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"Shrek der Dritte": Flegeljahre eines Monsters

Mit "Shrek der Dritte" geht der Siegeszug des grünen Antihelden weiter. Ausgedacht hat sich das Sumpfmonster der Kinderbuchautor William Steig - und sein raubeiniges Original steckt die Kinoversion locker in die Tasche.

Von Stephan Maus

Bäh! Was pult sich das grüne Monster da aus seinen Horchtrichtern? Ohrenschmalzschnecken! Und der frisst die auch noch! Und was kommt jetzt? Shrek und seine Monsterbraut blasen da nicht wirklich einen Frosch und eine Schlange auf? Was sagt der World Wildlife Fund dazu? Verglichen mit diesem Rüpel ist Pippi Langstrumpf eine Klosterschülerin. Und genau deswegen bringt er Eltern und Kinder gleichermaßen zum Jubeln. In seltener Einigkeit haben sie Shrek zu einer der erfolgreichsten Trickfiguren der Filmgeschichte gemacht. Unmöglich, dieses Sumpfmonster. Wilder geht’s nimmer. Wirklich nicht? Dann kennen Sie nicht den wahren Shrek. Das Original. Denn das grüne Hollywood-Monster ist nur die gezähmte Variante eines viel rüderen Kerls.

Shrek wurde von einem amerikanischen Illustrator erfunden, der viele Begabungen hatte, aber wohl nicht die, erwachsen zu werden: William Steig schuf sein Meisterwerk erst 1990 mit 83 Jahren. Sein "Shrek!" ist in den USA ein Kinderbuchklassiker, bei uns leider vergriffen. Die Abenteuer des grünen Monsters sind Antimärchen von jemandem, der auszog, die Welt das Fürchten zu lehren.

Lieblingsbeschäftigung: Menschen erschrecken

Seine Eltern befördern ihn mit einem Tritt in den Hintern "aus dem finsteren Loch, in dem er aufgewachsen war". Selten sieht man einen so begeisterten Gesichtausdruck wie den von Shrek, als er aus seinem Heimatsumpf katapultiert wird. Kein Heimweh, keine Sehnsucht nach dem Hotel Mama, im Gegenteil: Die Welt will erobert werden. Und wenn dabei am Ende noch eine Prinzessin rausspringt, auch gut. Dann lässt man sich eben von einem alten Krokodil trauen und trägt als Brautstrauß einen Kaktus. Hauptsache, die Gattin ist abgrundtief hässlich, damit man zusammen seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann: Menschen erschrecken.

In "Shrek!" ist Steig auf dem Höhepunkt seiner Zeichenkunst. Von seinem Sohn Jeremy, einem berühmten Jazzflötisten, hatte er das Improvisieren gelernt. Er fertigte keine Skizzen mehr an, sondern zeichnete direkt mit Tusche und kolorierte mit leuchtenden Wasserfarben nach. Ihn reizte das Krakelige: "Wenn der Stift auf der Seite stottert, ist das ein neues Ding." Um neue Formen auszuprobieren, schloss er die Augen beim Zeichnen oder malte mit links. In "Shrek!" findet Steigs Federstrich zu nie erreichter Krakeligkeit. Dilettantisch? Nein, die Zeichnungen müssen so räudig aussehen wie das Monster. Steigs Art zu zeichnen ist der eines Kindes nahe. Der Künstler erklärte, seine Bilder sollen "gut, aber nicht zu gut" wirken. Das Krakelige ist das Unfertige. So wollte er Kinder zum Mitgestalten erziehen.

Schönheitskorrekturen für die "hässliche grüne Birne"

Hollywood liess sich von Steigs "Shrek!" zu einem Zyklus von Animationsfilmen inspirieren, die zu einer Leistungsschau der Special-Effects-Cracks wurde. Auch der dritte Teil überwältigt wieder Erwachsene und Kinder mit humorvoller Rasanz. Kommt der ursprüngliche Shrek direkt aus dem Sumpf, entspringt seine Kopie allerdings aseptischen Hochleistungsrechnern: In den Computerateliers von Dreamworks wurde Shreks "hässliche grüne Birne" gründlichen Schönheitskorrekturen und einem Clearasil-Bad unterzogen: Ohren- und Nasenhaare wurden getrimmt, seine Klauen manikürt, seine Verwarzungen etwas diskreter modelliert. Von diesem geglätteten Rüpel lassen sich durchaus Kuschelpuppen herstellen. Und seine Prinzessin Fiona würde man zur Not auch selbst heiraten - Steigs Monsterbraut aber nicht einmal dann, wenn ihr Königreich Saudi-Arabien hieße. Auch Shreks Charakter wurde eingenordet: Das Monster zeigt sich plötzlich gesprächsbereit und romantisch.

Vor allem leidet es an seiner Hässlichkeit und kommt oft ins Grübeln. Es sinniert über die Existenz und gibt uramerikanische Selbstfindungstipps. Einen solchen Grübler würde der ursprüngliche Shrek einfach in den Sumpf werfen. Die anarchische Kraft von Steigs Shrek liegt darin, dass er über gar nichts nachdenkt, sondern ganz einfach ist - und zwar hässlich, und das gern. Eben das macht ihn zu einem so außergewöhnlichen Kinderbuchhelden. Denn die meisten Helden sind Bauchrednerpuppen, die wohlmeinende Erwachsenenthesen verkünden. Nicht so Shrek. Der ist ein zufriedenes Monster ohne Moral. Wer sich ihm in den Weg stellt, hat selbst Schuld. Ein Ritter in voller Rüstung will ihn auf seinem Weg zur Prinzessin aufhalten. "Nur über meine Leiche!", schnaubt der Panzermann. "Genau", sagt Shrek, "über deine Leiche." Shrek haucht ihn mit seinem Feuerodem an, und der Ritter versinkt mit glühender Rüstung zischend im Burggraben. Dieser Rabauke ist unwiderstehlich. Welche Prinzessin schmölze nicht bei seinen Minnegesängen dahin: "Deine rosigen Pickel, die warzigen Schwielen, und wie deine Schweinsäuglein nach mir schielen, das macht mich ganz dumm!"

Er war gut aufs Künstlerdasein vorbereitet

In "Shrek!" beweist der alte William Steig noch mal jene Rotzigkeit, mit der er sich in seiner Jugend auf den Straßen der Bronx durchschlug. Seine Eltern - Vater Anstreicher, Mutter Näherin, beide polnisch-jüdische Immigranten - hatten all ihr Geld im Börsencrash von 1929 verloren und fanden in der folgenden Großen Depression keine Arbeit mehr. William beschloss, seine Familie mit Zeichnen zu ernähren. Und er war gut aufs Künstlerdasein vorbereitet. Sein Vater träumte von der Malerei. Am Wochenende fertigte er Ölkopien von Postkarten mit Meisterwerken der Kunstgeschichte an. Als Sozialisten hatten die Steigs konkrete Berufswünsche für ihre vier Kinder: "Meine Eltern wollten nicht, dass ihre Söhne Arbeiter wurden, weil sie sonst von Geschäftsleuten ausgebeutet würden. Und sie wollten nicht, dass wir Geschäftsleute wurden, sonst hätten wir Arbeiter ausgebeutet. Da wir uns ein Studium nicht leisten konnten, wurden wir ermutigt, Künstler zu werden."

Steig war 23, als er Zeichnungen zum renommiertesten Magazin der USA schickte, dem "New Yorker", Olymp aller Autoren und Cartoonisten. Das Blatt veröffentlichte einige seiner Cartoons, doch Steig wollte mehr: aufs Cover! Er reichte einen Titelbildentwurf ein. Die Idee fand Gefallen, nur die Ausführung war gewöhnungsbedürftig. Das Magazin wollte den Gag kaufen und nachzeichnen lassen. Steigs Mutter riet dem angehenden Künstler: "Verkaufe niemals eine Idee!" William folgte dem Rat und blieb hart. Der "New Yorker" nahm schließlich die seltsame Zeichnung und gewöhnte sich bald an den originellen Stil des Newcomers. Steig wurde der am längsten beschäftigte Cartoonist des Magazins. In 60 Jahren lieferte er 1650 Cartoons, davon 117 Titelbilder. "Newsweek" verlieh ihm den Ehrentitel King of Cartoons. Zum Kinderbuch fand Steig erst mit 60. Bis zu seinem Tode 2003 fertigte er fast 30 Bücher. Seine Karriere aber hatte sich Steig ganz anders vorgestellt: "Ich wäre gern ein Profisportler geworden, ein Seemann, ein Strandräuber oder eine andere Art von Landstreicher, ein Maler, ein Schriftsteller, ein Banjo-Spieler, ein Reisender, alles, nur kein reicher Mann." Das ist ihm nicht gelungen: Für die Rechte an seiner Kultfigur Shrek zahlte Hollywood ihm 500.000 Dollar.

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