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Christian Ulmen: Der Albtraum-Mann

Er ist kaum auszuhalten. In seiner TV-Sendung macht Christian Ulmen, maskiert als "Mein neuer Freund", den Kandidaten das wahre Leben verdammt schwer. Jetzt ist die Serie auf DVD erschienen.

Er ist eine Enttäuschung. Irgendwie. Oder eine Erleichterung. Je nachdem. Er selbst hat sich längst daran gewöhnt, Erwartungen nicht zu entsprechen. "He Ulmen, du bist echt 'n krasser Typ!", wird er mitunter von Fans begrüßt, die dann so'n bisschen traurig sind, wenn der krasse Typ bloß lächelt, statt, nun ja, eben krass zu sein. "Ich muss nicht permanent Regeln brechen. Das kann ich doch alles in meinem Beruf ausleben", sagt Christian Ulmen. Und lächelt dabei schon wieder so unspektakulär, und man schämt sich ein bisschen, weil man eine kugelsichere Weste angezogen hat und jetzt gar keine Schießerei stattfindet. Christian Ulmen sagt, dass er "vielleicht ein Arschloch geworden wäre, wenn ich es nicht ab und an im Fernsehen sein dürfte".

Und ins Fernsehen kehrt Ulmen jetzt zurück. Als Superarsch. Und als Superheld. Seine Sendung "Mein neuer Freund" wurde im Januar von ProSieben ausgestrahlt und nach einer Folge wegen Quotenmangels wieder abgesetzt. Daraufhin gab es ein beachtliches Getöse unter engagierten Ulmen-Zuschauern, Protestmails und eine Petitionsseite im Internet. Daraufhin lief die Sendung tatsächlich wieder. "Damit hätte ich nie gerechnet, das ist famos", sagt Ulmen. Beim Sender sieht man das ein wenig anders. Die Redaktion sei ohnehin auf der Suche gewesen nach einem optimalen Sendeplatz, von einem Absetzen der Sendung sei nie die Rede gewesen. Aber das will jetzt keiner hören, der Mythos vom Willen des Volkes, dass sich seinen besten Freund zurückerkämpft hatte - der ist einfach zu schön.

Dieser beste Freund stellt sich in Ulmens Sendung als schlimmster Albtraum heraus. 10.000 Euro, so das Konzept, sind zu gewinnen, wenn die Kandidaten es ein Wochenende lang mit einem fremden Typen aushalten und all ihre Freunde und Verwandten glauben machen, diese Person sei ihr neuer Freund. Und der ist immer Christian Ulmen. In acht Folgen schlüpft er in acht unterschiedliche Charaktere, die eines gemeinsam haben: Sie sind kaum zu ertragen und machen den sechs Frauen und zwei Männern das Leben zur Hölle. Fast in jeder Sendung fließen Tränen, zwei Frauen haben vorzeitig abgebrochen.

Soll man es ungewöhnliches Talent nennen oder seltsame Neigung? Nach seinem Abitur in Hamburg begann Christian Ulmen beim Musiksender MTV genau das zu tun, was man normalerweise nicht tut. Er unterhielt sich angeregt mit Schrankwänden, lief als weinender Polizist durch die Straßen, umarmte wildfremde Passanten und kassierte eine Klage, weil er als Sensenmann verkleidet in ein Beerdigungsinstitut ging und die Angestellte mit den Worten "Ich habe eine Lieferung für Sie" fast zu Tode erschreckte.

"Andere machen Nacktbaden oder blasen Frösche auf", sagt Ulmen. Sein Gesicht ist zum Glück so wenig markant, dass man alles daraus machen kann. Seine Masken sind Ulmen wichtiger als sein Aussehen. Und in seine penetranten Geschöpfe versetzt er sich so intensiv hinein, dass er sich mit ihnen gekränkt fühlt, wenn sie schlecht behandelt werden. "Ich habe auch mal Herzklopfen hinter der Maske. Es ist mir nicht in jeder Situation angenehm, einen Arsch zu spielen, und das Kostüm schützt mich nicht vor Scham."

Das Beklemmende und das Seltsame an "Mein neuer Freund" ist, als Schaulustiger mitzuerleben, wie eine fiktive Figur in ein wahres Leben hineinplatzt. Die Eltern von Franziska nehmen es hin, dass der neue Verlobte ihrer Tochter ihnen beim Essen eine Spermaprobe auf den Tisch stellt, um seine Zeugungsfähigkeit zu beweisen. Und der Macho Andre hält es aus, dass sein neuer Therapeut ihn zwingt, beim Fußballspiel mit seinen Kumpels Engelsflügelchen zu tragen. Immerhin verlassen die Gäste protestierend die Wohnung von Franziska, nachdem ihr Verlobter einer Frau aus der Freundesrunde eröffnet hat, er würde gern mit ihr schlafen und dafür selbstverständlich auch bezahlen.

Natürlich kann man

hier mal wieder die Frage stellen nach Moral und Würde und ob nicht beides verloren gehe in einer Fernsehsendung, die zeigt, was Leute zu tun bereit sind, um Geld zu gewinnen oder ein Spiel. Ulmen nennt das "ein verstörendes Experiment, bei dem nichts kaputtgeht und alle Beteiligten eine interessante Erfahrung machen". Von den Kandidaten hatten die einen das Gefühl, ihre Würde bewahrt, die anderen, sie nicht verloren und ein Spiel gewonnen zu haben. Beschwert hat sich hinterher keiner.

Christian Ulmen feiert nie seinen Geburtstag. Wenn alle Augen auf ihn gerichtet sind, ist er am liebsten gerade jemand anders. Schauspieler zum Beispiel, ein preisgekrönter sogar. Den Bayerischen Filmpreis erhielt er für die Hauptrolle im Kinofilm "Herr Lehmann", gerade abgedreht hat er mit Doris Dörrie "Der Fischer und seine Frau". Gleichzeitig arbeitet Ulmen an einem neuen Projekt, das er geheim hält, weil sonst das Experiment, das er vorhat, nicht funktionieren würde. Christian Ulmen versteckt sich weiterhin im Fernsehen. Damit er im echten Leben keine Frösche aufblasen muss.

Ildikó von Kürthy / print
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