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TV Geschichte: Apollo, Adenauer und der Trabi-Wahn

Zeitzeugen dank Zapping: Das Fernsehen holt Weltgeschichte ins Wohnzimmer - Katastrophen und Glücksmomente

Eine der Katastrophen meiner Kindheit war das langsame Dahinsiechen unseres ersten Schwarzweißfernsehers. Der Nordmende wurde immer blasser, bis er irgendwann nur noch Milchsuppe zeigte. Es drohte der Rücksturz in die Radiozeit. Nur in Neumondnächten, quasi bei doppelter Dunkelheit, ahnte man etwas vom Geschehen auf dem Bildschirm. Zu dieser Zeit, im April 1967, starb Deutschlands erster Bundeskanzler. Für das Fernsehen war die Beerdigung Konrad Adenauers ein Großereignis, für uns zu Hause der Medien-GAU, denn die Feierlichkeiten waren für den helllichten Tag angesetzt worden. Meine Mutter, Kriegsgeneration, zäh, nie aufgebend, schaffte es, dem siebenstündigen Event trotz defekten Fernsehers beizuwohnen, indem sie eine Wolldecke über die Kiste stülpte und sich darunter verkroch, nicht ohne störendes Licht mit schwarzem Klebeband aus der Nordmende-Mutter-Decke-Einheit verbannt zu haben. Ab und zu wurden wir Kinder unter die Konstruktion gerufen, etwa als ein hellgrauer Balken ("der Sarg") sich von links nach rechts über den Bildschirm schob oder ein mittelgraues, flimmerndes Quadrat ("Ludwig Erhard") lange Zeit das Bild ausfüllte. Unausgesprochen stand während der Übertragung eine Frage im Raum: Was soll nun aus Deutschland werden? Zwei Jahre später war bei uns daheim Mondlandung mit neuem Fernseher bei Salzstangen, gelber Brause und Günter Siefarth am Mikro. Als Armstrong auf den Mond plumpste, sagte jemand: "Das ist der größte Moment in der Geschichte der Menschheit", woraufhin wir kollektiv Gänsehaut bekamen. Und als der Moderator uns verriet, dass in diesem Moment weltweit mehrere hundert Millionen Menschen vor ihren Fernsehgeräten sitzen - es waren 600 Millionen -, wurde uns zum ersten Mal klar, dass es so etwas wie eine Weltfamilie gibt - ein gutes Gefühl! Konnte man ahnen, dass nur ein paar Jahre später weltweit 2,5 Milliarden Menschen am Fernseher der Beerdigung von Prinzessin Diana beiwohnen würden? Weltgeschichte, die große und die banale, passiert heute live im TV. So haben wir Kennedys Ermordung gesehen, wir haben schreckliche Bilder aus dem Vietnamkrieg gesehen, wir haben uns über die anonym-grünen Kriegsbilder aus dem Irak gegruselt und waren dabei, als Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten. Die Welt ist leider so: Meistens sind es die Katastrophen, die die ganz große Fernsehfamilie vor den Bildschirm holen. Aber dann passiert auch immer wieder so etwas wie im Spätherbst 1989: Kleine stinkende Autos passieren eine Grenze, die Jahrzehnte für unüberwindbar galt. Brüder und Schwestern fallen sich heulend in die Arme. Und der Mensch am Bildschirm heult mit. Fernsehen at its best.

Peter Pursche / print
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