Ryan Gosling Lachen mit gebrochenem Herzen


Wie Britney Spears hat er im "Mickey Mouse Club" angefangen. Mittlerweile gehört Ryan Gosling zu Hollywoods A-Liste. Komische Filme dreht er trotzdem. Im stern.de-Interview verrät er das Geheimnis der Sexpuppe, warum er so gut mit Frauen auskommt und spricht über die Schönheit des Verzeihens.

Ryan Gosling ist einer dieser jungen Hollywood-Schauspieler, die man erst nicht bemerkt, doch wenn sie das Showbusiness dann nach oben spült, erkennt man, dass sie eigentlich schon immer da waren. Sein Durchbruch hieß "Wie ein einziger Tag" (2004), war eine romantisches Drama und machte ihn zum Sexsymbol.

Offenbar damit davon nichts hängenbleibt, drehte der 27-Jährige danach lieber erst einmal schräge Filme, in denen er mit Sexpuppen spricht - "Lars und die Frauen" oder auch Crack raucht -"Half Nelson". Letzterer kommt nun in die Kinos und erzählt die Geschichte eines idealistischen Lehrers, der an der Realität und seinen Ansprüchen daran zerbricht.

Sie haben sich zu einem der gefragtesten Schauspieler Hollywoods entwickelt. Da verwundert es schon, Sie beispielsweise in "Lars und die Frauen" als einsamen, schüchternen Typen zu sehen, der im Internet eine Sexpuppe bestellt und sie seinen Freunden und Verwandten als große Liebe präsentiert. Warum solch eine Rolle?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass mich der Geist und die Qualität des Films an die Arbeit von Gene Wilder erinnert haben. Gene Wilder ist mein Marlon Brando. Er hat die Fähigkeit, einem das Herz zu brechen und einen gleichzeitig zum Lachen zu bringen. Mich interessieren Filme über Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Mich interessiert die Liebe und der Mangel daran. Wie wir alle Liebe wollen, doch nicht wissen, wie wir sie bekommen. Wie wir alle versuchen, das zu artikulieren, genau wie ich jetzt, und doch nicht wissen, wie wir unsere Gefühle in Worte fassen sollen. Das schaffen nur sensible Schreiber und Filmemacher. Dieser Film ist für mich über einen Kerl, der eine Frau aus Brasilien übers Internet kennenlernt, die ähnliche Träume, Hoffnungen, Ideen und ziemlich die gleiche Moral hat wie er. Sie verlieben sich, wagen die nächste Stufe, sie zieht bei ihm ein. Sie wird todkrank und stirbt. Für mich ist das schlicht eine Liebesgeschichte.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, was diese Geschichte über unsere Zeit aussagt - die anonyme Suche nach Liebe und Sex im Netz, Fetischismus...

Ich sehe das ein bisschen naiver: Denken Sie an ein Kind und seinen geliebten Teddybären. Der ist ein Objekt, das das Kind liebt, und er ist eine wichtige Stütze, die dem Kind durch viele schwierige Situationen hilft. Lars hat die Entscheidung getroffen zu lieben, ohne zu erwarten, dass etwas zurück kommt. Das finde ich sehr romantisch und mutig. Es ist sogar das Romantischste, was ich je gelesen habe, denn in den meisten Filmen geht es nur um Kompromisse. Nancy Oliver hat ein perfektes Drehbuch geschrieben. Sie zeigt einem auf eine scharfsinnige, hintergründige Art und Weise, dass wir nicht anders sind als Lars. Männer lieben ihre Autos, andere ihren Sport. Frauen lieben Shopping oder was auch immer. Wir alle lieben Dinge, und das übersehen wir. Es ist in diesem Fall nur kontrovers, weil es sich um eine Sexpuppe handelt.

Wie würden Sie denn Ihre Beziehung zu Frauen beschreiben?

Ich liebe Frauen! Ich arbeite nur mit Frauen. Mein Agent ist eine Frau, mein Manager ist eine Frau, meine Publizistin ist eine Frau. Meine Mutter und meine Schwester sind ständig mit mir. Ich ziehe Frauen vor. Meine Mutter ist der Grund, warum ich bin, wo ich bin.

Was heißt das genau?

Jetzt, da ich ein bisschen älter werde, wird mir erst klar, dass ich in außergewöhnlichen Umständen aufgewachsen bin. Ich habe früh gelernt, dass ich mich keiner willkürlichen Authorität unterwerfen muss. Ich hatte viele Auseinandersetzungen mit Lehrern, Schullleitern, andauernd - auch mit Studios. Seitdem ich sprechen kann, hat meine Mutter mich nach meiner Meinung gefragt. Bei uns zuhause wurde viel diskutiert über das Leben, über Politik. Sie hat mich immer gefragt, was ich davon halte, auch bei Dingen, mit denen ich noch keine Erfahrung hatte. Es war für sie immer wichtig, dass ich meine eigene Meinung habe, nicht die meiner Eltern oder Lehrer. Sie hat mir beigebracht, dass ich nie etwas akzeptieren muss, was ich als falsch empfinde. Und wenn ein Lehrer mit mir in einer Art und Weise sprach, die ich als unpassend empfand, dann sollte ich das sagen. Und wenn das nichts nutzte, durfte ich meine Sachen packen und gehen. Ich hatte eine schwierige Zeit in der Schule, ich habe oft gewechselt und hatte viele Lehrer. Weil ich zu viele Probleme in der Schule hatte, hat sie mich ab der fünften Klasse zuhause selbst unterrichtet. Auch später beim "Mickey Mouse Club" hat meine Mutter alles ausgesprochen und sich nichts gefallen lassen.

Apropos "Mickey Mouse Club": Sie stammen aus Kanada. Wie sind Sie eigentlich nach Hollywood gekommen?

Das hat mit Ignoranz zu tun. Wenn ich gewusst hätte, wie schwer es für die meisten in Hollywood ist, wäre ich bestimmt nicht gekommen. Aber die [TV- Show namens] "Mickey Mouse Club" suchte Tänzer, ich habe mich vorgestellt und bekam den Job. Bei dieser Show habe ich gelernt, was Professionalität bedeutet. Obwohl wir alle erst zwölf waren, wurde von uns erwartet, pünktlich zu sein, unsere Arbeit zu machen, Miete zu zahlen, uns selbst zu verpflegen, in die Schule zu gehen. Wir wurden wie Erwachsene behandelt. Man hat uns eine bestimmte Arbeitshaltung beigebracht. Ich glaube, dass ist auch der Grund, warum viele von dem "Mickey Mouse Club"-Kids [wie auch Britney Spears, Justin Timberlake und Christina Auguilera] später erfolgreich wurden.

Sie haben als Tänzer angefangen, warum sind Sie zur Schauspielerei gewechselt?

In der Show wurde von uns erwartet, dass wir auch schauspielern. Als ich die Sendung verliess, wurde mir klar, dass man als Schauspieler mehr Geld verdienen kann. [lacht] Da habe ich mich auf die Schauspielerei konzentriert, obwohl mir das damals nicht so viel Spass gemacht hat. Es ist mir halt leicht gefallen, es war einfach ein Job. Mein Vater hat in einer Papierfabrik gearbeitet und mochte seinen Job nicht, meine Mutter hat manchmal als Sekretärin gearbeitet und mochte ihren Job auch nicht. Erst bei den Dreharbeiten zu "The Believer" [2001] wurde mir klar, dass ich das auch umsonst machen würde. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben begriffen, dass es auch Jobs gibt, die einem Spass machen und man dafür auch noch bezahlt wird. Seither versuche ich, nur Filme zu machen, die Spaß machen und nicht nach dem Geld zu gehen.

Was gibt es in Ihrem Leben außer der Schauspielerei? Was haben Sie seit den Dreharbeiten zu "Lars und die Frauen" gemacht?

Ich arbeite an meinem eigenen Film über die "Resistance Army" im Norden von Uganda und über Kinder-Soldaten. Es ist kein Hobby von mir, obwohl es im Moment so aussieht, weil es sehr schwierig ist, die Finanzierung für diesen Film zu finden.

Sie waren in Uganda?

Ich habe dort Zeit mit den Kinder-Soldaten verbracht. Am außergewöhnlichsten war für mich deren Vermögen zu verzeihen. Ich hab schon Schwierigkeiten, jemandem zu vergeben, der mich im Verkehr schneidet. Es war überwältigend, zu erleben wie ein Mensch fähig ist, in einer Zeremonie zu verzeihen, dessen Familie sie umgebracht und dessen Leben sie ruiniert haben. In unserer Welt haben wir diese Rache-Fantasien wie in einem Charles-Bronson-Film. Dort will man einfach Frieden. Das ist wunderschön.

Interview: Frances Schöneberger


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