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Psychologie: "Geschmacklosigkeit ist unendlich"

Warum bleiben wir vor dem Fernsehen kleben, gerade wenn's unansehnlich wird? Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz über den Reiz von Scheinwelten und echte Schmerzen.

Herr Bolz, warum putzen die Deutschen so gern ihre Stars runter?

Wir haben ein Problem mit der Bewunderung. Das ist typisch deutsch. Außerdem sind wir eine ausgeprägte Neidgesellschaft - bei uns werden Stars lieber gehauen als gestreichelt. Wir brauchen immer das Gefühl: Die sind keinen Deut besser als du. Das Vergnügen besteht darin, den Star zu demontieren, ihn bis zu dem Punkt zu quälen, an dem seine Fassade zu bröckeln beginnt.

Viele Zuschauer bezweifeln, dass im Camp alles mit rechten Dingen zuging. Auf einer Website vermuten Daniel-Küblböck-Fans, der Urwald sei in Wahrheit ein Studio in Köln.

Die Leute sind heute medial sehr aufgeklärt und daher misstrauisch, weil sie gelernt haben, dass Fernsehen oft mehr Schein als Sein ist. Wenn Frau Beil jedoch echte Bissspuren von Straußen vorzeigen kann, legt sich dieser Argwohn. Schmerz steht in dieser Show für Wirklichkeit, der Zuschauer bekommt das Gefühl: Hey, das könnte doch echt sein. Natürlich aber ist die ganze Sendung nur eine neue Form der Inszenierung.

Aus lauter alten Elementen.

Natürlich, im Grunde haben wir es ja hier mit einem umgestülpten Big-Brother-Container zu tun. Hier kann man prima Gruppenprozesse beobachten, die man so verdichtet im wirklichen Leben nie zu sehen bekommt. Das ist echtes Lernfernsehen.

Warum machen Stars bei so etwas mit?

Sicher waren sie nicht naiv, diese Leute sind Profis. Sie bekommen für die Show Geld und können danach vom erhöhten Bekanntheitsgrad profitieren - das sind ganz klar finanzielle Gründe.

Aber bekommt, wer sich zum Affen macht, überhaupt noch seriöse Angebote?

Klar. Diese Stars haben längst begriffen, wozu das Feuilleton noch ein bisschen braucht: dass nämlich der Begriff Trash-TV gar nicht mehr taugt. Müll oder nicht Müll, das unterscheidet doch keiner mehr. Die Dschungelstars können bald neben Gottschalk bei "Wetten, dass..?" sitzen.

Kann man - wie manche Politiker schon öffentlich erwogen haben - solche Sendungen verbieten?

Diese Forderungen sind Unsinn - man kann Massenmedien nicht mit moralischen Maßstäben kommen. Die machen Sensationen.

Können Sie sich einen Punkt vorstellen, an dem es nicht mehr tiefer geht?

Nein, Geschmacklosigkeit ist unendlich. Es gibt juristische Grenzen: Wir dürfen nicht dabei sein, wenn jemand umgebracht wird. Auch wenn uns das durchaus interessieren würde.

Interview: Stephan Draf

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