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"Der seltsame Fall des Benjamin Button": Die Leiden des alten Brad Pitt

Jeden Tag jünger, fitter und begehrenswerter werden - ein Traum! Ausgerechnet Brad Pitt, der ohnehin schon hübscher ist als die meisten Menschen, darf in seinem neuen Film das erleben. "Der seltsame Fall des Benjamin Button" könnte ihm seinen ersten Oscar einbringen - hat er ihn verdient?

Von Anja Lösel

Das Leben würde unendlich viel glücklicher verlaufen, wenn wir mit 80 geboren würden und uns langsam auf 18 zu bewegten", hat Mark Twain mal behauptet. Nun ja, "Der seltsame Fall des Benjamin Button" spielt die Idee durch, und zwar bis zum bitteren Ende. Und plötzlich hat man das Gefühl, dass es gar nicht so super ist mit dem Jüngerwerden.

Benjamin Button lebt sein Leben rückwärts. Bei der Geburt sieht er so alt und verschrumpelt aus, dass sein erschreckter Vater ihn für eine Missgeburt hält und auf den Stufen eines Altersheimes aussetzt. Dort findet ihn Tizzy, die gute Seele des Hauses. Inmitten der Alten wächst Benjamin auf - ein verknitterter Greis mit dem Geist eines Kindes.

Ein siebenjähriger Lustgreis

Natürlich verliebt Benjamin sich in das einzige junge Mädchen weit und breit: Daisy, die Enkelin einer der Damen aus dem Altersheim. Natürlich spüren Daisy und Benjamin eine Seeelenverwandtschaft. Und natürlich gerät Benjamin in Verdacht, ein Lustgreis zu sein, weil er sich an die Siebenjährige ranmacht. Dabei ist er doch selbst erst sieben und muss erst leben und lieben lernen.

Also begibt er sich auf Wanderschaft, macht Bekanntschaft mit Alkohol, Sex, Krieg und sonstigen Widrigkeiten des Lebens. Daisy (Cate Blanchett) bleibt seine große Liebe. Daran kann auch die wunderbare Tilda Swinton nichts ändern, die Benjamin in einer viel zu kurzen Sequenz als geheimnisvoll-schöne Diplomatenfrau in die Geheimnisse des raffinierten Flirts einweihen darf.

Trotz Liebe und Herzschmerz bleibt mit Daisy alles schwierig. Weil Benjamin immer jünger und sie immer älter wird, finden sie nur für kurze Zeit zusammen. Mal ist er zu alt für das kleine Mädchen mit den hübschen roten Haaren. Dann wieder zu jung für die reife Dame Daisy. Trotzdem begleiten sie einander durchs Leben, er entwickelt sich zurück zum Twen und zum Teen, bis er am Ende als Baby in ihren Armen stirbt.

150 Millionen Dollar für die Maske

Das klingt schmalzig und ist es auch. Fast drei Stunden schwelgt man in altmodisch bräunlich eingefärbten Bildern vom immer hübscher werdenden Brad Pitt, der in dieser Rolle für den Oscar als bester Schauspieler nominiert wurde. Und mehr und mehr reift der Verdacht, dass Regisseur David Fincher den Streifen nur machte, weil Hollywood hier endlich mal alle Tricks und Finten der Maskenbildner und sämtliche möglichen Computeranimationen und technischen Raffinessen zeigen kann (Kosten: 150 Millionen Dollar). Dementsprechend ist der Film Oscar-Kandidat für Ausstattung, Maske sowie Make up, insgesamt ist das Werk 13 Mal nominiert.

Keine Nominierung hat allerdings die makellos schöne Cate Blanchett bekommen, die in eine schrumpelige Alte auf dem Totenbett verwandelt wird. Mädchenschwarm Brad Pitt zittert als Knittergreis im Rollstuhl, nur um 70 Filmjahre später als knackiger Segler mit nacktem Oberkörper dem Sonnenuntergang entgegen zu fahren. Hübsch muskulös, braungebrannt und appetitlich wie damals, als er in "Thelma und Louise" Scharen von Frauen mit seinem Waschbrettbauch verzückte. Später können wir ihn sogar ganz kindlich-süß als Zehnjährigen bewundern - alles Dank Tricks und Schminkkunst. 24 Silikon-Masken wurden für Pitt geformt, jede kostete rund 15.000 Euro. Mit feinsten Pinselchen wurden Adern, Hautunreinheiten, Haare und Altersflecken aufgetragen, bis alles lebensecht aussah. Fünf Stunden dauerte das Auftragen der Maske, zwei Stunden das Abschminken. Tortour und höllische Arbeit. Das mag ein Fest für Brad-Pitt- Fans sein. Aber was machen die anderen?

"Reifeprüfung" und "Forrest Gump"

Im besten Fall vergessen sie irgendwann, dass dieses penetrante Jüngerwerden eine ziemlich unwahrscheinliche und märchenhafte Sache ist, und leiden mit dem armen Brad-Benjamin und der süßen Cate-Daisy, wie sie den rechten Augenblick für ihre Liebe suchen - und doch wissen, dass alles ein böses Ende nehmen muss. Genießen die hübsche Anspielung auf den Film "Reifeprüfung". Und sehen hinweg über die lächerlich vielen Parallelen zu "Forrest Gump", obwohl sich darüber schon einige Parodien im Internet lustig machen. Immerhin ist die Geschichte von "Benjamin Button" romantisch, rührend und manchmal sogar zum Weinen schön. Ein Märchen über Altern und Vergänglichkeit, über den Verlauf der Zeit und über den Tod. Und im schlimmsten Fall? Ist man genervt von einer vorhersehbaren Story, einem selbstverliebten Schauspieler und einem viel zu langen Film. Ob Brad Pitt dafür einen Oscar bekommen wird? Eher nicht. Er ist doch immer nur Brad Pitt, niemand anderes. Ganz hübsch und ein bisschen langweilig.