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"Goyas Geister": Porträt eines Wendehalses

Oscar-Regisseur Milos Forman verfilmte das Historienepos über den Hofmaler Francisco Goya. Im Zentrum stehen ein Bürgermädchen und ein Mönch, deren Schicksal von der Inquisition verhängnisvoll verknüpft wird.

Der spanische Maler Francisco Goya hat wie kein anderer Künstler die Abgründe und Schrecklichkeiten seiner Zeit in seinem Werk dokumentiert. Der Hofmaler der Könige im Schloss von Madrid porträtierte die Mächtigen nach Auftrag, aber er hatte auch einen scharfen Blick für die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, unter denen das einfache Volk leiden musste. Dazu gehörte am Ende des 18. Jahrhunderts die schändliche Rolle des katholischen Klerus, die Goya in seinen gesellschaftskritischen Stichen festhielt. Zu diesem Klerus gehörte der ebenso intelligente wie finstere Mönch Lorenzo, Mitglied des innersten Zirkels der spanischen Inquisition. Nicht Goya, sondern Lorenzo ist die Hauptfigur in "Goyas Geister".

Um es vorweg zu sagen: Der Film ist ein neues Meisterwerk von Milos Forman, der mit "Einer flog über das Kuckucksnest" und "Amadeus" Kinoklassiker geschaffen hat. Selten dürfte es auf der Leinwand ein faszinierenderes Porträt eines politischen Opportunisten gegeben haben. Dass dieser brillant geschriebene und inszenierte Film im historischen Gewand daherkommt, beeinträchtigt seine Brisanz nicht. Pater Lorenzo lebt in vielfacher Gestalt unter uns, es ist der ewige Wendehals. Die besondere Qualität des von Forman und Jean-Claude Carriere verfassten Drehbuchs liegt darin, eine Figur in den Mittelpunkt zu stellen, die gewiss keine Sympathien erringen kann, deren atemberaubende Wandlung aber zu fesseln weiß. Und es ist ein Glücksfall, was der spanische Schauspieler Javier Bardem aus dieser Rolle macht.

Ein künstlerisches Ereignis

Bardem zeigt auf geradezu beängstigend glaubwürdige Weise einen Mann, der radikal die Seiten und seine Anschauungen wechselt, doch sich dabei eigentlich völlig gleich bleibt. Das 20. Jahrhundert war voll solcher Charaktere, das wird den aus Tschechien stammenden Forman an dem Stoff auch besonders gereizt haben. Viele Jahre schon hatte der Regisseur an dem Goya-Projekt gearbeitet, aber erst die Zusammenarbeit mit dem berühmten französischen Drehbuchautor eröffnete ihm den Weg zu dieser Kinofassung.

Sehr geschickt verquickt die Handlung das Schicksal von Goya, Lorenzo und Ines miteinander. Letztere wird auf ergreifende Weise von der Amerikanerin Natalie Portman dargestellt. Der Schwede Stellan Skarsgard ist körperlich zwar ein zu groß gewachsener Goya, doch hat er ganz ähnliche Gesichtszüge wie dieser. Eine Vielzahl gut gewählter Nebendarsteller, unter ihnen Michael Lonsdale als Großinquisitor, machen den knapp zweistündigen Film auch schauspielerisch zum Ereignis.

Wolfgang Hübner/AP

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