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"United 93": "Seit kurz nach halb neun ist alles anders"

Als erster Film behandelt "United 93" die Ereignisse vom 11. September 2001. Im Interview erklärt Regisseur Paul Greengrass, warum die Terroristen so normal erschienen und was wir aus dem Film lernen können.

Mister Greengrass, Ihr Film "United 93" ist der erste Kinofilm, der den 11. September thematisiert. Eine Flut von Büchern, Dokumentationen und weiteren Kinofilmen werden folgen. Schlagen Sie Kapital aus dem fünften Jahrestag der Katastrophe?
Nein. Ich habe über den Film schon vor Jahren nachgedacht und ehe ich "The Bourne Supremacy" drehte. Aber damals war der Bericht der 9/11-Kommission noch nicht fertig. Und ohne diesen Bericht wäre ein faktentreuer, akkurater Film nicht möglich gewesen.

War es für Sie als Engländer leichter, den Film zu drehen, weil Sie emotional vielleicht nicht ganz so stark involviert waren?


Das glaube ich nicht. Es hat mir eher geholfen, dass ich zuvor schon Dokumentationen gemacht habe wie "Bloody Sunday". Das Sujet von Gewalt und Terror war mir also nicht neu.

Was hat Sie an dem Thema 11. September so gereizt?
In den USA und in Europa ist eine große und schmerzhafte Debatte im Gange, über das, was wir machen in diesem Krieg. Und wir sind nun gewiss nicht einer Meinung. Aber es gibt einen Punkt, da stimmen alle überein: Was immer wir über die letzten fünf Jahre denken mögen - alles geht auf den 11. September zurück. Etwas ist in diesen zwei Stunden passiert, das eine Zäsur in unserem Leben darstellt. Seit diesem Morgen um kurz nach halb neun morgens denken wir anders. Alles, was danach passiert ist und was immer man davon hält - die Invasion Afghanistans und der Krieg im Irak, die Limitierung der Bürgerrechte in den USA - alles hat mit diesem Morgen zu tun. Für mich ist der Film ist der Versuch, diese zwei Stunden zu rekapitulieren und in einer vernünftigen Form zu untersuchen: Was können wir lernen?

Und was können wir lernen?


Zum Beispiel, dass diese ganzen Verschwörungstheorien ein ärmlicher Ersatz für Fakten sind. Wir können lernen, dass wir in einen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind gezogen sind, den wir kaum kennen und noch weniger verstehen. Und wir sollten lernen, dass wir uns in dem trügerischen Luxus wähnen, Zeit zu haben. Die Passagiere in diesem Flugzeug hatten die nicht. Aber wir wissen alle, dass das Problem nicht gelöst ist. Es ist immer noch da. Nur stellen wir uns dem Problem nicht richtig. Wahrscheinlich deshalb, weil wir keine Antwort haben. Ich glaube, dass wir miteinander reden müssen. Und das passiert nicht.

Die Familienmitglieder, mit denen Sie zusammengearbeitet haben loben durchweg Ihre Detailversessenheit. Andere mäkeln, dass die Entführer zu positiv rüberkommen.
Positiv? Nein, aber wir wollten herausarbeiten, dass diese jungen Männer nichts Außergewöhnliches hatten. Sie sahen nicht aus wie Massenmörder. Sie waren unscheinbar, nicht einmal körperlich stark. Was ich aber vor allem zeigen wollte: Am Morgen des 11. September gab es zwei Entführungen. Die erste kennen wir alle - Flugzeuge, die in Gebäude fliegen und Tausende von Unschuldigen töten. Die zweite ist jene, die wir im Cockpit erleben - die Geiselnahme einer ganzen Religion. Ausgeführt von einer Gruppe von ideologisch getriebenen, extrem gläubigen und tragisch missbrauchten Individuen. Genau dieser Geiselnahme der Religion stehen wir fünf Jahre nach den Anschlänge immer noch ratlos gegenüber.

Erwarten Sie eine andere Reaktion auf Ihren Film in Europa als in den USA, wo es auch vereinzelte Proteste gab?


Ich hoffe, dass die Reaktionen überall gleich sein werden. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die den Film anschauen, unsere Welt darin repräsentiert zu sehen. Es soll keine Geschichtsstunde sein. Der Punkt ist: Es ist heute wichtig. Dieser Konflikt könnte uns bis zum Ende unseres Lebens und selbst das unserer Kinder beeinflussen. Darum ging es mir. Und auch nicht darum, dass wir irgendwen anklagen wollen. Die Dinge sind furchtbar schief gegangen, das ist keine Frage und ja auch ausreichend dokumentiert. Aber wenn wir es beim nächsten Mal besser machen wollen, sollten wir die Lektionen aus dieser Katastrophe lernen.

Interview: Michael Streck
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