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Hintergrund: Kinsey-Report zerstörte Glauben an Tugend

Ein Report mit der Sprengkraft einer Atombombe: Vor mehr als 50 Jahren sprengte Kinsey das Bild von der sexuell uninteressierten Amerikanerin, die nur das Wohl ihrer Kinder im Sinn hat.

Als der US-Forscher Alfred Kinsey in den 50er Jahren über das sexuelle Verhalten der Frauen berichtete, versetzte er damit die puritanischen Gemüter seiner Landsleute in einen tiefen Schock. Im Einzelnen fand der gelernte Zoologe 1953 heraus, dass jede vierte Ehefrau in den USA es mit der Treue nicht allzu genau nimmt und weit über die Hälfte aller Bräute zwar in unschuldiges Weiß gehüllt ist, doch keineswegs unerfahren in die Ehe geht.

Was heute niemanden mehr überrascht, hatte Anfang der 50er Jahre nach dem Wortlaut damaliger Medienberichte noch die Wirkung einer "Atombombe". "Der Schleier war gelüftet", sagt der Sexualforscher John Bancroft, der heute das Kinsey-Institut in Bloomington im US-Bundesstaat Indiana leitet.

Weltweiter Bestseller

Das auf knapp 6000 Interviews mit weißen Amerikanerinnen basierende Buch machte US-Bürgern und der ganzen Welt klar, dass "Frauen viel sexueller sind als bis dahin geahnt und moralisch erwünscht". Es war ein Bestseller, der in zehn Sprachen übersetzt wurde. Kinsey räumte nicht nur mit Tabus auf. Er öffnete auch die Tür für offene Gespräche über Sex und bahnte populärwissenschaftlicheren Nachfolgerinnen wie Shere Hite und Ruth Westheimer den Weg.

Kinseys aufklärender Blick hinter die Schlafzimmerkulissen machte ihn aber auch zum erklärten Feind der Konservativen und einflussreicher Frauenverbände. Sie bezichtigten Kinsey, Moral und Sitten aufs Gröbste zu verletzen, und strengten alles an, um weitere Veröffentlichungen von ihm zu verhindern.

Auslöser einer neuen Feminismus-Welle

Kinsey war ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, als er im Januar 1948 seinen ersten Report über "Das sexuelle Verhalten des Mannes" vorstellte. Es machte ihn, den Zoologen, über Nacht zu einem der bekanntesten Sexualforscher Amerikas. Fünf Jahre später ergänzte er sein Werk mit intimsten Details aus dem Sexleben der Frauen. Sein Postulat, dass Frauen zur Befriedigung mehr brauchen als nur einen "Quickie", sprach vielen Amerikanerinnen aus dem Herzen und wurde Auslöser einer neuen Feminismus-Welle.

1894 in Hoboken im US-Bundesstaat New York geboren, hatte sich Kinsey fast 20 Jahre dem Studium der Insekten gewidmet, ehe er 1938 begann, unter die Bettdecke seiner Mitmenschen zu schauen. Dabei wahrte er strikte Anonymität und verarbeitete die Offenbarungen von insgesamt 17.000 Männer und Frauen zu trockenen Statistiken.

Kritik von Wissenschaftlern

Doch etliche Experten bezweifelten, dass sein Ergebnis für den großen Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung repräsentativ sei. Ganz besonders die Art seiner Fragestellung geriet unter Beschuss. Mediziner warfen ihm vor, zoologische Maßstäbe an Menschen anzulegen und die psychologischen Momente menschlicher Sexualität außer Acht zu lassen. Als Tierforscher fehle ihm die Qualifikation zur Beurteilung des sexuellen Verhaltens von Menschen, kritisierten sie ihn.

Ungeachtet der damaligen Kritik hat der Autor der Kinsey-Reports nichts von seiner Faszination eingebüßt. Wer Kinsey war und was er wollte, will United Artists in einem Film mit Liam Neeson in der Hauptrolle zeigen, der 2004 in die Kinos kommen soll.

Gisela Ostwald/DPA / DPA
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