos spannt er ein Blatt in die altmodische Hohlkopfschreibmaschine und beginnt, eine Absage zu verfassen. Aber schon bei den ersten Worten stolpert er, hadert, zweifelt, verwirft. "Lieber Herr Gebhardt" -"Schon falsch. Warum lieber? Ich liebe ihn nicht,. und er liebt mich auch nicht." Den zwar gut gemeinten, aber übertrieben rücksichtsvollen Ton des Lehrers empfindet er als Provokation eines typisch deutschen Gutmenschen. "Ihre political correctness hat da keinen Platz. Jude zu sein ist keine Behinderung, an die man nicht gern erinnert wird."

Jeder Satz ist eine plakative Überschrift

Schon reißt er das Papier wieder aus der Schreibmaschine, greift zum Diktiergerät mit dem er seinen wütenden Redestrom festhält. Mit wenigen Gesten zieht Darsteller Ben Becker den Zuschauer in seinen Bann. Jeder Satz ist eine plakative Überschrift, mit der er das angespannte deutsch-jüdische Verhältnis gnadenlos seziert. "Ein ganz gewöhnlicher Jude in Deutschland - das ist wie ein ganz gewöhnliches Spitzmaulnashorn in Afrika. Ein Widerspruch in sich. Wir sind zu selten geworden, wir Nashörner."

Minimalistisches Ambiente lässt Raum für furioses Spiel

Für sein Spiel braucht Becker nur wenige Requisiten. Goldfarbs Wohnung zeigt ihn auf den ersten Blick als Intellektuellen: Designermöbel, voll gestopfte Bücherregale, Zeitschriftenstapel, großer Schreibtisch, Fotografien von Hannah Arendt und Einstein. Die wenigen jüdischen Symbole, der neunarmige Leuchter, die Mesusah am Eingang belegen seine jüdische Herkunft.

Risches-Haltung der Mutter

An alten schwarz-weiß-Bildern von Onkeln und Tanten manifestiert er die historische Tragödie, "Bube, Dame, König, Ass. Theresienstadt, Auschwitz, ausgewandert nach Caracas, verschollen. Juden und Nichtjuden sehen sich ihre Familienfotos nicht auf dieselbe Weise an". Und die damals hochmoderne Kaffeemaschine aus den 50er Jahren zeigt den Fortschrittsglauben des Vaters, der trotz des Holocausts das Vertrauen in die Zukunft nicht verloren hat. Damit steht er im Gegensatz zur Mutter, die mit ihrer "Risches-Haltung" den Sohn zeitlebens unter Druck setzte, durch Überangepasstheit endlich angenommen zu werden. "Eine eingeschlagene Scheibe im koscheren Restaurant, das ist Risches. Aber es geht auch kleiner. Herr Rosenfeld wird nicht in den Golfclub aufgenommen? Risches. Der Lehrer gibt mir eine schlechte Note? Risches."

Von historischen Allgemeinplätzen zur privaten Lebensbilanz

Von der Walser-Debatte bis hin zur aktuellen Situation in Israel, von der übertriebenen toleranten Haltung der Deutschen bis zur neu entdeckten Vorliebe für Klezmer-Musik - mit scharfsinnigem Sarkasmus resümiert Goldfarb das angespannte deutsch-jüdische Verhältnis. Gerade als man denkt, "gut beobachtet, aber kennen wir doch schon" nimmt sein Monolog eine neue Wendung. Denn das allgemeine Pamphlet gerät zunehmend zur persönlichen Nabelschau, zur privaten Lebensbilanz. Man darf tief in das persönliche Trauma Goldfarbs eindringen und beginnt zu verstehen, warum es eben nicht so einfach ist, in Deutschland ein ganz gewöhnlicher Jude zu sein. Aber auch, dass es eben nicht den Juden gibt, sondern viele einzelne Schicksale.

Feine Nuancen in der One-Mann-Show

Die Nuancen machen das Spiel aus. Erst der wütend-aggressive Angriff gegen die exemplarische, übertolerante Gutmensch-Haltung des Lehrers, dann die von heftigen Gefühlen gezeichnete Auseinandersetzung mit den Eltern, bis hin zur wehmütig-melancholischem Hinterfragens seines eigenen Versagens, in dem Versuch, seine jüdische Identität abzulegen, um eine "normale" Ehe zu führen und ein "normaler" Vater für seinen Sohn zu sein. Diese leisen Töne machen das Stück so erst rund.

Ben Becker entdeckte jüdische Abstammung

Ein furios vorgetragener Monolog von Ben Becker, eine komprimierte Geschichtsstunde, die man tatsächlich gerne so mal im Schulunterricht gehört hätte, wo doch der Geschichtsunterricht meist nach Anne Franks Tagebuch aufhört. Das unmögliche Leben als ganz gewöhnlicher Jude in Deutschland, komprimiert in 90 Minuten. Und wenn Goldfarb befriedigt einschläft, weil er sich den Ballast von der Seele geredet hat, fängt beim aufmerksamen Zuschauer erst das Verdauen an. Und damit hat er etwas gemein mit Ben Becker, der sich im Laufe der Dreharbeiten mit seiner eigenen Lebensgeschichte beschäftigt hat und entdeckte, dass er selbst jüdischer Abstammung ist.

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