Tag 7 In Cannes macht sich gute Stimmung breit


Nach der positiven Resonanz auf "Die fetten Jahre sind vorbei" machte sich in der deutschen Delegation gute Stimmung breit. Auch der neue Film der Coen-Brüder trug zur guten Laune bei.

Gibt es tatsächlich etwas, das einen bei diesem an Kuriositäten, Superlativen und Wahnsinnigkeiten überbordenden Filmfestival noch schocken kann? Die Antwort ist JA - mit sehr großem J und sehr großem A. Es sind die Polizisten, es sind die Security-Guards und es sind die Bediensteten dieser Veranstaltung. Warum? Sie sind freundlich! Sie lächeln! Sie sagen "Merci"! Und sie wünschen dir auch noch einen schönen Tag! Vorbei scheinen die Zeiten, als man morgens zur Pressevorführung schüchtern seinen Ausweis - auf Neufranzösisch hier "badge" genannt, das ausgesprochen wie "bätsch" klingt, und eine unfreiwillige Anspielung auf das Tohuwabohu mit den unterschiedlich gefärbten Pässen sein könnte, aber das Thema hatten wir an dieser Stelle ja schon...

Als man also damals morgens am Eingang zur Pressevorführung seinen Ausweis zeigte, und ein grummelnder Uniformierter mit Schießschartenblick dem cinephilen Besucher das Gefühl vermittelte, gerade unter Verursachung hoher Verluste aus dem Gefängnis ausgebrochen zu sein. Nichts mehr davon! Wer weiß, woran's liegt. Vielleicht sind alle dazu verdonnert worden, während der Morgendämmerung eines jeden Festivaltages einer dienstlichen Vorführung von "Bambi" beizuwohnen. Egal.

Neues von den Coen-Brüdern

Um einiges beschwingter schlurft man dann jedenfalls zur Präsentation des neuen Werkes der Gebrüder Joel und Ethan Coen, die mit dem Remake der legendären Ealing-Komödie "The Ladykillers" bereits zum achten Mal an der Croisette vertreten sind. Statt Sir Alec Guinness spielt diesmal Hollywoods nettester Vertreter, Tom Hanks, den Chef-Gauner (mit Vollbart und falschem Gebiss), der sich mit seiner schrulligen Gang als vermeintliches Kammerorchester bei einer alten Lady einnistet, um einen Coup zu landen.

Fingerübung ohne Risiken und Nebenwirkung

Vergleiche mit dem Original aus dem Jahre 1955 sind hier ebenso müßig wie Vergleiche mit früheren Coen-Filmen. "The Ladykillers" ist eine drollige kleine Fingerübung ohne Risiken und Nebenwirkungen (die hatte hingegen Stunden später die dazugehörige Party inklusive Live-Act des Soul-Stars Jocelyn Brown im sündhaft exklusiven Restaurant "Le Cap" zu Antibes). Während der anschließenden Pressekonferenz auf die Geschwätzigkeit des von ihm gespielten Professors G.H. Dorr angesprochen, antwortete Hanks: "Er redet und redet. Solange, bis das Ganze nach einer Weile irgendwie Sinn macht." Ein Schlingel, wer bei dieser Bemerkung vielleicht reflexartig an die Filmbranche denkt...

Ovationen für deutschen Filmbeitrag

Dass die Coens in diesem Jahr mit der Goldenen Palme nach Hause fahren, ist eher unwahrscheinlich. Gemessen am Applaus-Pegel nach der Vorführung hätte der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Die fetten Jahre sind vorbei" sehr gute Chancen. Die Kunde von den Standing Ovations im Grand Théatre Lumière sorgte beim abendlichen Deutschen Empfang in der Villa Babylone für eine Verbesserung der allgemeinen Gesamtlaune, die ohnehin schon ziemlich ausgelassen war.

Deutscher Erfolg im Land des Lächelns

Schuld daran mag auch die Location gewesen sein. Nach Jahren in den viel zu großen und viel zu ungemütlichen Markthallen von Cannes, durften die Gäste nun, begleitet von relativ übersichtlichen Ansprachen der Kulturstaatsministerin Christina Weiss ("Jetzt sind wir alle frei im Kopf") und des Regisseurs Hans Weingartner ("Ich weiß jetzt gar nicht, was ich sagen soll"), die Kaltgetränke ihrer Wahl auf einer reizvoll illuminierten Pool-Terrasse einnehmen. Eine Frage konnte jedoch an diesem Abend nicht hinlänglich geklärt werden: Warum sind deutsche Filme ausgerechnet in Japan so angesagt?

Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt rätselten indes die Anwesenden bei der "Kill Bill Vol. 2"-Party, darunter Quentin Tarantino, seine neue Freundin Sofia Coppola und Mick Jagger, ob die Handgreiflichkeiten zwischen einigen Gästen, die dann von Sicherheitsleuten mit Pitbulls beendet wurden, inszeniert waren oder nicht. Geschockt hat das zumindest niemanden. Schließlich sind wir hier in Cannes.

Bernd Teichmann


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