Interview Fritzi Haberlandt "Das bin ja nicht ich"


Auf der Bühne zu stehen, ist für Schauspielerin Fritzi Haberlandt oft eine Last. Gut, wenn man einfach mal die Tür hinter sich zumachen kann. Demnächst ist die Schauspielerin wieder im Film zu sehen, in Judith Hermanns Bestseller "Nichts als Gespenster". Ein Gespräch über das Zuhausesein.

Frau Haberlandt, was bedeutet Zuhause für Sie?

Ich bin sehr gerne zu Hause, ich bin sehr ungerne woanders. Deswegen ist Zuhause für mich der Ort, wo ich hauptsächlich lebe: Berlin, meine Wohnung. Das ist meine Welt, mein Halt und meine Basis, das ist mir heilig. Da, wo ich die meiste Zeit meines Lebens zubringe. Mit dem Menschen, mit dem ich zusammenlebe, der ist natürlich auch mein Zuhause.

Schauspieler sagen ganz gerne, dass ihr Zuhause die Bühne ist…

Nee!

Ist das kokett?

Die Bühne ist für mich 'ne Pflicht, 'ne Aufgabe und 'ne Angst, die man bewältigen muss. Und manchmal eben auch was sehr Schönes. Ich habe hin und wieder den Eindruck, ich bin eigentlich überhaupt kein Bühnenmensch. (lacht) Ich weiß gar nicht, warum ich das eigentlich mache, mich da hinstellen, vor andere Leute. Das entspricht gar nicht meinem Naturell.

Sie meinen, ein Bühnenmensch ist jemand, der das irgendwie in sich haben muss?

Ich denke, es gibt solche und solche. Es gibt solche wie mich, die eher introvertiert sind. Und es gibt die wirklichen Exhibitionisten, die es total toll finden, alles von sich zu erzählen. Und die, die das, weeß nich … (lacht) irgendwie anders machen.

Aber wie kamen Sie denn zu dem Beruf? Irgendwann muss es doch den Punkt gegeben haben, dass Sie gesagt hast: Ja, ich mache die Ausbildung.

Ich finde Theater 'ne ganz tolle Sache, ich liebe Theater, ich liebe den Raum und die Möglichkeiten, die Theater hat. Und dass man was erzählen kann, dass man 'ne Kunst betreibt, die unmittelbar ist, die sich immer wieder verändert. Und klar, ich fand das toll: auf 'ner Bühne stehen, sich verkleiden, jemand anders sein.

Sind Sie auf der Bühne wirklich jemand anders?

Ich glaube nicht, dass ich jemand ganz anderes bin, aber es ist ein absoluter Schutz. Ich brauche 'nen Schutz, ich brauche 'ne Rolle, ich brauche ein Kostüm, ich brauche irgendwie die Ausrede: Das bin ja nicht ich. Und trotzdem ist es natürlich mein Bestreben, dass jede Rolle was von mir hat. Ich habe 'ne gewisse Körperlichkeit auf der Bühne, ich sehe aus, wie ich aussehe, ich bin wahrscheinlich eher eckig, und das wird man mir auch nicht nehmen können. Das werde ich mir selber auch nicht nehmen können, selbst wenn ich wollte.

Sie spielen im Kinofilm "Nichts als Gespenster" Marion, die weit weg vom geografischen Zuhause ist, in Venedig. Dort begegnet sie ihren Eltern, und das Gefühl des Zuhauseseins stürzt wieder auf sie ein. Darunter leidet sie auch.

Natürlich. Es ist schwierig, mit den Eltern in Italien. Und trotzdem ist es 'ne Befreiung, und trotzdem passiert irgendwas.

Was passiert denn?

Am Ende begreift Marion, dass sie Probleme mit ihrem Leben hat, da können ihr ihre Eltern auch nicht helfen. Und trotzdem liebt sie sie. Und trotzdem sind die Eltern für einen da. Die haben 'ne Funktion im Leben, auch wenn man 30 ist. Aber: Die können dir in deinem Leben nicht mehr so speziell helfen. Die können dir 'nen Rat geben. Die können zuhören. Aber sie können nicht mehr Entscheidungen für dich treffen. Oder dir was verbieten. Mit deinen Problemen musst du alleine fertig werden.

Sie sind in Berlin geboren, in Berlin aufgewachsen, haben Ihre Ausbildung dort gemacht, seit einem Jahr arbeiten Sie auch wieder dort…

Ja, klar, wahrscheinlich ist das schon Heimat. Ich lebe da auch gerne. Ich finde die Stadt zwar auch sehr anstrengend, aber auf jeden Fall: Berlin sind die Wurzeln. Die Leute sprechen so wie ich, die verstehen den Humor, ich kann mit der Ruppigkeit einigermaßen umgehen...(lacht)

Sehr viele meiner Freunde sagen, sie seien zu Hause, wenn sie nach Berlin kommen, auch wenn sie überhaupt nicht dort leben.

Na ja, weil es so 'ne große Stadt ist, bietet sie auch vielen Leuten die Möglichkeit, sich da zu Hause zu fühlen. In Berlin kann jeder kommen, von wo auch immer, kann sagen, ich bin jetzt Berliner, wohn jetzt hier, bin jetzt ooch im Prenzlauer Berg … (lacht) In Metropolen geht das, da kann man ein Teil der Metropole sein, ohne wirklich tief drin zu sein in der ganzen Geschichte. Je kleiner ein Ort ist, umso schwieriger ist das. In 'nem echten Dorf zu Hause zu sein, ist ja viel schwieriger. Wenn du da zugezogen bist, dann bleibt deine Familie noch über Generationen "die Zugezogenen".

Dieses ganze Gespräch, das wir hier führen, ist ja ein Gespräch von Leuten, die den Luxus haben, sich zwischen Städten entscheiden zu können. Es gibt in "Nichts als Gespenster" die Episode "Freundinnen": Ruth sagt da am Anfang, dass sie sehr unglücklich sei, in einer Kleinstadt zu wohnen, aber sie muss, weil sie als Schauspielerin dort sein muss, wo sie ein Engagement bekommt.

Nach der Schauspielschule gehen ja viele woanders hin, und das ist für Leute, die ursprünglich aus Berlin kommen, der härteste Schritt, glaube ich. Aus Berlin dann wegzugehen, mit Mitte 20! Da denkt man doch gerade, man muss nach Berlin gehen! Es ist ja viel leichter, aus 'ner kleineren Stadt zu kommen und zu sagen, jetzt bin ich 20, jetzt gehe ich nach Berlin. Und dann wegzugehen, ist schwer. Aber total wichtig. Weil, auch Berlin ist nur irgendeine Stadt. Und man muss irgendwie gucken, dass man ab und zu irgendwas anderes hat.

Sie sind nach der Schauspielschule für ein Jahr nach Hannover…

Das war super. Ich habe noch nie so viele Filme gesehen wie in diesem Jahr. Was soll man da auch machen? Ich war im Theater oder im Kino. Außerdem: Je größer die Stadt, umso weniger ist man mit seinen Kollegen zusammen, man sieht sich kaum außerhalb der Probenzeit, weil jeder seinen eigenen Freundeskreis hat.

Sie sind kein Model. Das heißt: In Modeshootings sind Sie beruflich nicht zu Hause…

Ich bin bei so etwas immer eher skeptisch. Weil ich das nicht kann, ich bin das nicht von Beruf, mir ist das auch peinlich. Wenn ich keine Rolle habe, und man sagt mir, mach doch einfach mal - dann schaffe ich das nicht. Aber nur ich selber sein geht auch nicht, weil, ich habe irgendwelche verrückten Klamotten an. Mensch, so ein Model, wie die das macht, das bewundere ich. Weil ich das wirklich schwierig finde.

Was halten Sie davon, wenn jemand am liebsten Dinge macht, die er eigentlich nicht besonders gut kann? Ich finde das eine ganz charmante Herangehensweise: dass man Fehler zulässt und dass man sich in einem bestimmten Bereich auch nicht zu Hause fühlen darf.

Da braucht man aber auch ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich hasse es, wenn ich Dinge nicht kann, weil mich das so grundsätzlich infrage stellt. Im Gegenteil, ich möchte Dinge total gut können und dann machen, alles andere ist für mich 'ne totale Qual. Auch heute beim Shooting musste ich erst mal total über meinen Schatten springen und sagen: "Du! Das kann grad ganz peinlich aussehen, mach es jetzt einfach mal!" Das fällt mir schwer. Weil ich mir das selber nicht glaube oder weil ich dann so einen Perfektionismus entwickle, der natürlich bekloppt ist.

Ist das nicht langweilig, Sachen total gut zu können?

Na ja, man muss sich ja bemühen, das jedesmal gut zu können. Und das ist dann nicht langweilig, finde ich. Das ist ja gerade der Witz am Theaterspielen: dass ich versuche, es jeden Abend gut zu machen. Und das ist total anstrengend. Weil man es ja nicht immer schafft. Ich kann die Vorstellung nicht einfach so spielen. Das schaff ich nicht.

Ein Kollege meinte, das Zuhause sei für ihn der Ort, wo er im Trainingsanzug herumläuft.

Auf jeden Fall. Ich finde, es muss einen Ort geben, wo keiner reingucken kann. Es gibt bestimmte Bereiche in meinem Privatleben, die gehen einfach niemand was an. Und deswegen ist das Zuhause der Ort, wo man so sein kann: Den ganzen Tag hat man so getan, als hätte man alles im Griff, und abends kann man dann auch ruhig mal die Tür zumachen und zweifeln oder doof sein oder langweilig sein oder so.


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