HOME

Kino: Jesus-Film von Mel Gibson unter Beschuss

Theologen, die das Drehbuch zu Gibsons Film "The Passion" gelesen haben, prangern antisemitische Klischees und die Verdrehung von Apostel-Überlieferungen an.

Lange vor dem Kinostart sorgt der Jesus-Film von Hollywoodstar Mel Gibson ("Braveheart") in den USA für Schlagzeilen. Eine Gruppe Theologen, die das Drehbuch zu dem Film "The Passion" gelesen hat, prangert antisemitische Klischees und die Verdrehung von Apostel-Überlieferungen an. Die hitzige Kontroverse um den Streifen, der im Frühjahr 2004 in die Kinos kommen soll, wird durch kritische Artikel in der "New York Times" und durch leidenschaftliche Äußerungen von Gibson-Verfechtern geschürt.

Gespaltene Lager

Pastor Ted Haggard, ein fundamentalistisch-konservativer Protestant, vergleicht Gibson mit "Michelangelo, der ein unglaubliches Kunstwerk geschaffen hat". Der Präsident der "National Association of Evangelicals" zählt zu einer kleinen Gruppe von Wohlgesinnten, denen Gibson eine Rohfassung des Films vor wenigen Wochen zeigte. "Mels Film ist vielleicht anschaulicher und brutaler als andere Passions-Darstellungen, aber er hält sich an die Fakten", sagte Haggard. Über Vorwürfe von antisemitischen Tendenzen könne er nur lachen.

Juden als "blutrünstig, rachsüchtig und geldgierig" dargestellt

Die Theologie-Professorin Mary Boys befürchtet dagegen Schlimmes, wenn die endgültige Filmversion dem Drehbuch entspricht, das sie im Frühjahr mit einer Gruppe katholischer und jüdischer Gelehrten zu lesen bekam. "Ein Film nach diesem Drehbuch kann den Juden-Hass schüren", sagte Boys. Die Juden würden durchgängig als "blutrünstig, rachsüchtig und geldgierig" dargestellt. Die Rolle des römischen Statthalters Pontius Pilatus, der die Kreuzigung Jesu anordnete, werde dagegen heruntergespielt.

Gibson wiegelt ab

So lauten einige der Vorwürfe, die das besorgte Theologen-Team im Mai an Gibsons Produktionsfirma Icon herantrug. Ihre Anfrage, den Film zu sehen, wurde jedoch abgelehnt. Icon wirft der Gruppe vor, sich das Skript illegal beschafft zu haben und drohte sogar mit einer Klage. Das Drehbuch wurde ihnen zugespielt, verteidigen sich die Theologen. In einem Interview mit der Filmzeitschrift "Daily Variety" äußerte sich Gibson zu seinem umstrittenen Projekt: "Weder ich noch mein Film sind antisemitisch", sagte der Regisseur. Der Film halte sich an die Botschaft des Neuen Testaments und handle von "Glauben, Hoffnung, Liebe und Vergebung".

Lang gehegter Wunschtraum

Der strenggläubige Actionheld, siebenfacher Vater und in erster Ehe verheiratet, hat sich mit der Passions-Verfilmung einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Das 25-Millionen-Dollar-Projekt finanzierte er aus eigener Tasche. Im April schloss er die Dreharbeiten mit den Hauptdarstellern James Caviezel und Monica Bellucci in einem römischen Studio ab. Der Film über die letzten Stunden im Leben Jesu wurde in Latein und Aramäisch gedreht. Die Bilder sprechen für sich, erklärte Gibson.

Auf Distanz zum Papst

Im kalifornischen Malibu finanziert der fromme Hollywoodstar eine Kirche, in der die Messen in Latein gelesen werden. Gibson gilt als Anhänger der konservativen Traditionalisten, die sich in den 60er Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der römisch-katholischen Kirche und den nachfolgenden Päpsten distanzierten.

Keine "bessere und billigere Werbung"

Nach ihrer offenen Drehbuch-Kritik habe sie Hassbriefe und E-Mails mit antisemitischen Sprüchen erhalten, sagt die Katholikin Mary Boys. Darunter der Vorwurf, dass die Theologen die "Wahrheit" über die "bösen Juden" unterdrücken und Gibsons Film diskreditieren wollten. Pastor Haggard, der den Film in höchsten Tönen lobt, heißt die hitzige Kontroverse als Werbung willkommen. "Bestimmt hatte Gott die Hand im Spiel diese Debatte auszulösen", sagt der konservative Protestant. "Eine bessere und billigere Werbung hätte sich Mel Gibson gar nicht wünschen können."