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FILMKRITIK: Surfen im Weltall

Die unendlichen Weiten des Weltalls ersetzen in dem neuen Zeichentrickfilm »Der Schatzplanet« das Meer, das in Robert Louis Stevensons Romanklassiker »Die Schatzinsel« einst den Schiffsjungen Jim Hawkins in seinen Bann schlug.

Stevensons »Schatzinsel« kommt als »Der Schatzplanet« ins Kino

Die unendlichen Weiten des Weltalls ersetzen in dem neuen Zeichentrickfilm »Der Schatzplanet« das Meer, das in Robert Louis Stevensons Romanklassiker »Die Schatzinsel« einst den Schiffsjungen Jim Hawkins in seinen Bann schlug. Nicht in einem Raumschiff indes, sondern in einer Fregatte mit geschwellten Segeln bewegt sich Jim ab dem 5. Dezember auf den Kinoleinwändemn durchs Universum.

Der diesjährige Disney-Film zur Weihnachtssaison versucht den Spagat zwischen Elementen aus dem 18. Jahrhundert und Fantasy und Science-Fiction, wie sie mit »Star Wars« und »Star Trek« populär wurden. Vom Standpunkt der Kassentauglichkeit gesehen, ist der Mix gewiss so lohnenswert wie beim letzten Disney-Film »Lilo & Stitch«. Doch der Schatzinsel-Geschichte wird durch diese »Modernisierung« ein Gutteil ihres Charmes geraubt.

Denn das Fantasy-Design ist nicht nur inzwischen ziemlich abgeschmackt, sondern dazu überflüssig. Ganz im Stil der traditionellen Disney-Ideologie gedrechselt ist Jim Hawkins, ein vater- und haltloser Teenager, der seiner Mutter, die eine Hafentaverne besitzt, viel Kummer macht. Also muss der Junge durch seine Erlebnisse und untermalt vom sentimentalen Soundtrack geläutert werden. Nachdem Jim durch Zufall an eine holographische Schatzkarte gelangt ist, chartert er zusammen mit dem Wissenschaftler Dr. Doppler ein Schiff, um den Schatz zu bergen.

Wieso die Geschichte deshalb nicht gleich auf dem Meer belassen?

Oben wird die »Legacy« von einer smarten Kapitänin mit Katzengesicht befehligt, unten vom Cyborg-Koch John Silver, der mit seinen Kumpanen eine Meuterei plant, um selbst den Schatz zu erbeuten. Dabei erweckt der einsame Jim bei dem knorrigen John Silver Vatergefühle. Nur die Figur dieses schrägen Kombüsen-Verschwörers, der statt des Holzbeines einen mit Techno-Schnickschnack voll gestopften Metallarm besitzt und statt eines Papageis einen blasenförmigen »Morph« auf der Schulter, ist rundum originell.

Sehr süß ist auch der Morph, der jegliche Gestalt annehmen kann und dauernd Streiche spielt. Und der zerstreute Wächter von Käpt?n Flints sagenumwobenen Schatz, ein rostiger Roboter mit zu viel lockeren Schrauben, erzeugt manche Lacher. B.E.N. ist allerdings ein unverkennbarer Verwandter von R2D2, und die vielen anderen monsterhaft missgestalteten Aliens scheinen ebenfalls aus dem Star-Wars-Musterbuch zu stammen. Nur mäßig interessiert verfolgt man auch, wie die »Legacy« statt Klippen und Stürmen Supernovas und Schwarze Löcher umschifft.

Die wirkliche Attraktion des Films liegt in seiner Farbwirkung: Mit riesigem Aufwand wurden computeranimierte 2-D-Figuren im Vordergrund mit 3-D-Folien-Animation im Hintergrund vermählt. Diese wunderschönen Hintergründe beißen sich umso mehr mit den Retorten-Figuren. Wenn Jim mit seinem Surfboard durch die Lüfte gleitet, ist dies ein Augenschmaus und ein Erlebnis, wie man es nur im Kino kriegen kann: Überwältigend leuchten die Himmel in türkiser und orangener Pracht. Und die Zeichner schwelgen in allen Spiegelungen und Nuancen zwischen Tiefsee- und Azurblau, wenn sie die Farben des Wasser zeigen. Wieso die Geschichte deshalb nicht gleich auf dem Meer belassen?

Von AP-Mitarbeiterin Birgit Roschy