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"Katze im Sack": Liebe in Zeiten von Überwachungskameras

Eine schicksalhafte Begegnung in der Bahn ist der Auslöser für eine turbulente Nacht, die das Leben zweier Menschen gehörig durcheinander wirbelt. "Katze im Sack" ist ein Film über Getriebene, Gescheiterte - und die Sehnsucht nach Liebe.

Von Carsten Heidböhmer

Als sich Karl und Doris im Zugabteil nach Leipzig gegenüber sitzen, weiß der Zuschauer kaum mehr von ihnen, als dass sie beide einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit zu haben scheinen. Beide sind darüber hinaus Einzelgänger, die ihrer Umwelt nicht gerade freundlich entgegentreten. Obwohl ihre Konversation von wenig Herzlichkeit geprägt ist, spüren die zwei instinktiv, endlich einen Menschen getroffen zu haben, der ebenbürtig ist. Als Doris (Jule Böwe) in Leipzig den Zug verlässt, entschließt sich Karl (Christoph Bach) kurzerhand, ebenfalls auszusteigen, und macht sich auf die Suche nach ihr.

Mit dieser Vorgeschichte ist der Rahmen gesetzt für eine turbulente Nacht, die in eine abgründige Welt unglücklicher Gestalten führt. Da ist zum einen Doris' deutlich älterer Freund Brockmann (Walter Kreye), der als Sicherheitstechniker für zwielichtige Etablissements durchs Leipziger Nachtleben geistert. Mit Doris führt er eine merkwürdige Beziehung, die eher von väterlichen Gefühlen denn von Sinnlichkeit und körperlicher Anziehung geprägt ist. Im Bordell des mit ihm befreundeten Zuhälters (Dirk Borchardt) repariert er Überwachungskameras, die das Treiben sämtlicher Gäste aufzeichnet und auf Monitoren abgespielt - eine Spiegelung der kaputten, von seinem Hang zum Voyeurismus geprägten Beziehung zu Doris.

Als Karl überraschend in der Karaokebar aufkreuzt, in der Doris arbeitet, schließt er mit ihr eine Wette ab: Gelingt es ihm, an dem Abend ein Mädchen abzuschleppen, muss Doris mit ihm Frühstücken gehen. So landet er die schließlich im Bett der Schülerin Nele.

Sexualität ohne Liebe

Kaum einer der auftretenden Personen scheint hier "normal" zu sein, und alles andere als gewöhnlich ist auch ihr Sexualverhalten: Die Menschen, die sich am meisten lieben, Doris und Brockmann, sind zu Körperkontakt unfähig. Alle anderen scheinen sich nach Belieben einander hergeben zu können. Unter den Augen der Überwachungskameras haben die Bordellgäste munter Verkehr. Karl steigt auch noch mit Neles sexversessener Schwester ins Bett. Und zwischen Jule und Sandro kommt es auf offener Straße zum kalten, lieblosen Akt.

Am Ende der Nacht scheinen alle Beteiligten seltsam leer zu sein. Eine direkte Sprache für ihre Gefühle haben sie nicht gefunden. Alles, was sie unternommen haben, war nur eine Ablenkung, und hat sie von ihren wahren Bedürfnissen noch weiter entfernt. Dennoch lässt der Film am Schluss einen Hoffnungsschimmer aufblitzen. Er gaukelt kein falsches Happy End vor. Aber es bleibt ein Rest an Zuversicht, dass Karl und Doris ihre Spielchen aufgeben werden und zueinander finden. Mit einem Wort: dass sie endlich die Katze aus dem Sack lassen.

Kraftvolles Kino

Dem erst 30-jährigen Regisseur Florian Schwarz ist gleich mit seinem Debüt ein Stück kraftvolles deutsches Kino gelungen, für das er mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet wurde. Dabei geht er das Wagnis ein, auf moralische Bewertungen ebenso zu verzichten wie auf psychologisierende Erklärungen für das Handeln seiner Protagonisten. Stattdessen sieht er ihnen einfach beim Leben zu. Dank der klischeefreien Handlung, origineller Dialoge und vor allem ungewöhnlicher Schauplätze verströmt der Film eine selten gesehene Vitalität. Zwar ist das Ganze bisweilen ein wenig ungeschliffen - aber zu jeder Sekunde lebendig.

Daran haben die neuen, unverbrauchten Schauspieler großen Anteil. Mit ihrem erfrischenden Spiel drücken Jule Böwe und Christoph Bach dem Film ihren Stempel auf. Böwe ist bereits 1998 von der Zeitschrift "Theater heute" zur "Nachwuchsschauspielerin des Jahres" gewählt worden. Und Christoph Bach dürfte nach dieser Leistung niemand mehr als "deutsche Antwort auf Robert De Niro" bezeichnen. Auch wenn er dem US-Schauspieler äußerlich tatsächlich ähnelt - nach "Katze im Sack" sollte man eher auf die amerikanische Antwort auf Christoph Bach warten.

Untermalt wird der Film von Musik der Ingolstädter Band Slut, die wie gemacht für den Film scheint. Die sinnlich-melancholischen Songs stammen von ihrem Album "Lookbook" aus dem Jahr 2001 - dem bis heute unübertroffenen Meisterwerk der Band. Auch Christoph Schwarz wird sich gehörig strecken müssen, will die Qualität seines Debüts wieder erreichen.