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Kino-Halbjahresbilanz 2007: In der Fortsetzungsfalle

Im ersten Halbjahr 2007 mussten die deutschen Kinobetreiber einen massiven Zuschauerrückgang verzeichnen - und das trotz des mauen Sommers. Wenn etwas ging, dann waren es Fortsetzungen. Es fehlt an frischen Ideen.

Von Carsten Heidböhmer

Manchmal ist auch in einem Erfolg eine Niederlage versteckt. Die aktuellen Zahlen für das erste Halbjahr 2007 sind ein gutes Beispiel für ein solches Paradoxon. Mit einem Minus von geschätzten zehn Prozent - die exakten Zahlen liegen noch nicht vor - waren die ersten sechs Monate dieses Jahres ein einziges Debakel für Kinobetreiber und Filmverleiher. Und das trotz des schlechten Sommerwetters. Vergegenwärtigt man sich, dass die Lichtspielhäuser im Juni des Vorjahres wegen der Fußball-WM quasi leer blieben, so wird der Rückgang umso bedrohlicher.

Dass die Bilanz nicht noch schlimmer ausfiel, ist zehn Filmen zu verdanken, die die Millionengrenze übersprangen. Klare Nummer eins: "Pirates of the Caribbean 3", den bislang 5,4 Millionen Zuschauer sehen wollten. "Spider-Man 3" lockte mehr als drei Millionen Menschen in die Kinos; 2,4 Millionen interessierten sich für die "Wilden Kerle 4". Auch "Ocean's 13" und "Shrek der Dritte" knackten die Million (Stand: 24. Juni).

Der dritte oder vierte Aufguss

Ist nun doch alles gar nicht so schlimm? Können sich die Filmschaffenden also beruhigt zurücklehnen und auf bessere Zeiten hoffen? Keineswegs. Denn all diese Kassenknüller haben eines gemeinsam: Es handelt sich um Fortsetzungen, und zwar die wiederholte. Es ist der dritte, im Fall der "Wilden Kerle" sogar schon der vierte Aufguss eines erfolgreichen Konzepts. Und davon wird es in diesem Jahr noch einige mehr geben: Gerade ist "Stirb langsam 4.0" in den Kinos angelaufen, in der kommenden Woche soll die fünfte "Harry Potter"-Verfilmung für volle Kassen sorgen. Im August kommt "Rush Hour 3", im September wird die "Bourne"-Reihe mit Matt Damon fortgesetzt. Diese Reihe ließe sich beliebig fortführen.

Auch wenn die Filmbranche damit momentan gut fährt: Auf Dauer wird es nicht reichen, bewährte Formate in Serie zu geben. Das mag eine Zeitlang gut gehen - irgendwann wird der Zuschauer jedoch Neues verlangen. Spätestens dann bekommt die Filmindustrie aber ein Problem: Woher sollen neue Stoffe kommen, wenn man derzeit auf Altbewährtes setzt? Wie ernst die Krise ist, ergab ein Anruf beim Verband der Filmverleiher. Dort war man heute für eine Stellungnahme nicht zu sprechen.

Der deutsche Film enttäuscht

Während im vergangenen Jahr immer wieder kleine, charmante heimische Filmproduktionen gab, die die Herzen der Zuschauer eroberten - "Sommer vorm Balkon" oder "Wer früher stirbt ist länger tot" sind solche Fälle -, enttäuscht gerade der deutsche Film bislang. Weder Dani Levys als Tabubruch angekündigte Hitler-Parodie "Mein Führer" noch die Bestseller-Verfilmung "Vollidiot" mit Oliver Pocher in der Hauptrolle konnte das Publikum überzeugen. Selbst Fortsetzungen funktionierten nicht immer: "Neues vom Wixxer" blieb ebenso unter der Million wie "Rennschwein Rudi Rüssel 2" und "Die wilden Hühner und die Liebe".

Das sollte den Filmschaffenden zu denken geben: Wenn selbst Wiederholungen bewährter Konzepte keinen Erfolg bringen, wird es höchste Zeit, jungen Talenten eine Chance zu geben. Gerade in Zeiten, wo Hollywood nichts Besseres einfällt als auf Altbewährtes zu setzen, müsste der deutsche Film in die Bresche springen und mit frischen, lebensnahen Geschichten das Publikum überraschen. Der Erfolg von Marcus H. Rosenmüllers "Wer früher stirbt ist länger tot" sollte dabei als Vorbild dienen.