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"L'Auberge Espagnol 2": Von der Herberge ins Familienhotel

Vor einigen Jahren lernten sie sich in "L'auberge Espagnol" kennen. Inzwischen hat sich der Trupp europäischer Studenten auf mehrere Metropolen verteilt. Auf einer Hochzeit treffen sich alle WG-Bewohner in St. Petersburg wieder.

Von Kathrin Buchner

Fünf Jahren später - raus dem kuscheligen Nest der Multikulti-WG, rein in das wirkliche Leben. Vorbei ist das unbeschwerte Studentendasein. Hauptfigur ist wieder der Franzose Xavier (Romain Durpris), der als Autor von Geschichten sein täglich Brot verdient. Es ist ein hartes Brot - denn der charmante Hans-Dampf-in-allen-Gassen muss Klingel-Putzen gehen.

Splitscreen-Optik, Zeitraffer und surreale Traumsequenzen

Und das erzählt er mit brüllend komischer Selbstironie - filmisch genial umgesetzt von Regisseur Cédric Klapisch: mit Lomokamera- und Splitscreen-Optik, Zeitraffer und surrealen Traumsequenzen zeigt er, wie Xavier sich selbst sieht: als Rattenfänger von Hameln, der mit süßen Worten seine Auftraggeber betört. Seine entwaffnende Selbstironie ist brüllend komisch, seine Verzweiflung anrührend, wenn er mit den Anforderungen der Produzenten an seine Drehbücher hadert. Oder bei Schreibblockaden in die Haut der Protagonisten seiner vor Kitsch triefenden Auftragsfilme schlüpft. Zu allem Übel muss er sich auch noch vor seiner Ex Martine (Audrey Tautou), einer engagierten Attac-Kämpferin, für den von ihm fabrizierten TV-Trash rechtfertigen.

Seifenblasen im Realitätstest

Nicht nur im Job müssen die Protagonisten des ersten Teils den Realitätstest bestehen, auch die Beziehungssuche hat für sie eine andere Dimension erreicht. Obwohl ihnen die emotionale Stabilität noch fehlt, haben die Charaktere sich gegenüber dem ersten Teil weiterentwickelt, sind gereift - und auf der Suche nach der wahren Liebe, die beziehungsfähig ist. Martine, alleinerziehende Mutter, die sich vor ihrem Sohn rechtfertigen muss, noch nicht ihren Märchenprinzen gefunden zu haben, die rothaarige Wendy, die immer wieder auf die gleichen Loser reinfällt. Xavier, der an fremden Liebesgeschichten bastelt, während er auf der Suche nach seiner eigenen zwischen Paris, London, St. Petersburg und Moskau hin und her jettet. Denn so sehr er kitschige Klischees in den von ihm verfassten Geschichten verachtet, so sehr ist er selbst auf der Suche nach der Märchenprinzessin und erliegt dem schönen Schein. Der wird verkörpert von Ceila, dem Model mit dem perfekten Körper - für einen kurzen Augenblick mutiert Xavier zum edlen Ritter, sein Roller wird zum Edelgaul. Träume sind Schäume, platt aber wahr, und das Glück liegt nicht im Perfektionismus, wie Xavier schmerzhaft erfahren muss.

Hochzeitstripp auf der Newa

Allein William, der unsägliche Engländer, der sich in Barcelona noch von seiner Schwester Wendy (wunderbar facettenreich und elegisch: Kelly Reilly) durchfüttern lassen hat, erweist sich in Liebesdingen als unerwartet zielstrebig: Um die schöne Balletttänzerin Natascha zu gewinnen, büffelt er ein Jahr lang Russisch, ehe er sich in deren Heimat St. Petersburg begibt, um mit ihr und ihrer Familie in einer Gemeinschaftswohnung zu leben. Und so bekommt der mitteleuropäische Kern der Auberge-Crew ein exotisches Sprengsel, das sprachliche Kuddelmuddel wird erweitert, und eine wodkaschwangere Hochzeit in einem Boot auf der Newa vor der wahnsinnigen Kulisse Petersburgs bildet den formschönen und melancholisch-sentimentalen Abschluss. Bis auf den Erzählpart von Xavier sind die Dialoge übrigens nicht übersetzt, die Schauspieler sprechen jeweils in ihrer Muttersprache - oder eben in Englisch mit charmantem französischen Akzent.

Wiedersehen macht Freude

So sehr Regisseur Cédric Klapisch mit filmischen Mitteln experimentiert, so sehr setzt er auf die starken Charakter des ersten Teils der Barcelona-Story, die Schwächeren dienen lediglich als schön anzusehende Staffage beim Showdown in St. Petersburg – bis auf Amelie Tautou, die im zweiten Teil endlich eine richtige Rolle hat und auch als Nervensäge noch hinreißend ist.

L'Auberge Espagnol, Teil 2 - ein Wiedersehen, das Freude macht. Wer den ersten Teil kennt, fühlt sich fast wie beim Klassentreffen. Aber auch ohne den ersten Teil gesehen zu haben ist die romantische Liebesklamotte über Irrungen und Wirrungen des Erwachsenendasein, die gängige Klischees herrlich demontiert und auch wieder zusammensetzt, sehenswert.