Venedig-Tagebuch Mit George Clooney kommt der Glamour


Den etwas glanzlosen offiziellen Startschuss der Mostra haben wir bereits hinter uns. Nun wurde das Festival richtig eröffnet - mit dem schrillen Kreischen von Teenagern.

Am zweiten Tag kam endlich der erste Superstar. Wie immer perfekt gekleidet, wie immer bester Laune und unverschämt lässig. Ladies and Gentlemen: Mr. George Clooney! "Good Night, and Good Luck", der Film den Clooney im Gepäck hat, ist dagegen ganz und gar nicht glamourös. Kein leichtes Entertainment zum Kopfabschalten, sondern ernsthaftes, komplett in Schwarz-Weiß gedrehtes Politkino mit einer Gruppe von TV-Journalisten als Mittelpunkt. Von den kreischenden weiblichen Fans war während der Gala-Vorstellung natürlich nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hätten sie spätestens nach 20 Minuten angefangen, SMS an ihre Freundinnen zu schreiben.

Clooneys zweiter Regiearbeit ist eine Art "Die Unbestechlichen" im Westentaschenformat. Der mutige Nachrichten-Pionier Edward R. Murrow will sich in den 50er Jahren die Kommunisten-Hexenjagd von Senator McCarthy nicht länger ansehen und enthüllt mit seinem Reporterteam McCarthys unlautere Methoden. Es geht um Pressefreiheit, Patriotismus und den Niedergang der TV-Journalismus. Die Botschaft: Damals hat sich das Fernsehen noch etwas getraut, wollte nicht nur seichte Unterhaltung und Star-Interviews, sondern Aufklärung. "Ich wollte keine Attacke gegen unsere momentane Regierung fahren, sondern eine Debatte beginnen", sagte Clooney in der Pressekonferenz.

Erstklassige Besetzung

Das ist ihm gelungen. Von einigen handwerklichen Schwächen abgesehen intelligent und humorvoll inszeniert, strickt Clooney, dessen Vater selbst als Fernseh-"Anchorman" gearbeitet hat, eine Huldigung an Murrow. Wie schon in seinem Regiedebüt "Confessions of a Dangerous Mind" verzichtet er auf die Hauptrolle und überlässt seiner erstklassigen Besetzung - David Strathairn, Robert Downey Jr. und Patricia Clarkson - das Rampenlicht. Trotzdem fragt man sich am Ende des Funk-Kammerspiels, wenn das eigentlich außerhalb der Vereinigten Staaten interessieren soll. Egal. In der Pressekonferenz sorgte Clooney für einen übervollen Saal und war nach einigen seriösen Fragen und Antworten schnell wieder für flotte Sprüche zu haben: "Ich denke, dass 'Batman und Robin' für die politische Struktur meines Landes sehr wichtig war."

Ebenfalls eine sehr amerikanische Geschichte erzählt "Brokeback Mountain", der im Wettbewerb mit Clooney um den Goldenen Löwen konkurriert. Mal ehrlich: Wer geht trotz toller Landschaftsaufnahmen ins Kino für eine Geschichte über zwei schwule Cowboys in den Sechzigern. Die ihre Liebe aus gesellschaftlichen Zwängen nie öffentlich machen können, stattdessen heiraten, Kinder zeugen und sich gelegentlich zum "Fischen" treffen. Auch wenn die Homos mit Hut und Stiefeln von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal ("Donnie Darko") einfühlsam und mit vollem Körpereinsatz gespielt werden. Auch wenn der Regisseur Ang Lee heißt, der mit "Der Eissturm" oder "Tiger & Dragon" viele Fans gewann (und sie mit "Hulk" wieder verlor). Der Handlung des über zweistündigen Film merkt man zudem an, dass sie auf einer Kurzgeschichte von Annie Proulx basiert. Irgendwann weiß Lee nicht mehr so recht, was er eigentlich noch erzählen soll. Und dreht trotzdem weiter.

Außer Konkurrenz lief noch ein chinesischer Actionfilm, dessen gesellschaftspolitischer Beitrag weniger nahe liegt. Weltweite Ölpreis-Schock, Benzin wird immer teurer, junge Chinesen stört das nicht. Sie brettern lieber in ihren hochgetunten Flitzern auf kurvenreichen Bergstrecken um die Wette. An "Initial D" von Andy Lau ist eigentlich alles Klischee. Der verschüchterte Junge, vom dauerbetrunkenen Vater geprügelt. Der besser rast als alle anderen. Sein doofer, dicker Freund. Seine kurzberockte Schulmädchen-Freundin. Doch die Asia-Antwort auf "The Fast and the Furious" macht mit schnellen Bildern, Slapstick und originellen Einfällen dennoch Laune. Und am Ende gibt es sogar noch einen klaren pädagogischen Fingerzeig: Wenn dein Mädchen mit einem reichen, alten Sack im "Love Hotel" verschwindet, vergiss sie und werde professioneller Rennfahrer.

Was haben wir heute nicht alles gelernt...

Matthias Schmidt


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