Cannes-Tagebuch Die letzte Nacht in Cannes


Noch einmal mutiert die Croisette zur gigantischen Party-Zone. Tausende Schaulustige drängeln sich vor den grell erleuchteten Luxus Hotels "Majestic", "Carlton" und "Martinez".
Von Bernd Teichmann

Durch die Mengen huschen aufgerüschte Ladies und Gentlemen im Smoking auf dem Weg von der Preisverleihung im Palais du Festival, zur irgendeiner Party, einem Dinner oder vielleicht auch einfach nur nach Hause. Aus den Strand-Restaurants dröhnt ein Dezibelbrei aus Chansons, Hip-Hop und Klassik.

Die Jury sitzt auf der Terrasse des "Martinez" beisammen, nach einigen Minuten kommt Fußball-Legende Maradona dazu, über den Emir Kusturica einen Dokumentarfilm vorbereitet. Man plaudert bei Haute Cuisine, Longdrinks und Zigarre, ermattet über die vergangenen Tage. Die Preisrichter haben in weiser Voraussicht kollektiv den Abschlussfilm "Chromophobia" geschwänzt und vertreiben sich nun die Zeit bis zum traditionellen Abschlussfeuerwerk des italienischen Pyro-Maestros Scarpato, der seinen Budenzauber mit Melodien aus Fellinis unsterblichen Klassikern unterlegen wird.

Der gute Job

Die Vergabe der Trophäen war dieses Jahr eine kurze und schmerzlose Angelegenheit. Jury-Präsident Emir Kusturica ist kein Freund von ausgedehnten Showeinlagen. "Wir fahren mit dem Gefühl nach Hause, einen guten Job gemacht zu haben", sagt Toni Morrison, Jurorin und Literatur-Nobelpreisrägerin. Das kann man unterschreiben.

"L´enfant" von den Dradenne-Brüdern, Michael Hanekes "Caché" und "Broken Flowers" von Jim Jarmusch waren die Produktionen, verriet Kusturica, von denen eine das Rennen machen würde. "Unsere Wahl fiel auf `L´enfant´, weil er mit minimalen Mitteln das Maximale erreicht hat. Das ist modernes Kino, das sich nicht dem Zuschauer verschließt. Nach diesem Kriterium sind wir vorgegangen". Mit dem Erringen der 31.000 Dollar teuren, von Chopard aus 24-karätigem Gold handgefertigen Goldenen Palme entern Luc und Jean-Pierre Dardenne den Olymp der Zweifach-Gewinner (1999 siegten sie mit dem Teenager-Drama "Rosetta", wo bereits Kusturica, Francis Ford Coppola, Bille August und Shohei Imamura sitzen. Applaus brandete im Grand Salle Lumière auf, als die Belgier ihre Ehrung der im Irak verschleppten französischen Journalistin Florence Aubenas und ihrem Führer widmeten.

Der Diktator in der Jury

Die beiden anderen Jury-Lieblinge kamen ebenfalls noch zu ihrem Recht. Jarmusch darf den Grand Prix mit nach Hause nehmen, während sich der in Paris lebende Österreicher Haneke den Regiepreis auf den Kaminsims stellen kann. Der Preis für den besten Darsteller ging entgegen der Erwartungen nicht an den "L´Enfant"-Mimen Jérémie Renier, sondern an Tommy Lee Jones für "The Three Burials of Melquiades Estrada", was umso kurioser ist, da er ja selbst Regie geführt hat. Andererseits könnte bei einem Mann dieser schauspielerischen Klasse auch ein Opossum auf dem Regiestuhl sitzen, ohne dass die Qualität darunter leiden würde. Als beste Darstellerin machte das israelische Energiebündel Hanna Laslo das Rennen, das der einzige Lichtblick in Amos Gitai sonst schwer zu ertragenden Wettbewerber "Free Zone". "Eigentlich wollte ich ja alle drei Hauptdarstellerinnen auszeichnen, aber in diesem Fall konnte ich mich als Diktator nicht durchsetzen", witzelte Kusturica in Anspielung auf seine scherzhafte Ankündigung vor Beginn des Festivals, dass er in der Jury keine Demokratie dulden würde. Augenzwinkernder Kommentar seiner Regie-Kollegin Agnes Varda: "Er hat uns mehr zugehört, als erwartet."

Wieder typisch Tommy Lee Jones hingegen das Statement, nachdem sein Film auch noch den Zuschlag für das beste Drehbuch bekommen hatte: "Das ist ganz nett für das Geschäft." Die großen Verlierer des Abends waren vier der etablierten Cannes-Teilnehmer: Weder Lars von Triers "Mandalay" und David Cronenbergs "A History of Violence", noch "Last Days" von Gus Van Sant und Wim Wenders "Don’t Come Knocking" wurden aufgerufen. Letzterem wurden immerhin mit einer 20-minütigen Standing Ovation noch die Tränen in die Augen getrieben. Und Emir Kusturica schickte ihm später noch ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg: "Ich war letztes Jahr hier und habe auch nichts gewonnen. Man ist halt ein bisschen traurig, aber so schlimm ist das nun auch wieder nicht. Man fährt nach Hause, und morgen ist wieder ein neuer Tag.

Schönes Schlusswort, Emir. A bientot und bis nächstes Jahr.


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