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"Ein Quantum Trost": "Bond darf nicht weinen"

Noch nicht. Aber Marc Foster fände es schön, wenn es eines Tages so käme. Im stern-Interview erzählt der Regisseur vom turbulenten Dreh des neuen 007-Thrillers "Ein Quantum Trost", von Daniel Craigs Härte und einem ungehobelten Bürgermeister.

Von Matthias Schmidt

Zum Zeitpunkt des Interviews arbeitet Marc Forster, 39, bereits über vier Monate am neuen Bond. Er komme sich vor, als würde er drei Filme zugleich drehen, sagt der Deutsch-Schweizer, der bisher vor allem durch anspruchsvolle Kost wie "Monster's Ball" und "Drachenläufer" sein Publikum fand. Die Erschöpfung sieht man ihm an: Augenringe, fahler Teint, in den Pausen sinkt er tief in seinen Regiestuhl, als verkröche er sich am liebsten vor all den Verantwortlichkeiten.

Wie kommt jemand mit Ihrem künstlerischen Hintergrund zu einem actiongeladenen Agententhriller?

Ich liebe Actionfilme, und nach meinen ganzen kleinen Filmen wollte ich mal ein viel größeres Publikum ansprechen. Außerdem sollte man auch innerhalb einer Actionszene eine Geschichte erzählen. Drama und Action gehen Hand in Hand, sonst herrscht nur Leerlauf.

Innerhalb des Bond-Kosmos hat man doch kaum Freiheiten.

Das dachte ich zunächst auch. Aber erstaunlicherweise zogen die Produzenten nur eine Grenze: Ich muss das Budget einhalten! Na ja, es wird wohl ein wenig mehr werden als 200 Millionen Dollar. Ansonsten habe ich totale Kontrolle, Daniel Craigs Dialoge ändere ich täglich, und auch diesmal tauchen weder Q noch Moneypenny auf. Was ich wirklich hasse: Product-Placement. Ich hatte noch in keinem meiner Filme Schleichwerbung, und jetzt wurden Partner wie Omega oder Aston Martin vorgelegt. Tolles Auto, aber es gibt gewisse Product-Placement-Momente, in denen du denkst: Das muss doch jetzt nicht sein!

Hatten Sie Bammel vor der riesigen Aufgabe, einen Bond-Film zu drehen?

Jeder Film bringt einen gewissen Druck mit sich. Meine ständige Angst bei Bond war: Habe ich wirklich alles gedreht, was ich brauche, um die Geschichte zu erzählen? Ich wollte das Angebot lange nicht annehmen, doch dann habe ich ein Interview mit Orson Welles gelesen, in dem er gefragt wurde, was er am meisten bedaure. Seine Antwort: dass er nie einen kommerziellen Film gemacht habe. Bond ist Filmgeschichte, das kann man nicht ablehnen.

Der Dreh war vom Pech verfolgt: Zwei Stuntmänner verunglückten bei einer Autoverfolgung, in Chile randalierte angeblich ein Lokalpolitiker, und Craig verletzte sich mehrfach.

Bei dem tragischen Autounfall am Gardasee filmte ich gerade mit Daniel in der Toskana. Wir müssen genau recherchieren, warum das passiert ist. Der Vorfall in Chile war recht banal. Wir drehten in einem kleinen Ort, wo der Bürgermeister schon einen Tag vorher eine Störaktion ankündigte. Er fuhr dann in Schrittgeschwindigkeit auf den Set und hätte dabei fast seine eigenen Polizisten verletzt. Er wollte unsere Drehgenehmigung sehen, dann wurde er abgeführt. Der Mann hatte gerade drei Monate wegen Trunkenheit am Steuer im Gefängnis gesessen. Und Daniel hat sich ab und zu wehgetan, aber er ist sehr hart und diszipliniert und macht dann einfach weiter. Den Medienrummel um diese Vorfälle habe ich aber unterschätzt; ich dachte nie, dass es so viele fanatische Bond-Fans gibt.

Daniel Craigs Blessuren interessieren auch deshalb, weil er anfangs als Weichei verspottet wurde und nun angeblich Babyöl benutzt, damit seine Muskeln straffer wirken, und mit Augentropfen das Weiß seiner Augen verstärkt. Der metrosexuelle Bond.

Echt? Das mit den Augentropfen höre ich zum ersten Mal. Das wäre ja krass. Ich schau ihm heute Abend mal ganz tief in die Augen, ob die wirklich weißer sind. Alle Männer werden metrosexueller, das ist in unserer Kultur gerade so. Ich glaube, dieses Klischeebild vom harten Mann, der nicht weinen darf, ist veraltet. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der überhaupt keine Gefühle gezeigt wurden, wo nie gesagt wurde, ich liebe dich. Aber wenn du deine Gefühle nicht auslebst, wirst du verbittert, depressiv, einsam oder alles zusammen. Deswegen fand ich Bond so interessant. Der kann sich auch nicht öffnen und behält alles für sich.

Darf Bond diesmal weinen?

Nein, die Figur ist noch nicht so weit. Aber ich fände es schön, wenn es eines Tages so kommen sollte.

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