Der Goldene Bär der 76. Berlinale geht an einen deutschen Regisseur: İlker Çatak ist der erste deutsche Filmemacher seit Fatih Akin, der bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin den Hauptpreis erhält. Akin, wie Çatak in Deutschland als Sohn türkischer Einwanderer geboren, hatte die begehrte Trophäe zuletzt 2004 für "Gegen die Wand" nach Hause getragen.
Çataks Gewinnerdrama erzählt die Geschichte von zwei türkischen Theaterkünstlern, die durch politische Verfolgung der autoritären Regierung ihres Landes ihre Arbeit verlieren. Der Film spielt in Ankara und Istanbul, wurde aber komplett in Deutschland gedreht.
Jury-Präsident Wim Wenders würdigte "Gelbe Briefe" bei der Preisverleihung als ein Drama über "die politische Sprache des Totalitarismus im Gegensatz zur empathischen Sprache des Kinos".
Sandra Hüller glänzt erneut
Neben Çatak durfte sich auch Sandra Hüller über eine Auszeichnung freuen. Sie erhielt den Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung. In "Rose" des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer spielt Hüller eine Frau, die sich im ländlichen Deutschland des 17. Jahrhunderts als Mann ausgibt.
Für Hüller ist es eine weitere herausragende Rolle nach ihrer Oscar-nominierten Darbietung in "Anatomie eines Falls". Die Auszeichnung ist der zweite Silberne Bär für die Thüringerin, die bereits im Jahr 2006 für ihre Rolle in "Requiem" als beste Darstellerin ausgezeichnet worden ist.
Bei der Zeremonie sorgte Hüller für einen besonderen Moment, als sie vor dem Entgegennehmen ihrer Trophäe Jurymitglied Ewa Puszczyńska - ihre Produzentin bei "The Zone of Interest" - kurzerhand auf die Lippen küsste.
Die weiteren Gewinner
Den Silbernen Bären für die beste Nebenrolle erhielten die britischen Schauspieler Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay für ihre Darstellung eines alternden Ehepaares in Lance Hammers "Queen at Sea". In dem Drama verkörpert Calder-Marshall eine Frau mit schwerer Demenz, während Courtenay ihren liebevollen Ehemann und Pfleger gibt. Der Film wurde zudem mit dem Silbernen Bären als Preis der Jury ausgezeichnet.
Weitere Preisträger der diesjährigen Berlinale: Den Großen Preis der Jury in Silber erhielt Emin Alper für "Kurtuluş" (Salvation). Der Silberne Bär für die beste Regie ging an Grant Gee für das Biopic "Everybody Digs Bill Evans". Geneviève Dulude-de Celles wurde für "Nina Roza" mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch geehrt, und Anna Fitch sowie Banker White erhielten die Auszeichnung für eine herausragende künstlerische Leistung für ihren Film "Yo (Love is a Rebellious Bird)".
Politisch aufgeladene Zeremonie
Die Preisverleihung war von Beginn an politisch aufgeladen. Im Laufe des Abends stieg die politische Temperatur merklich an - viele Filmschaffende nutzten die Bühne für politische Statements. Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle räumte in ihrer Eröffnungsrede bereits ein, dass sich diese Festivalausgabe "roh und gespalten" angefühlt habe. Trauer und Wut über das Weltgeschehen gehörten zur Festival-Gemeinschaft, Debatte sei Teil der Demokratie. Weiter sagte sie: "Wenn diese Berlinale laut und emotional aufgeladen war, dann ist das kein Versagen des Kinos. Das ist die Berlinale, die ihre Aufgabe erfüllt. Das ist das Kino, das seine Aufgabe erfüllt."