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New Yorker Geschichten: Das 50-Millionen-Dollar-Gebäude

Vergessen Sie das Guggenheim oder das MoMa. New Yorks Hipster treffen sich jetzt im herrlich abgerockten Stadtteil Lower East Side. Denn dort ist gerade das "New Museum of Contemporary Art" hingezogen - in ein 50 Millionen Dollar teures Design-Gebäude.

Von Ulrike von Bülow

Auf der Bowery nachts um halb eins ist die Stimmung bestens. Draußen sind null Grad, es weht ein unerträglich kalter Wind, aber die Menschenschlange vor dem "New Museum of Contemporary Art" ist etwa fünfzig Meter lang; sie endet irgendwo um den Block auf der Stanton Street. Das Museum für zeitgenössische Kunst hat vor zwölfeinhalb Stunden eröffnet, am Samstagmittag, und es wird seine Glastüren zur Feier des ersten Tages erst am Sonntag Abend wieder schließen; hier wird heute durchgemacht.

Um diese Zeit stehen in der Schlange die schönen, jungen Menschen New Yorks, die fast alle schwarze Jacken tragen und diese Jeans, die so eng sind wie Leggings. Manche halten sich an einem Bier fest, das in der üblichen braunen Papiertüte steckt. Vielleicht kann man sich die Kälte schön trinken, jedenfalls ist auf der Straße sehr fröhliches Stimmengewirr zu hören. Es scheint so, als sei das hier heute Nacht the place to be.

Der Bau an sich ist schon Kunst

Das "New Museum of Contemporary Art" gibt es schon seit 30 Jahren, aber es war bislang in SoHo zuhause, in einem eher unauffälligen Loftgebäude, und nun ist es auf die Lower East Side gezogen: In einen Bau, der 50 Millionen Dollar gekostet hat, der an sich schon Kunst genug ist - und darum überall groß gefeiert wird: "Es ist die Art von Gebäude, das den Glauben an die Stadt New York erneuert, an einen Platz, an dem Kunst nicht nur gekauft und verkauft, sondern auch gelebt wird", schreibt etwa die New York Times. MoMa, Guggenheim? Dieser Tage nicht so spannend. Gott und die Kunstwelt reden vom "New Museum of Contemporary Art".

Schuhkartons aus Aluminium

Auf der Eingangsetage mit seiner Glasfassade stapeln sich sechs verschieden hohe und verschieden breite Stockwerke, die aussehen wie gigantische Schuhkartons aus Alu, die jemand achtlos aufeinander getürmt hat. Als die beiden Architekten, die Japaner Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, das Gebäude entwarfen, stellten sie sich eine Reihe von Galerien vor, die nicht nebeneinander stehen sollten. Das "New Museum" ist das einzige Museum in New York, das ausschließlich Moderne Kunst ausstellt. Es wurde einst von Marcia Tucker gegründet, die als Kuratorin im Whitney Museum entlassen worden war. Dort wurden ihre Ausstellungen als zu fortschrittlich eingestuft. Ihr neues Museum sollte ein Brutkasten für neue Ideen sein, sagte Frau Tucker damals. Im vergangenen Jahr starb die Gründerin, und über das, was nun hier an der Bowery ausgebrütet worden ist, kann man geteilter Meinung sein.

Das Ende der Lower East Side

Das "New Museum of Contemporary Art" sieht zweifellos interessant aus, und es bildet einen hübschen Kontrast zu den baufälligen Häusern drum herum, in denen es Läden gibt, die Restaurant-Zubehör verkaufen und Möbel, die man nicht geschenkt bekommen möchte. Die Lower East Side ist ein herrlich abgerockter Teil New Yorks, in dem fast alles noch so ist, wie es einmal war. Früher war die Gegend keine, in der man gern ausging - zu gefährlich. Aber dann kam der Bürgermeister Rudy Giuliani, der wie Rambo durch die Stadt marschierte und aufräumte, und neuerdings wird jedes der niedrigen Häuser, die hier abgerissen werden, durch einen alles überragenden Hochglanzbau ersetzt. Es ist zu befürchten, dass mit dem Museum die Touristen kommen und mit den Touristen dann Starbucks, H&M und Co. – und dann wird auch auf der Lower East Side fast alles so sein, wie es anderswo schon ist.

Die Kunst schmilzt dahin

Erstmal rennen sie nun alle in die Eröffnungsausstellung, die da heißt: "Unmonumental: The Object in the 21st Century", und die Objekte, die vom 2. Dezember 2007 bis zum 23. März 2008 gezeigt werden, finden die schönen, jungen Menschen, die sich in dieser Nacht gegen ein Uhr im "New Museum" aufhalten, "pretty interesting" und "crazy!". An den Wänden hängt keine Kunst, sie sind weiß, der Steinboden ist grau, und in Etage zwei steht eine Art Schrank in schweinchenrosa, darin überall Löcher, verschieden groß, und aus den Löchern hängen Gürtel aller Art heraus, mit Nieten oder ohne, aus Schlangenleder oder Stoff. Jim Lambie, der Künstler, nennt es "Split Endz", und wenn man von Kunst soviel versteht wie Kermit, der Frosch, denkt man: Aha, und?

Verständlicher ist da das Werk in Etage drei: In der Mitte der Raumes steht ein Frau aus Wachs, lebensgroß, sie ist nackt, hat langes, braunes Haar, aber das brennt so langsam runter. Diese Frau ist eine Kerze, sie wurde vor zur Eröffnung am Mittag um zwölf entzündet. Der Künstler Urs Fischer hat sie geschaffen – am Ende der Ausstellung soll nichts mehr von ihr übrig sein. Wie praktisch.

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