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Jan Josef Liefers "Opportunismus ist eine große Triebkraft"


Passend zum Einheitstag zeigt das ZDF die Nachwende-Geschichte "Die Nachrichten". stern.de sprach mit Hauptdarsteller Jan Josef Liefers über das Vergessen, den Ost-West-Gegensatz - und die großen Triebkräfte der Weltgeschichte.

In dem Film "Die Nachrichten" kommt der von Ihnen gespielte Jan Landers, aus der ehemaligen DDR - wie Sie. Haben Sie den Satz "Der Jan kommt aus dem Osten, dem muss man das erklären" schon mal gehört?

Nein, aber den Satz, den Jan Landers auch zu hören bekommt: "Du kommst aus dem Osten? Das merkt man gar nicht!" Meine Gegenfrage war immer: "Woran willst du das denn merken?" Ich habe nie eine schlüssige Antwort darauf bekommen.

Es gibt einige Parallelen zwischen dem Nachrichtensprecher Jan Landers und Jan Josef Liefers: Beide sind nach dem Fall der Mauer aus dem Osten nach Hamburg gekommen und leben in einer von Wessis dominierten Umwelt. Wieviel Landers steckt in Liefers?

Einiges habe ich an dem Jan Landers sofort verstanden, anderes gar nicht. Als ich damals Anfang der 90er Jahre nach Hamburg kam, war die Umstellung für mich gar nicht so groß. Konsum hat mir nie viel bedeutet, insofern ist mir der große Kulturschock erspart geblieben. Es war eher umgekehrt: Ich war in den ersten Wochen überrascht, wie ähnlich es in Ost und West doch läuft. Geh' mal auf eine Behörde, da denkst du, du bist im Osten.

Können Sie nachvollziehen, dass sich Jan Landers an bestimmte Dinge aus seiner DDR-Zeit gar nicht mehr erinnern kann?

Ja, das kann ich. Ich weiß nicht, wie das mit einer Verpflichtungserklärung bei der Stasi ist, ob man sich daran nicht mehr erinnert. Das hat mich bei Politikern schon immer fasziniert, wie die denken können, dass das unerkannt bleibt. Bis zum Schluss haben manche ihre Stasi-Mitarbeit geleugnet, bis es nicht mehr ging. Das habe ich nie verstanden.

Mir ist aber andererseits auch aufgefallen, dass ich manches völlig vergessen habe. Wenn ich aber manchmal alte Fernsehbilder aus DDR-Zeiten sehe, bin ich immer erschrocken darüber, wie spurlos das an mir vorbeigegangen ist, wie weit weg das ist. Es gibt viele Dinge, an die ich mich erinnere, aber die ganzen gesellschaftlichen Ereignisse sind seltsam entfernt. Ob man sich nicht daran erinnert, wenn man bei der Stasi unterschrieben hat, weiß ich nicht. Aber vielleicht. Wer erinnert sich schon gerne an die Momente, in denen man lausig war?

Jan Landers ist ein Mensch, der sich völlig neu erfindet. Er zieht in den Westen, fängt bei Null an. Er blendet seine Vergangenheit völlig aus und verschweigt die wahren Berufe seiner Eltern. Gab es auch Momente in Ihrem Leben, wo Sie sich neu erfunden haben?

Nein. Und der Landers: Mein Gott, der flunkert ein bisschen herum, der wertet die Berufe seiner Eltern auf, aber es steckt ja auch Kindheit dahinter. Ich weiß gar nicht, ob der Landers jemand ist, der sich neu erfindet. Der hat sich schon immer für bestimmte Dinge interessiert, und war nie ein Karrierist. Der hat eher so Dinge getan, die ungewöhnlich waren. Der Westen bietet ihm nun eine unglaubliche Perspektive. Dabei schmiert er niemandem Honig ums Maul. Er ist kein Übermensch, der ist ein ganz normaler Typ, über dessen Leben die Sonne aufgeht und plötzlich ist alles ganz toll. Er nimmt sich eben, was man ihm anbietet.

Vielleicht ist er auch ein Stück weit ein Opportunist, wenn man diesen negativen Begriff verwenden will. Andererseits: Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, dann ist Opportunismus auch eine große Triebkraft, nicht unterzugehen.

Wie groß ist der Ost-West-Gegensatz 15 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Die Wiedervereinigung war 1990 ein spektakuläres Thema. Aber heute wird der Osten nur noch aus dem Hut gezaubert, wenn man ihn braucht: Einmal, wenn man erklären will, warum das Land gerade in großen Schwierigkeiten ist, und das andere Mal bei Wahlen. Der Kern des Problems ist, dass die Politiker aus der Generation von Edmund Stoiber den Osten einfach nicht verstehen. Du kannst nur etwas verstehen, wenn du dich damit beschäftigst. Es hat aber keiner ein Interesse an den Menschen im Osten.

Hat die Schleichwerbungs-Affäre im Zusammenhang mit dem WDR-"Tatort" für Sie negative Auswirkungen?

Das ist schon ein Problem. Es gibt immer weniger Geld für die Filme, alle müssen sparen. Wir haben schon zwei Drehtage weniger für ein extrem erfolgreiches Format wie den "Tatort", selbst da wird gespart. Die Gagen gehen runter, die Budgets stagnieren oder schrumpfen, aber der Anspruch an Filme ist eher gestiegen. Das kann man nicht mehr kompensieren. Wenn du einen guten Film machen willst, arbeitest du 12, 14 Stunden, so sind die Arbeitstage. Da gibt es keinen Feierabend.

Hat Ihre Rolle als Professor Börne im "Tatort" negative Auswirkungen auf Ihre Karriere gehabt? Sind Sie jetzt auf diese Rolle festgelegt?

Diese Befürchtung hatte ich zunächst. Es ist aber genau das Gegenteil passiert: Fast zeitgleich mit dem "Tatort" haben sich völlig neue Themen eröffnet. Regisseure, die mich in den letzten zehn Jahren nicht einmal angerufen haben, melden sich plötzlich und wollen mit mir arbeiten.

Interview: Carsten Heidböhmer

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